"Ein harter Ritt"

Obdachloser berichtet

© epd-Bild/Dieter Sell

Ein Ex-Obdachloser erzählt
"Ein harter Ritt"
Viele Jahre lebte der Bremer Sascha Kühnhold auf der Straße. Fast wäre er dort umgekommen, hat getrunken, war ganz unten. Mittlerweile ist er alleinerziehender Vater mit Wohnung. Eine Erfolgsgeschichte - auch dank der Inneren Mission.

Die Parkbank am Hollersee im Bremer Bürgerpark, sie wäre fast sein Ende gewesen. Davon ist Sascha Kühnhold noch immer überzeugt, viele Jahre, nachdem der damals obdachlose Mann dort schlafend mit Benzin übergossen wird. Er wacht rechtzeitig auf, sieht die Täter, die ihre Streichhölzer fallen lassen und weglaufen. Kühnhold rennt hinterher, kann sie einholen: "Und dann diese Antwort: Das war nur ein Scherz."

Mehr als 16 Jahre lebt Sascha Kühnhold auf der Straße. Alles beginnt mit dem Tod seines von ihm abgöttisch geliebten Vaters. Das wirft ihn völlig aus der Bahn. "Ich habe gesoffen ohne Ende, war dauerhaft hacke. Manche Jahre verschwinden richtig in meiner Erinnerung", blickt der heute 45-Jährige zurück. Fahnenflucht aus der Bundeswehr, Rauswurf aus der Truppe, bei Freunden auf der Couch geschlafen - so beginnt seine Berber-Karriere.

"Ungesicherte Wohnverhältnisse, Couch-Surfing bei Kumpels - das ist ein ganz typischer Einstieg in die Obdachlosigkeit", sagt Harald Schröder, der in der Bremer Szene als Obdachlosenseelsorger unterwegs ist. Die Zahl der Betroffenen in Deutschland steigt: Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe leben etwa 45.000 Menschen im Laufe eines Jahres ohne jede Unterkunft auf der Straße, 256.000 sind wohnungslos.

Schnell wird auch für Sascha Kühnhold die Straße zur Wohnung, die Menschen dort werden zur Ersatzfamilie. Er braucht Geld und dealt. Bis zu vier Flaschen Doppelkorn am Tag spült er mit Bier runter: "Mit dem Alkohol schlechte Gefühle killen, gute Gefühle pushen, so dachte ich. Und brauchte morgens schon eine halbe Flasche, um überhaupt meinen Schlafsack aufrollen zu können."

Es gab auch Rückschläge

Dann kommt der Zusammenbruch, Dunkelheit. "Nach zwei Tagen bin ich im Krankenhaus aufgewacht, um mich herum piepte es, überall Schläuche", erinnert sich Sascha Kühnhold. Das ist die Wende. Aus der Klinik geht es direkt in die Entgiftung, zur Therapie, zur Nachsorge, zwei Jahre lang - der dritte Versuch. Diesmal mit Erfolg. "Heute wird mir schlecht, wenn ich auch nur Alkohol rieche", sagt der Mann, der mittlerweile zweifacher Vater ist, eine Wohnung bekommen hat und mit seinem jüngsten Sohn zusammenlebt.

"Das ist selten, dass der Ausstieg so gelingt", weiß Seelsorger und Streetworker Harald Schröder. Meistens fehle die Perspektive. "Kein Job, völlig verschuldet, Alkohol, Drogen, psychische Probleme, keine Wohnung - da fragen sich die Leute: Wozu trocken werden?"

Auch bei Sascha Kühnhold gibt es Rückschläge. Die Trennung von seiner Partnerin, 2019 brennt seine Wohnung ab. Kontakte zu den Behörden: schwierig und oft nur mit professioneller Hilfe der Obdachlosenhilfe zu managen. "Ein harter Ritt", bilanziert Sascha Kühnhold, der aber von einem Grundgefühl getragen wird, das vielen Menschen auf der Straße fehlt: "Ich fühle mich nicht mehr entwurzelt."

Der Bremer Verein für Innere Mission steht ihm mit seinem Hilfsprogramm "Intensiv begleitetes Wohnen" zur Seite. Sozialpädagogisch unterstützt geht es für die Teilnehmenden im Projekt darum, wieder eigenständig den Alltag bewältigen zu können. "Wer länger als zwei Jahre auf der Straße ist, muss das neu lernen", hat Sascha Kühnhold erfahren. "Den muss man an die Hand nehmen, ihm zeigen, wie Wohnen geht, wie man den Tag meistert."
"Die Hilfe funktioniert allerdings nur, wenn es eine eigene Motivation gibt, etwas ändern zu wollen, wenn sich die Person regt - und das hat Sascha gemacht", sagt Harald Schröder. "Und bei ihm gab es noch einen weiteren wirklich wichtigen Vorteil: Er hatte keine psychischen Probleme, die die Situation noch einmal schwerer machen."

"Man muss aufhören, sich selbst anzulügen", sagt Sascha Kühnhold. Seit September 2020 wohnt er in einer neuen Wohnung, mittlerweile mit seinem heute achtjährigen Sohn. Derzeit ist er Vollzeitpapa. Eine Tai-Chi-Ausbildung hat ihn begeistert, da wünscht er sich eine berufliche Perspektive. Immer wieder ist er als ehrenamtlicher Streetworker unterwegs, hilft, wo er kann, besonders jetzt, wenn es nass ist und die Kälte in die Glieder kriecht. "Der Ton in der Szene ist rauer geworden - auch wegen Corona", hat er beobachtet. Niemand gönne dem anderen auch nur die Zigarette in der Hand.

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"Ich bin einfach froh, von der Straße weg zu sein", sagt der Mann, der Jugendgruppen führt und ihnen die Obdach- und Wohnungslosenszene erklärt. Seine Erinnerungen an diese Welt sind so lebendig wie zu Beginn seiner Zeit "auf Platte". "Du kannst einen Menschen sofort von der Straße holen", sagt er, "aber nicht die Straße aus den Menschen."

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