TV-Tipp: "Wolfsland: Die traurigen Schwestern"

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9. Dezember, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Wolfsland: Die traurigen Schwestern"
Ein Polizeibeamter wird tot auf einem Parkplatz gefunden. Offensichtlich wurde er mehrfach gezielt überfahren. Viola Delbrück und ihr Kollege Butsch machen sich an die Arbeit den Fall aufzuklären. Jedoch ist Butsch nach einem Schusswechsel vor einigen Monaten immer noch körperlich eingeschränkt und hat scheinbar auch seinen Kampfgeist verloren.

Seltsamerweise waren die jeweils zweiten "Wolfsland"-Filme bislang stets deutlich schwächer als die ersten. Auch die zehnte Episode beginnt im Unterschied zum fesselnden Thriller "Böses Blut" wie ein ganz normaler Krimi: Bei einer Polizeikontrolle ist ein Beamter überfahren worden. Für die Kollegen steht der Schuldige, ein Junkie (Adam Venhaus), schon bald fest. Ungewöhnlich ist die Geschichte zunächst nur wegen des zwielichtigen Bilds, das die uniformierten Polizisten abgeben; dank einer betont vierschrötigen Besetzung wirken die Männer selbst wie Ganoven. Viel Zeit widmet das Drehbuch von Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser auch den Versuchen von Schulz (Götz Schubert), nach einer Schussverletzung wieder auf die Beine zu kommen. Der Hauptkommissar hat seine Wohnung verloren und ist vorübergehend bei Delbrück (Yvonne Catterfeld) untergekommen. Für die Partnerin ist seine Genesung offenbar genauso wichtig wie für ihn selbst: Roter Faden des Drehbuchs ist ein Gespräch zwischen ihr und einer Psychologin (Anja Herden), das interessante Persönlichkeitsmerkmale Delbrücks zu Tage fördert. Der Film kehrt immer wieder zu dieser therapeutischen Sitzung zurück und wird auf diese Weise mehr und mehr zum Psychogramm einer Polizistin, die nach den tödlichen Schüssen aus der letzten Episode keine Waffe mehr in die Hand nehmen will.

Wirklich sehenswert aber wird "Die traurigen Schwestern", als die drei Titelfiguren ins Spiel kommen, selbst wenn sie zunächst bloß am Rande mitwirken: Rosa Stoltze (Stephanie Amarell) war die Freundin des getöteten Polizisten. Die Familie wird seit einigen Jahren von einem Schicksalsschlag nach dem anderen heimgesucht: Erst ist die Mutter an Krebs gestorben, dann wurden bei Rosas Schwestern nacheinander unheilbare Krankheiten diagnostiziert; beide sitzen im Rollstuhl. Der Vater (Christian Erdmann) trägt die enorme Last, die ihm das Leben aufbürdet, mit bewundernswerter Fassung. Aus Publikumssicht stellt sich trotzdem die Frage, was die Familie mit dem Tod des Polizisten zu tun hat. Dass der Wagen der Stoltzes dem Tatfahrzeug entspricht, kann schließlich purer Zufall sein, zumal die vage Beschreibung – dunkler Kombi – auf tausende Autos zutrifft.

Regie führte diesmal Hannu Salonen. Der gebürtige Finne hat zuletzt unter anderem die Lappland-Krimiserie "Arctic Circle" (2018, ZDF) und "Oktoberfest 1900" (2020, ARD) gedreht. Zuvor hat er "Die Toten vom Bodensee" (ZDF, 2017/18) mit vier Filmen auf ein Niveau gehoben, das die Reihe seither nicht mehr erreicht hat. Bei seiner "Wolfsland"-Premiere hatte er die ungewöhnliche Idee, die Rollen der beiden kranken Schwestern seinen Töchtern Lilli und Elli anzuvertrauen. Die Mädchen haben mit ihrer besonderen Ausstrahlung großen Anteil daran, dass die Szenen im Haus der Stoltzes zu den fesselndsten des Films gehören; und das nicht erst zum dramatischen Finale. Salonens Inszenierung lässt eine faszinierende Aura entstehen, die bereits beim ersten Besuch Delbrücks den Verdacht erweckt, diese Familie könnte ein düsteres Geheimnis hüten, das weit über den eigentlichen Fall hinausgeht.

Und noch eine junge Frau setzt Akzente. Anna Bachmann hat bereits in der Episode "Das heilige Grab" (2019) mitgewirkt. Damals ist Emmy Schulz entführt worden, diesmal kehrt sie aus Berlin nach Görlitz zurück, um ihren invaliden Vater zu unterstützen. Außerdem will sie ihr Studium (Philosophie und Theologie) abbrechen und Polizistin werden, um endlich auf eigenen Beinen zu stehen; ein Motiv, das alle wichtigen Figuren dieser Geschichte eint. Das Autorenduo nutzt die biografische Kehrtwende, um einige Schlaglichter auf die Schattenseiten dieses Berufs zu werfen, denn Schulz will ihr diese Idee unbedingt aus dem Kopf schlagen. Er hadert ohnehin mit seinem Dasein, was Schubert ähnlich wie Catterfeld in den Sitzungen die Gelegenheit gibt, andere Seiten der Figur zu zeigen. Salonen und sein männlicher Hauptdarsteller gewinnen den entsprechenden Szenen sogar eine grimmige Heiterkeit ab, wenn Schulz frustriert die Gehhilfe von sich wirft, ohne die Stütze jedoch hilflos ist und prompt drüber stolpert. Beiläufiger Humor ist ohnehin eine Zutat, die dem Film gut tut, sei es als sarkastische Notiz, die Schulz der Kollegin hinterlässt ("Bin joggen"), oder im denkbar knappen und von Elli Salonen bemerkenswert trocken vorgetragenen Dialog zwischen dem Polizisten und der jüngsten Schwester. Beide sitzen im Rollstuhl. Er erzählt, er sei angeschossen worden, aber: "wird wieder". Sie: "Krank. Wird nicht wieder."