Stromausfall in Berlin: Kaffee gegen Kälte und Einsamkeit

Stromausfall in Berlin: Kaffee gegen Kälte und Einsamkeit
Kirchengemeinden helfen Betroffenen mit einer Vielzahl von Angeboten
Seit Samstag sind Tausende Haushalte im Berliner Südwesten ohne Strom. Seither gibt es eine große Welle der Hilfsbereitschaft in der ganzen Stadt. Auch evangelische Kirchengemeinden kümmern sich um die Betroffenen.
06.01.2026
epd
Von Lino Wimmer (epd)

Berlin (epd). Angela Michaelis kramt noch einmal durch den gepackten Wäschekorb, der vor ihr im Gemeindehaus im Berliner Südwesten steht: Die Kerzen und Streichhölzer gegen die Dunkelheit sind da, auch die Wärmflaschen, heißes Wasser und Thermoskannen gegen die Kälte, dazu Puddingpulver, ein Fertiggericht und ein paar Tageszeitungen. Während bei ihren Nachbarn 300 Meter weiter die Lichter seit Samstag ausbleiben, sitzt die evangelische Christin und pensionierte Musiklehrerin weiter im Warmen.

„Ich war erstmal fassungslos, wie schnell das gehen kann“, sagt sie am Dienstag in der Evangelischen Emmaus-Kirchengemeinde in Zehlendorf. Nun sei sie vor allem dankbar, dass sie selbst noch Strom hat und ihre Mutter bei sich aufnehmen konnte. Als die 63-Jährige im Fernsehen von der Aktion in ihrer Kirchengemeinde erfuhr, wollte Angela Michaelis mit anpacken - so wie rund 20 weitere Helferinnen und Helfer, die sich an diesem Morgen neben der Emmaus-Kirche eingefunden haben.

„Könnt ihr kommen?“

Mit einer Handvoll Teams wollen sie an diesem Dienstagvormittag durch die Straßen im lahmgelegten Berliner Südwesten ziehen - und die Menschen erreichen, die im Dunkeln sitzen. Menschen, die vielleicht Angst haben oder gar nicht wissen, warum der Strom wegbleibt, und warum ihre Nachbarn weggefahren sind. Oder Leute, die einen Arzt sehen müssen.

„Ich habe Angst, könnt ihr kommen?“ Das fragen auch einige Anrufer bei der Kirchengemeinde, sogar aus dem Studentenheim in Zehlendorf. „An fehlender Hilfe scheitert es nicht“, berichtet Küsterin Dominique Harder. Sie zeigt auf Kochtöpfe voll Couscous-Salat und Plastikflaschen mit Tomatensuppe, die sie aus Platzmangel inzwischen im Hausflur lagert. Mittlerweile schicke sie die freiwilligen Köche schon wieder heim. Mit der aufwändigen Organisation seien sie hier überfordert: „Das ist ja nicht der eigentliche Job einer Kirchengemeinde.“

Unterwegs in Nikolassee

Angela Michaelis schaut auf ihr Handy. Drei Ortspunkte sind auf der Google-Maps-Karte markiert, eng beieinander im Stadtteil Nikolassee. Da soll ihr Team hinfahren. Die 63-Jährige steigt in das Auto der IT-Managerin Gabi Rittinghaus ein, mit dabei sind auch die Schülerin Mathilda und zwei ihrer Freunde. Der Schulunterricht an ihrer Schule fällt heute aus.

Die Punkte auf der Karte führen die Gruppe schließlich in ein Villenviertel. Die Straßen sind leer, abgesehen von ein paar Polizisten. Aus einigen Schornsteinen qualmt es. „Huhu, hallo!“, ruft Mathilda durch ein altes Metall-Megafon die Hausfassaden hinauf. Wenig später taucht eine Spaziergängerin auf, der Strom sei gerade wiedergekommen. Sie wirkt erleichtert und freut sich über das Interesse der Gemeindemitglieder: „Gut, wenn uns das einmal zusammenbringt.“

Suppe und Strom

Ein paar Straßen weiter haben die Anwohner weniger Glück. Nach ein wenig Überredung freuen sich zwei ältere Herren über eine noch warme Tasse Kaffee. Frau Dreier, die aus ihrem Haus kommt, ist vor allem für das warme Wasser dankbar. „Das größte Problem ist die Kälte“, erzählt die Mittsechzigerin in ihrer Wohnung der Helferin Mathilda.

Sie ist mit ihrem Sohn dort geblieben, weil sie ihre Katzen nicht alleine lassen will. In der Küche versucht sie, eine Kanne Tee mit einem Teelicht warmzuhalten. Ein Arbeitskollege ihres Sohnes hat Akkulampen und „5-Minuten-Terrinen“ gebracht. Doch ohne heißes Wasser haben sie von denen wenig. „Eine Katastrophe“, sagt ihr Sohn: „Und so fängt das Jahr an.“

Die Zehlendorfer Emmaus-Gemeinde ist nicht die einzige kirchliche Einrichtung, die Hilfe während des flächendeckenden Stromausfalls anbietet. Räume zum Aufwärmen gibt es auch in der Paulus-Gemeinde in Lichterfelde sowie in Steglitz in der Matthäus-Gemeinde, der Lukas-Kita und der Patmos-Gemeinde. Sanitäre Anlagen können zudem in der Zehlendorfer Johann-Sebastian-Bach-Gemeinde genutzt werden. In der Steglitzer Markus-Gemeinde besteht die Möglichkeit, Wäsche zu waschen.

Angela Michaelis muss jetzt zur Arbeit fahren, sie gibt private Geigenstunden. Sie ist froh, dass sie heute Morgen in ihre Gemeinde gefahren ist. Die große Unterstützung so vieler Menschen mache ihr Mut, sagt die evangelische Christin.