Katsch fordert bundesweite Beratungsstelle für Missbrauchsbetroffene

Katsch fordert bundesweite Beratungsstelle für Missbrauchsbetroffene
27.01.2022
epd
epd-Gespräch: Franziska Hein

Der Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, hat eine bundesweite unabhängige Beratungsstelle für Missbrauchsopfer der katholischen Kirche gefordert. Die Frage des Augenblicks müsse lauten: "Wie kann den Betroffenen endlich die lange versprochene Unterstützung und Hilfe organisiert werden?", sagte Katsch am Donnerstag in Reaktion auf die Stellungnahme des Erzbistums Münchens zu dem vergangene Woche vorgelegten Missbrauchsgutachten. "Angesichts der zahlreichen Menschen, die wieder aufgewühlt sind von den Berichten, brauchte es möglichst rasch die Schaffung einer bundesweit erreichbaren, unabhängigen Beratungsstelle, die nach dem betroffenenkontrollierten Ansatz arbeitet", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Über die Beratung hinaus müsse die Frage gestellt werden: "Wie kann endlich ein Opfergenesungswerk auf den Weg gebracht werden und was sind Laien wie Bistümer und Orden bereit, dafür zu tun?", unterstrich der Sprecher des "Eckigen Tisches".

"Wir haben die dunkle Seite der Kirche kennengelernt", fügte Katsch hinzu, der selbst Betroffener von sexualisierter Gewalt als Heranwachsender geworden ist und zur Aufdeckung des Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kollegs 2010 beigetragen hatte. Gewalt und Missbrauch seien nicht nur "im" Raum der Kirche geschehen, sondern auch "durch" die Kirche, ihre Priester und Mitarbeitenden - durch die Täter ebenso wie durch die Vertreter der Leitung, denen Täterschutz vor Opferschutz gegangen sei. "Deshalb sollte die Kirche ihre institutionelle Verantwortung auch anerkennen."

Er bezweifle, dass Bischöfe, die wie der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx mitverantwortlich seien für das System des Missbrauchs in der Kirche, den Aufbruch und die notwendige Veränderung wirklich organisieren könnten. "Die Aufarbeitung, die Hilfe und die Entschädigung der Opfer ist eine Aufgabe für die ganze Kirche, nicht nur für Bischöfe. Auch die Laien sind jetzt gefordert."

Die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl hatte Missbrauchsfälle im Erzbistum München und Freising zwischen 1945 und 2019 untersucht. Die Gutachter fanden in diesem Zeitraum im Erzbistum Hinweise auf mindestens 497 Betroffene sexualisierter Gewalt, sowie 235 Täter, darunter 173 katholische Priester.

Zudem werfen sie dem emeritierten Papst Benedikt XVI. Fehler im Umgang mit Missbrauchs-Tätern in vier Fällen in seiner Funktion als Münchner Erzbischof zwischen 1977 und 1982 vor. Auch dem amtierenden Erzbischof Kardinal Reinhard Marx wiesen sie Fehlverhalten in zwei Missbrauchsfällen nach. Er soll in seiner Amtszeit pflichtwidrig Missbrauchsfälle nicht nach Rom gemeldet haben. Das Erzbistum hatte am Donnerstag inhaltlich Stellung genommen. Marx erklärte, er sei "erneut erschrocken und erschüttert".