TV-Tipp: "Nord Nord Mord: Sievers und die stille Nacht"

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20. Dezember, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Nord Nord Mord: Sievers und die stille Nacht"
Zipfelmütze, Rauschebart und rote Kleidung: Die Merkmale sind eindeutig. Dummerweise tummeln sich zur Weihnachtszeit selbst auf Sylt sehr viele Menschen, auf die diese Beschreibung zutrifft.

Das Trio von der Kripo hat allerdings noch ein ganz anderes Problem, und in der harmonischen Kombination dieser beiden Ebenen liegt der Reiz der Geschichte: Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk) ist verliebt. Das war er schon immer, nämlich in Ina Behrendsen (Julia Brendler), aber die Beziehung der beiden blieb trotz gemeinsamer WG stets in der Schwebe, weil die Kollegin ihn zappeln ließ. Beim Probeliegen im Bettenhaus hat Hinnerk die Juniorchefin des Unternehmens kennengelernt, und deshalb ist er beim 16. Fall nicht bloß Ermittler, sondern auch Betroffener: Das Mordopfer ist, so es zur einer Heirat gekommen wäre, sein zukünftiger Schwiegervater, der "Betten-Reuter".

Als die Episodentitel von "Nord Nord Mord" noch nicht mit "Sievers und…", sondern mit "Clüver und…" begannen, war der von Robert Atzorn verkörperte Chef des Trios mehrfach in einer ähnlichen Rolle: Kaum hatte sich sein Herz für eine neue Bekanntschaft erwärmt, entpuppte sie sich als Verdächtige. Das immerhin kann Feldmann ausschließen: Als er bei den Reuters klingelt, fällt ein Schuss; durch die Tür sieht er einen Weihnachtsmann fliehen. Der Hausherr ist tot; im Keller findet der Kommissar hinter verschlossener Tür die Witwe (Johanna Gastdorf) und seine Freundin (Lena Dörrie), beide gefesselt und geknebelt. Als dringend verdächtig gelten zwei als Weihnachtsmänner verkleidete Serieneinbrecher. Also werden Feldmann und Behrendsen umgehend bei einer Agentur vorstellig, die entsprechende Darsteller vermietet. Diesmal ist allerdings allerlei Sand im sonst so reibungslos funktionierenden Ermittlungsgetriebe, denn als der Kollegin klar wird, warum Feldmann vor ihr am Tatort war, zeigt sie eindeutige Eifersuchtssymptome. Das wiederum ergrimmt den ohnehin selten gut gelaunten Vorgesetzten (Peter Heinrich Brix): Sievers fürchtet, die emotionalen Eskapaden des Duos könnten sein Erfolgs-Team sprengen.

"Nord Nord Mord" hat zuletzt etwas geschwächelt. Der Esprit, der die Filme von vergleichbaren Reihen abhob, schien ebenso dahin wie der Schwung, mit dem sie bis dahin inszeniert waren; selbst das gute Ensemble wirkte überspielt. "Sievers und die Stille Nacht" entspricht wieder dem früheren Qualitätsanspruch. Die Geschichte ist interessant, selbst wenn sich ein früher Verdacht, den viele Krimifans haben werden, prompt bestätigt. Die doppelte Beziehungsebene ist sowieso interessanter. Der ungeklärte Status zwischen Feldmann und Behrendsen zieht sich wie ein roter Faden durch die Reihe und sorgt regelmäßig dafür, dass die entsprechenden Szenen auch aus einer romantischen Komödie stammen könnten. Große Freude machen zudem einige Momente, die so gut gespielt sind, dass sie wie improvisiert wirken: Als Feldmann der gutgelaunten Rechtsmedizinerin beim Videogespräch ein Bild des Einschusslochs zeigt, will sie wissen, ob es auch eine Austrittswunde gebe; er dreht das Foto um und verneint.

Es sind vor allem Details wie diese, denen "Sievers und die stille Nacht" seine Würze verdankt; dazu zählen unter anderem die Gags mit einem riesigen aufblasbaren Weihnachtsmann, der zudem für die witzige Schlusspointe sorgt. Amüsant sind auch die Szenen mit Jessica Kosmalla als eigenwillige Schusswaffenexpertin und die kleinen Auftritte des Streifenpolizisten Schneider (Stephan A. Tölle). Ohnehin holen gleich mehrere Ensemblemitglieder aus ihren kleinen Nebenrollen erstaunlich viel heraus, darunter auch Marlen Ulonska als rechte Hand und Geliebte des Weihnachtsmannvermieters (Thomas Kügel). Das Drehbuch schrieb Thomas Oliver Walendy, es ist sein sechstes für die Reihe. Regie führte Sven Nagel ("Lobbyistin"), der mit seiner Dokusoap-Parodie "Diese Kaminskis – Wir legen Sie tiefer!" (2013) äußerst vielversprechend gestartet ist. Seine Beiträge für die ZDF-Krimireihen "Friesland" und "Wilsberg" waren eher enttäuschend, aber diesmal trifft er Ton und Tempo der Geschichte ausgezeichnet; ein Kamerablick aus dem Einschussloch entspricht exakt dem schwarzen Humor, der auch "Diese Kaminskis" prägte. Mindestens ebensoviel Anerkennung gebührt allerdings der Ausstattung: Vermutlich war es gar nicht so einfach, im Frühjahr die nötigen Weihnachts-Accessoires zu finden; die Dreharbeiten fanden im Mai statt. Dass die Mitwirkenden tatsächlich aussehen, als sei ihnen kalt, hat dagegen nichts mit Schauspielkunst zu tun: Es gab einen unerwarteten Kälteeinbruch, der natürlich wie gerufen kam.