Frankfurt a.M., Caracas (epd). Nach dem gewaltsamen Sturz des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch das US-Militär ist die Zukunft des südamerikanischen Landes ungewiss. Während US-Präsident Donald Trump ankündigte, auf unbestimmte Zeit die Kontrolle in Venezuela zu übernehmen, bis ein „ordnungsgemäßer Transfer“ der Macht erfolgen könne, ernannte das Oberste Gericht des Landes die bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez zur Interimspräsidentin. Sie kündigte Widerstand gegen die USA an. Diese hatten Maduro in der Nacht zum Samstag bei einem Militärschlag gefangen genommen und außer Landes gebracht.
Ein vom Weißen Haus verbreitetes Video soll Maduro in einem New Yorker Gefängnis zeigen, wo er begleitet von Beamten der US-Drogenpolizei DEA abgeführt wird. Der Militäreinsatz rief in der Region teils scharfen Protest hervor. UN-Generalsekretär António Guterres und Vertreter der EU äußerten sich besorgt und verwiesen auf die Regeln des Völkerrechts, die einzuhalten seien. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) reagierte zurückhaltender.
Über den nächtlichen US-Angriff berichteten Nutzer in sozialen Netzwerken. Demnach flogen Kampfflugzeuge über der Hauptstadt Caracas, es habe Explosionen und Stromausfälle in verschiedenen Landesteilen gegeben. US-Präsident Trump sagte bei einer Fernsehansprache wenige Stunden nach dem Angriff, kein einziger US-Soldat sei ums Leben gekommen. Die US-Streitkräfte hätten das venezolanische Militär „vollkommen überwältigt und ausgeschaltet“.
Maduro soll der Prozess gemacht werden
Maduro, der zusammen mit seiner Ehefrau Cilia Flores festgenommen wurde, soll in den USA vor Gericht gestellt werden. Der 63-Jährige hatte seit 2013 in Venezuela zunehmend autoritär regiert. Die USA werfen ihm Terrorismus und Drogenhandel vor.
Vizepräsidentin Rodríguez hatte unmittelbar nach dem Angriff erklärt, dass Soldaten und Zivilisten getötet worden seien. Die Zahl der Todesopfer sei noch unbekannt. Nach ihrer Ernennung zur Interimspräsidentin am Samstagnachmittag erklärte Rodríguez, sie stehe fest hinter Maduro als Präsident. Sie widersprach Aussagen von US-Präsident Trump, sie sei bereit, mit den USA zu kooperieren. „Wir werden nie wieder eine Kolonie, egal von welchem Imperium“, erklärte Rodríguez laut der staatlichen Zeitung „Correo del Orinoco“.
Seit längerem hatte die US-Regierung mit einem Angriff auf venezolanisches Staatsgebiet gedroht und das damit begründet, gegen Drogenproduktion und -handel vorgehen zu wollen. Die US-Marine hatte in der jüngsten Vergangenheit bereits mehrere Fischerboote aus Venezuela und Kolumbien versenkt, die Drogen transportiert haben sollen.
US-Firmen sollen Ölindustrie übernehmen
Venezuela besitzt die weltweit größten Ölvorkommen. Das Land hatte die Erdölindustrie in den 70er Jahren verstaatlicht. Trump erklärte, große US-Firmen würden nun in Venezuela die „Infrastruktur“ wieder aufbauen.
UN-Generalsekretär Guterres ist nach Angaben eines Sprechers „zutiefst besorgt“ darüber, dass bei dem Militärschlag die Regeln des Völkerrechts nicht eingehalten wurden. Unabhängig von der Lage in Venezuela stellten diese Entwicklungen einen gefährlichen Präzedenzfall dar, heißt es in einer Erklärung. Nach Angaben der Vereinten Nationen bat Venezuela den UN-Sicherheitsrat um eine Dringlichkeitssitzung in New York.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas erklärte, die Europäische Union (EU) beobachte die Lage sehr genau, die Sicherheit der EU-Bürger in Venezuela habe oberste Priorität. Die EU habe wiederholt erklärt, dass Maduro die Legitimation als Präsident fehle und sich für einen friedlichen Wechsel ausgesprochen.
„Unter allen Umständen müssen die Grundsätze des Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen eingehalten werden“, schrieb Kallas im Netzwerk X und fügte hinzu: „Wir rufen zur Zurückhaltung auf.“ EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schrieb ebenfalls bei X, die EU unterstütze einen friedlichen und demokratischen Übergang.
Merz wünscht sich „geordneten Übergang“
Der deutsche Bundeskanzler Merz wollte den US-Militärschlag in einer ersten Reaktion am Samstagabend ausdrücklich nicht bewerten: „Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex. Dazu nehmen wir uns Zeit.“ Er fügt hinzu: „Grundsätzlich müssen im Umgang zwischen Staaten die Prinzipien des Völkerrechts gelten.“
Jetzt dürfe in Venezuela keine politische Instabilität entstehen, erklärte Merz, der Maduro vorwarf, sein Land ins Verderben geführt und die jüngste Wahl gefälscht zu haben. Es gelte, „einen geordneten Übergang hin zu einer durch Wahlen legitimierten Regierung zu gewährleisten“.
Deutliche Kritik an den USA und Sorge vor einer Eskalation der Lage äußerten Länder in der Region. Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro erklärte, seine Regierung lehne jede einseitige militärische Aktion ab, die die Lage verschärfen oder die Zivilbevölkerung gefährden könne. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum sieht die Charta der Vereinten Nation durch die USA verletzt.

