Annas Alltag als Kriegsgegnerin

Demonstration in Russland

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Viele Russen sind gegen den Krieg in der Ukraine. Eine Studierende aus dem Norden des Landes berichtet für uns von ihren Erfahrungen.

Eine Stimme aus Russland
Annas Alltag als Kriegsgegnerin
Anna* kommt aus Russland. Sie hat einen engen Bezug zu Europa. Umso mehr hat sie der russische Angriff auf die Ukraine erschüttert. Auf evangelisch.de wird sie regelmäßig von ihren Eindrücken und Erlebnissen berichten.

Ich bin Studentin und wohne in einer Stadt in Russland. Hier bei uns sind internationale Kontakte etwas Selbstverständliches. Man fährt nach Finnland am Wochenende und kauft Käse und Butter in Estland. Auch ich selbst habe an einer deutschen Universität studiert und fand es echt klasse, an internationalen Projekten zu arbeiten. Die Welt war so freundlich und offen. Ich konnte es mit nicht vorstellen, dass es wieder einen Krieg geben würde.

Selbst als sich russische Truppen den Grenzen näherten und Putin die Republiken von Donbass anerkannte, hoffte ich, dass es im 21. Jahrhundert niemandem mit klarem Verstand einfallen würde, mitten in Europa zu schießen. Weil es kaum Familien in Russland gibt, die keine Freunde oder Verwandte in der Ukraine haben. Weil man schon als Kind jedes Jahr in der Schule hört, wie schrecklich der Zweite Weltkrieg war. Natürlich versuchte die staatliche Propaganda uns auf einen Konflikt mit der Ukraine vorzubereiten. Aber wir gucken kein Fernsehen, weil die meisten Leute hier wissen: Das, was man in den stundenlangen politischen Talkshows sagt, hat mit der Realität nichts zu tun.

Und doch hat der Krieg begonnen. Ich ging in meine Uni, wie immer. Die Sonne schien, wie immer. Die Stadt war schön, wie immer. Und es war Krieg. Der Krieg, den wir nicht wollten. Den man aber von unserem Namen führte. Ich bin schockiert. Ich habe mich noch nie so geschämt, nie so schuldig gefühlt für das das Handeln des Staates, in dem ich wohne. Als ob ich das irgendwie beeinflussen konnte, was passiert ist.

"Nein dem Krieg!" ist unser Motto

Der Staat begann diesen Krieg, aber ich kenne kaum Leute, die sich darüber freuen. Selbst diejenigen, die die Republiken von Donbass unterstützten, waren nicht dazu bereit. Schon am ersten Tag begannen Demonstrationen für den Frieden. Sie waren illegal, im Zentrum der Stadt gab es viel Polizei, viele Teilnehmer wurden verhaftet, aber sie gingen dahin trotzdem. Hunderte, Tausende Menschen, die keinen Krieg wollten.

Die Worte "Nein dem Krieg!" sind zu unserem Motto geworden. Es steht auf Rucksäcken, auf Flugblättern, an Hauswänden. Die Regierung verbietet, diesen Konflikt als Krieg zu bezeichnen, aber was ist das sonst, wenn nicht der Krieg, wenn die einen schießen und die anderen sich in der U-Bahn vor Bomben verstecken? Nach typisch russischem Sarkasmus tauchte ein Witz auf: Auf dem Cover von Leo Tolstois Buch "Krieg und Frieden" wurde das Wort "Krieg" durch "Besondere Gefechtshandlung" ersetzt.

Was hier manchmal "Patriotismus" genannt wird, die klaglose Zustimmung zu allem, was im Namen des Staates gesagt wird, ist mir fremd. Der Staat ist nicht das ganze Volk. Unsere Regierung nennt sich demokratisch, was bedeutet, dass sie die Interessen von Menschen mit unterschiedlichen Meinungen vertreten muss. Aber sie macht das nicht.

Der waffenlose Kampf für den Frieden in der Ukraine hat sehr unterschiedliche Menschen vereint – Gläubige, Atheisten, Liberale, Nationalisten, Konservative… Und seltsamerweise spürte ich erst jetzt, was es bedeutet, "Schwestern und Brüder" zu sein, wie uns der Pfarrer von der Kanzel aus nennt. Ich spüre, wie viel ich jetzt mit verschiedenen Menschen aus verschiedenen Ländern gemeinsam habe. Dass wir alle einen gemeinsamen Zweck haben: "Nein dem Krieg!"

*Anna heißt eigentlich anders. Zu ihrem Schutz hat die Redaktion ihren Namen geändert.

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