Afghanistan-Veteranen zwischen Trauma und Wut

Afghanistan-Veteranen zwischen Trauma und Wut
Deutsche Soldatinnen und Soldaten erlebten bei den Einsätzen in Afghanistan Tod, Gewalt und Elend, rund 20 Prozent kehrten mit psychischen Krankheiten zurück. Das Scheitern des Einsatzes treibt viele Veteranen zur Verzweiflung und traumatisiert sie.

Die Albträume sind zurück, die Panik und eine bodenlose Traurigkeit: Andreas Eggert geht es wieder schlechter - wie vielen, die für die Bundeswehr in Afghanistan waren. "Die Bilder und auch die Traumata kommen aktuell wieder hoch", sagt der Oberstabsfeldwebel a.D., der für den Bund Deutscher Einsatzveteranen traumatisierte Kriegsrückkehrende dabei unterstützt, im Leben zurechtzukommen. Zu den Erinnerungen kämen bei den Veteraninnen und Veteranen auch "sehr viel Wut über den Truppenabzug und die viel zu späte Evakuierung".

Gerade steht Eggerts Telefon kaum still. "Die Leute sind am Ende, weil der Einsatz mit all seinen Opfern, auch den persönlichen, umsonst war", sagt der 45-jährige Bonner, der aus sieben Afghanistan-Einsätzen eine Posttraumatische Belastungsstörung mitbrachte. "Statt Frieden herrschen jetzt wieder die Taliban." Viele machten sich zudem große Sorgen um afghanische Freunde, die nicht gerettet wurden. Eggert selbst konnte einem Dolmetscher und dessen Familie zur Ausreise verhelfen, "ein gutes Gefühl, aber es ist eben auch nur eine bedrohte Familie von vielen".

Etwa 90.000 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr waren in den vergangenen 20 Jahren in Afghanistan stationiert, so die Zahlen des Potsdamer Instituts für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. An Auslandseinsätzen beteiligt waren seit den ersten bewaffneten Bundeswehr-Einsätzen in den 1990er Jahren rund 300.000 Soldatinnen und Soldaten. Nicht wenige von ihnen kehrten krank zurück. "Seelisch verwundet", nennt es Bernhard Drescher, Vorsitzender des Veteranenverbandes. Etwa 20 Prozent der Einsatzkräfte bringen psychische Krankheiten aus den Kriegsgebieten mit, zeigten bereits im Jahr 2015 Dokumente des Verteidigungsausschusses im Bundestag.

"Die große Welle aus Afghanistan kommt noch auf uns zu", sagt Drescher, Oberstleutnant a. D. und selbst durch einen Mazedonien-Einsatz verletzt. "Auch unter den Beteiligten an Marine-Einsätzen im Mittelmeer wird es noch viele geben, die mit den aufgequollenen Kinderleichen aus den Flüchtlingsbooten nicht zurechtkommen."

Die Inkubationszeit ist lang, fünf Jahre, "manchmal mehr als zehn", sagt Drescher. Krankheiten und Symptome sind zudem verschieden: Betroffene leiden an Ängsten, Depressionen, Konzentrationsproblemen, Sucht "und generell Anpassungsstörungen, weil sie über Wochen und Monaten Tag und Nacht im Ausnahmezustand gelebt haben". Nun stellten sich die Rückkehrenden aus Afghanistan "natürlich" die Sinnfrage: Wofür das alles? "Das ist für viele retraumatisierend", sagt Drescher.

Sein Verband berät und betreut Betroffene und ihre Familien - oft jahrelang. Denn: Viele der im Ausland Eingesetzten waren - und sind - nur auf Zeit bei der Bundeswehr verpflichtet. "Wer dann zehn Jahre nach Dienstende krank und berufsunfähig wird, ist Zivilist und hat es sehr schwer, eine Verletzung als Soldat überhaupt nachzuweisen und anerkannt zu bekommen", sagt Drescher. "Diese Betroffenen stehen auch vor einem sozialen Nichts." Denn in Deutschland gibt es anders als in Ländern wie den USA, aber auch Dänemark oder den Niederlanden kein Veteranenkonzept, das soziale Hilfen, Zuständigkeiten und den Betroffenenkreis festlegt. Das kritisiert der Veteranenverband seit seiner Gründung im Jahr 2010.

"Deutschland nimmt seit den 1990er Jahren an bewaffneten Konflikten teil, bei denen Soldaten verletzt werden", sagt Drescher. "Trotzdem fehlt es an Anerkennung und sozialem Schutz." Das sei auch bei der "sehr stillen Rückkehr" der Bundeswehr aus Afghanistan deutlich geworden, bei der sich kein Regierungs- oder Parlamentsmitglied blicken ließ. "Auch diese mangelnde Wertschätzung ist sehr belastend."

Andreas Eggert in Bonn versucht, Frieden zu finden von den Bildern aus Afghanistan. Mehr als 300 Therapiestunden hat er seit 2014 schon gemacht, "durch Menschenmengen kann ich wahrscheinlich nie wieder gehen", sagt er.