Amerikanist Greiner: Europa muss politisch Druck auf USA ausüben

Amerikanist Greiner: Europa muss politisch Druck auf USA ausüben
Nach Einschätzung des Historikers und Amerikanisten Bernd Greiner sollte Europa sich viel deutlicher öffentlich gegen die Gewalteskalation in den USA aussprechen.
29.01.2026
epd
epd-Gespräch: Franziska Hein

Frankfurt a.M. (epd). Der Amerikanist und Historiker Bernd Greiner hält zurückhaltende Reaktionen führender Politiker in Europa auf die Erschießung von Zivilisten durch US-Bundesagenten für einen Fehler. „Wenn wir in Europa diese Gewalteskalation akzeptieren und das hinnehmen mit dem Gestus 'Wir können nichts daran ändern', dann gibt es nichts mehr, was wir nicht akzeptieren“, sagte Greiner dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Das Narrativ, Europa sei hilflos und könne wegen seiner Abhängigkeit von den USA keinen politischen Druck geltend machen, sei „Selbstverzwergung, die mit Politik nichts mehr zu tun hat“, sagte Greiner. Europa habe die Ressourcen, ökonomisch, aber auch ideell und politisch. Natürlich sei es politisch nicht einfach, der Kritik, solange sie nicht wohlfeil sein solle, auch entsprechenden Druck folgen zu lassen. „Aber es muss bei der entschiedenen Kritik anfangen und nicht bei zurückhaltender Besonnenheit in der Überzeugung, auf den US-Präsidenten Donald Trump zugehen zu müssen.“ Damit entmündige man auch einen großen Teil der Öffentlichkeit.

Großteil der liberalen Elite in USA versagt

Auch ein großer Teil der liberalen Elite und der Demokratischen Partei in den USA versage im Augenblick. „Sie nutzen die Möglichkeit zur öffentlichen Skandalisierung nicht.“ Die Demokraten hätten viel zu lange gewartet, um das Kind beim Namen zu nennen. Greiner sprach von einem „eklatanten Versagen derjenigen, die aufgerufen seien, Widerspruch gegen die Politik der Trump-Administration zu mobilisieren“.

Man dürfe das Engagement Tausender Amerikaner nicht unterschätzen, die gegen die Politik Trumps aufbegehrten und in Nachbarschaftsinitiativen Hilfe organisierten. „Diese Menschen müssen sich doch vor dem Hintergrund des Verhaltens der Führungsspitze der Demokratischen Partei alleingelassen fühlen“, sagte Greiner, der jüngst ein Buch über die Geschichte der USA mit dem Titel „Weißglut“ veröffentlicht hat.

Es sei wirklich anrührend, welche Nachbarschaftshilfe geleistet werde. Menschen kauften für Tausende Dollar Babywindeln, damit junge Eltern nicht ihr Haus verlassen müssten und Gefahr liefen, in die Fänge der Häscher der Einwanderungsbehörde ICE zu geraten, schilderte Greiner.