400 Jahre "Stadt der religiösen Toleranz"

Friedrichstadt ähnelt niederländischen Städten mit seinen Kanälen

© epd-bild/imageBROKER/Stefan Ziese

Wegen ihres freiheitlichen Glaubens wurden die protestantischen Remonstranten in den Niederlanden von den strengen Calvinisten verfolgt und gründeten vor 400 Jahren die Stadt Friedrichstadt in Nordfriesland.

Friedrichstadt feiert Jubiläum
400 Jahre "Stadt der religiösen Toleranz"
Mit seinen Kanälen, Brücken und Giebeln gleicht Friedrichstadt einer holländischen Idylle. Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden gründeten die Stadt in Nordfriesland, weitere religiöse Minderheiten siedelten sich an. Jetzt feiert sie Jubiläum.

Der Marktplatz von Friedrichstadt ist gesäumt von stattlichen holländischen Bürgerhäusern - aber eine Kirche fehlt. Vor 400 Jahren gründeten Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden die Stadt im damaligen Herzogtum Schleswig. Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Religionen sollte sein, dass keine Religion eine Vorrangstellung im Ort hat: Sämtliche Kirchen stehen in Seitenstraßen. Doch nicht immer hat die Toleranz die Oberhand behalten.

Wegen ihres freiheitlichen Glaubens wurden die protestantischen Remonstranten in den Niederlanden von den strengen Calvinisten verfolgt. Der Schleswiger Herzog Friedrich III. holte die fleißigen Händler und Handwerker in den Norden und ließ sogar Niederländisch als Amtssprache zu. In der sumpfigen Niederung zwischen Eider und Treene wurde mitten im 30-jährigen Krieg Friedrichstadt gegründet. Offizieller Gründungstag ist der 24. September 1621.

In einer Nebenstraße des Städtchens mit heute rund 2.500 Einwohnern steht die weltweit einzige Remonstranten-Kirche außerhalb der Niederlande. Etwa alle vier Wochen wird dort Gottesdienst gefeiert.

in der Prinzessstrasse in Friedrichstadt steht Deutschlands einzige Remonstrantenkirche.

Dafür kommt Pastor Severien Bouman eigens aus den Niederlanden angereist. Grundprinzipien der Remonstranten sind Toleranz und Freiheit. 180 Mitglieder zählt die Gemeinde. "Wir haben regen Zulauf", sagt Jan Christian Büddig vom Kirchenvorstand. Etwa die Hälfte der Gemeindemitglieder wohne außerhalb. Einige hätten im Urlaub Kontakt zur Gemeinde gefunden.

Gotteshaus ohne Turm

Schon kurz nach der Stadtgründung siedelten sich die ersten Mennoniten an, die ebenfalls wegen ihres Glaubens verfolgt wurden. Die evangelische Freikirche der Mennoniten ist hervorgegangen aus der Täuferbewegung der Reformation im 16. Jahrhundert. Gut zwei Dutzend Mitglieder zählen heute zur Gemeinde. Seit 1708 nutzen die Mennoniten den Anbau der "Alten Münze" für ihre Gottesdienste. Weil es keinen Turm hat, ist ihr Gotteshaus nicht gleich als Kirche erkennbar. Seit 1946 feiern auch die dänischen Protestanten in der kleinen Mennoniten-Kirche ihre Gottesdienste.

In Friedrichstadt befindet sich außerdem die älteste katholische Gemeinde Schleswig-Holsteins.1625 durfte hier erstmals nach der Reformation nördlich der Elbe eine katholische Messe gefeiert werden. Auf ihre Kirche mussten die Katholiken aber über 200 Jahre lang warten. 1846 wurde sie eingeweiht, stürzte aber drei Jahre später wieder ein.

1854 öffnete die heutige Kirche St. Knud ihre Türen für die Gläubigen. Als Sparmaßnahme wurde sie 2003 gegen vielfachen Protest entwidmet. Doch nach Einschätzung von Ortspastoralrat Ulrich Keiluweit war die Entwidmung kirchenrechtlich gar nicht möglich: Weil der katholische Bischof 1854 zur Feier nicht ins damals dänische Friedrichstadt einreisen durfte, sei die Kirche ja gar nicht geweiht worden. Mittlerweile werden nach einer Sanierung wieder regelmäßig Gottesdienste gefeiert.

Auch Quäker, schwedische Kirchen-Separatisten, Zeugen Jehovas und Mormonen siedelten sich zeitweise in Friedrichstadt an. Juden durften hier im 18. Jahrhundert Grundbesitz erwerben und Handel treiben. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts wuchs die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde auf mehr als 400 an.

Aber auch Judenverfolgung in Nazi-Zeit

Die tolerante Tradition hielt die Friedrichstädter Nationalsozialisten nicht davon ab, die Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 zu verwüsten und das kostbare Inventar an einen Altmetall-Händler zu verkaufen. Die jüdischen Gemeindemitglieder wurden verhaftet und deportiert. Eine jüdische Gemeinde existiert nicht mehr, die einstige Synagoge ist heute eine Gedenkstätte.

Abgesehen von der Judenverfolgung in der NS-Zeit sei das Verhältnis unter den Religionen in Friedrichstadt über die Jahrzehnte hinweg immer freundschaftlich gewesen, sagt Stadtarchivarin Christiane Thomsen. Probleme seien in der Regel durch Druck von außen aufgetreten. So habe manch ein Schleswiger Domprediger eine Vorrangstellung der Lutheraner durchsetzen wollen, weil sie die Mehrheit in der Stadt stellten.

Kein Ehrentitel Unesco-Weltkulturerbe

Älteste Kirche der Stadt ist die evangelisch-lutherische von 1641. Derzeit ist sie einmal wieder eingerüstet, weil die Fensterbögen aus Sandstein saniert werden müssen. Vor sechs Jahren war der Schwamm im Gebälk entdeckt worden. "Da war alles rott", erinnert sich Pastor Christoph Sassenhagen. Doch das Schlimmste ist überstanden, und die Gemeinde freut sich, dass sie hier wieder Gottesdienste feiern kann.

Ein Ehrentitel ist Friedrichstadt entgangen: 2004 schlug der Kieler Landtag die Stadt für das Unesco-Weltkulturerbe vor. Doch stattdessen machten in Schleswig-Holstein Haithabu und das Danewerk das Rennen. Aber das 400-Jahr-Jubiläum wird dieses Jahr groß gefeiert: Höhepunkt ist das Festwochenende vom 24. bis 26. September mit Musik, Marktvergnügen und einem ökumenischen Gottesdienst.

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