Alltagskulturforscherin: Weihnachtstraditionen sind sozialer Kitt

Alltagskulturforscherin: Weihnachtstraditionen sind sozialer Kitt
12.12.2022
epd
epd-Gespräch: Katrin Nordwald

Münster (epd). Gerade an Weihnachten haben Traditionen laut der Alltagskulturforscherin Christiane Cantauw nach wie vor eine große Bedeutung. Traditionen seien grundsätzlich eine Rückversicherung, sagte Cantauw dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Münster. Familiäre Traditionen zielten darauf ab, die Gemeinschaft zu festigen. „Das ist ein sozialer Kitt“, betonte die wissenschaftliche Geschäftsführerin der Kommission Alltagskulturforschung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). „Selbst, wenn nicht alle an Jesus glauben, macht es für sie Sinn, zu Weihnachten zusammenzukommen, zusammen zu essen und zu trinken, Zeit miteinander zu verbringen.“ Dabei spielten Rituale wie ein bestimmtes Essen, das Schmücken des Baumes und der gemeinsame Besuch der Christmette eine wichtige Rolle.

Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Annahme seien Traditionen nicht statisch, sondern dynamisch und wandelten sich mit der Zeit und den Bedürfnissen einzelner gesellschaftlicher Gruppen, sagte Cantauw. Vor gut 100 Jahren sei Weihnachten etwa in den katholisch geprägten Regionen Westfalens ein ausgesprochen kirchliches Fest und kein Kindergeschenkfest gewesen, berichtete die Kulturanthropologin. „Damals brachte der Nikolaus am 6. Dezember die Geschenke.“ Mit dem Zuzug preußischer Beamter evangelischen Glaubens zwischen den Weltkriegen habe allmählich die Bescherung an Heiligabend Einzug in westfälische Wohnzimmer gehalten.

Cantauw beobachtet, dass familiäre Traditionen zu Weihnachten auch heutzutage immer wieder angepasst werden. „Das heißt zwar nicht, dass bewährte und geliebte Familientraditionen wie Adventskranz, Wichteln oder das gemeinsame Aufbauen der Weihnachtskrippe keine Rolle mehr spielen“, sagte sie. Doch vor dem Hintergrund von Klimawandel und Energiekrise werde in der Gesellschaft zunehmend das eigene Handeln hinterfragt. Familien suchten nach Alternativen zum geschlagenen Weihnachtsbaum oder zum Braten im Ofen.

„An Ende wird es vermutlich einen Kompromiss geben, bei dem sich aber alle wohl fühlen sollten“, rät die Forscherin Eltern und Kindern. Vielleicht entscheide man sich für ein selbstgebautes Baumgestell aus Ästen und Holzlatten oder eine neue Küchenkreation, die der Beginn einer neuen familiären Tradition sein könnte.