"Memorial"-Mitgründerin: Drohende Auflösung betrifft auch Deutschland

"Memorial"-Mitgründerin: Drohende Auflösung betrifft auch Deutschland

Die drohende Auflösung von "Memorial" betrifft nach Auffassung einer Mitgründerin der russischen Menschenrechtsorganisation auch Deutschland. Laut der Historikerin Irina Schtscherbakowa komme Deutschland wegen der engen Zusammenarbeit von "Memorial" mit der Heinrich-Böll-Stiftung eine besondere Rolle zu, sagte sie in einem Interview mit der "tageszeitung" ("taz", Freitag). Sie äußerte sich außerdem pessimistisch über die Prozesse gegen die Organisation: "Mit einem Sieg der Vernunft rechne ich nicht mehr."

Die Historikerin sieht Russland noch nicht als totalitären Staat an. "Wir befinden uns in einer hybriden Situation mit unterschiedlichen Elementen aus den 1930er Jahren und aus den Systemen Lateinamerikas", sagte sie der "taz".

Die Historikerin führt das Regierungshandeln auf gekränkten Nationalstolz und das Gefühl, beleidigt und unterschätzt zu sein sowie auf mangelnde Anerkennung des Sieges im Zweiten Weltkrieg zurück. Demnach sei Russland wieder eine Festung.

"Memorial" ist seit 2016 in Russland als "Ausländischer Agent" registriert, weil die Organisation teilweise aus dem Ausland finanziert wird. Ihr wird vorgeworfen, gegen ein entsprechendes Gesetz verstoßen zu haben.

Die Menschenrechtsorganisation wurde 1988 in Moskau gegründet. "Memorial" erhielt unter anderem 2004 den Alternativen Nobelpreis und 2009 den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments.