Evangelische Kirche: Fortschritte bei Missbrauchsaufarbeitung dauern

Evangelische Kirche: Fortschritte bei Missbrauchsaufarbeitung dauern
Vor zwei Jahren zeigte die ForuM-Studie das enorme Ausmaß von Missbrauch auch in der evangelischen Kirche. Auch die Aufarbeitung der Taten war oft mangelhaft. Seither gibt es zwar Fortschritte, diese dauerten aber oft zu lange, klagen Betroffene.
22.01.2026
epd
Von Alexander Lang und Karen Miether (epd)

Speyer, Bremen (epd). Prävention und Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch bleiben für die evangelische Kirche eine drängende Aufgabe. „Das Thema muss in die DNA von Kirche und Diakonie“, sagte die kirchliche Sprecherin des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Diakonie, Dorothee Wüst, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Sprecherin der Betroffenen in dem Gremium, Nancy Janz, sieht zwar zwei Jahre nach der Veröffentlichung der evangelischen Missbrauchsstudie Fortschritte im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Wichtige, grundlegende Veränderungen jedoch dauerten zu lange.

Vor zwei Jahren hatte ein unabhängiges Forscherteam EKD und Diakonie in der ForuM-Studie großen Nachholbedarf bei der Aufarbeitung und Prävention attestiert. Die Studie zeigte, dass das Ausmaß von Missbrauch in der evangelischen Kirche größer war als bis dahin angenommen. Für den Zeitraum von 1946 bis 2020 wurden mindestens 2.225 Betroffene und 1.259 mutmaßliche Täter ermittelt, die Dunkelziffer liegt laut den Forschern noch höher. Die Forscher bescheinigten kirchlichen Institutionen Verantwortungsdiffusion, Konfliktunfähigkeit und einen Harmoniezwang. Dies stehe der Aufklärung der Taten im Weg. Betroffene erlebten zumeist kaum Unterstützung und mangelnde Sensibilität, wenn sie bei kirchlichen Stellen Taten anzeigten.

Wüst: Haltungsänderung nötig

In der Kirche sei ein „Kulturwandel, eine Haltungsänderung“ nötig, sagte Wüst. Viele Menschen in Kirchenleitungen, Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen stellten sich zwar ihrer Verantwortung. Andere setzten sich aber weiterhin nicht mit Missbrauch auseinander oder meinten, dies nicht tun zu müssen, sagte die pfälzische Kirchenpräsidentin. Als Fortschritt nannte sie, dass bei allen kirchlichen Entscheidungsprozessen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt Betroffene eingebunden würden.

Betroffenensprecherin Janz klagte jedoch, die Empfehlungen etwa des Beteiligungsforums, dem zentralen Gremium für die Bearbeitung des Themas, müssten erst einen ganzen Apparat von Gremien passieren. Das gelte für jede einzelne der 20 Landeskirchen sowie die diakonischen Verbände und diese handelten noch immer nicht einheitlich.

Anerkennungsrichtlinie wird noch nicht überall umgesetzt

Als ein Beispiel nannte Janz im Gespräch mit dem epd die einheitlichen Anerkennungszahlungen für Betroffene. Diese sollten laut einer Richtlinie der EKD seit Januar eigentlich deutschlandweit gleichermaßen gelten. Doch nicht überall seien sie schon umgesetzt.

Auch bei den neun unabhängigen regionalen Kommissionen zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt läuft es noch nicht überall rund. Die regionale Kommission für Niedersachsen und Bremen etwa konnte bislang ihre Arbeit noch nicht aufnehmen.

Janz nannte es einen Fortschritt, dass innerhalb der EKD die Diskussion über Machtstrukturen in der Kirche begonnen habe. Doch auch hier sei noch viel zu tun, sagte sie. So falle leitenden Kirchenvertretern der Umgang mit Kritik nach wie vor schwer. Der Umgang mit Macht müsse schon in der Ausbildung von Theologinnen und Theologen mehr Gewicht bekommen. Wenn Macht genutzt werde, um Verantwortung zu verschieben, komme die Kirche nicht voran, warnte sie.