Historiker Sabrow: Demokratie auch heute nicht vor Aushöhlung gefeit

Historiker Sabrow: Demokratie auch heute nicht vor Aushöhlung gefeit

Der Historiker Martin Sabrow hat davor gewarnt, die heutige Demokratie als dauerhaft gesicherte Staatsform zu betrachten. "Das Gegensatzpaar von Demokratie und Diktatur suggeriert eine trügerische Abstandsgewissheit", sagte der Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung den "Potsdamer Neuesten Nachrichten" (Dienstag). Die demokratische Ordnung in Deutschland sei zwar heute ungleich gefestigter als jene vor 100 Jahren. Sie sei jedoch "trotzdem vor rascher Aushöhlung nicht gefeit".

Die "moralische Einzigartigkeit" der NS-Verbrechen müsse weiter Ausgangspunkt einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Geschichte und mit gesellschaftlichen Entwicklungen sein, sagte der Wissenschaftler, der zum Jahresende in den Ruhestand geht. Vergleiche von Diktaturen wie NS-System und Kommunismus dürften zudem nicht zu deren Gleichsetzung führen.

"Die NS-Herrschaft führte in ein nie dagewesenes Menschheitsverbrechen, das kommunistische Experiment nach 70 Jahren in eine verblüffend friedliche Entmachtung", sagte Sabrow. Die eine Diktaturform sei bereits in ihrem Selbstverständnis auf "Ungleichheit und Ausgrenzung bis zur Vernichtung ausgerichtet" gewesen, die andere habe ihre "auf Emanzipation der Unterdrückten zielende Mission erst in der terroristischen Wahl ihrer Mittel" zerstört.

Historische Vergleiche hätten neben fachlicher Erkenntnisförderung oft auch eine "geschichtspolitische Wirkungsabsicht, die ihren Nutzen trübt", sagte Sabrow. Dazu gehöre auch die "einigermaßen fruchtlose Debatte über die DDR als Unrechtsstaat".