Publizist Friedman wirbt für konstruktiven Streit

Publizist Friedman wirbt für konstruktiven Streit

Der Publizist Michel Friedman (65) wirbt für den konstruktiven Streit als wichtiges Element der demokratischen Gesellschaft. "Streiten ist der Sauerstoff der Demokratie", sagte der ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland dem Bremer "Weser-Kurier" (Sonntag). Das Ringen um Meinungen, um Zweifel und Begründungen halte den Menschen und halte die Gesellschaft lebendig.

Für substanzielle Diskussionen etwa um Klimawandel, Meinungs- und Freiheitsrechte oder Antisemitismus eigne sich das gepflegte Gespräch eher nicht, sagte der Autor und Jurist, der unter dem Titel "Streiten? Unbedingt!" gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Es müsse mit Herz, Verstand und in gegenseitiger Anerkennung gestritten werden: "Streiten bedeutet Fortschritt, Schweigen bedeutet Rückschritt."

Dabei wolle Streiten gelernt sein, führte Friedman aus, der dafür plädiert, dass Streiten von der Grundschule an Teil des Lehrplans sein sollte. "Zum Streit gehört die Vernunft, das Argument, aber auch eine emotionale Ebene." Wer streiten nicht gelernt habe, stehe in der Gefahr, einen Streit mit einer persönlichen Auseinandersetzung zu verwechseln: "Wenn mich mein Gegenüber nicht als Mensch respektiert, kann ich nicht mit ihm streiten."

In Deutschland sei der Streit nach 1945 eher als unangebracht empfunden worden. Aber es tue sich etwas. Die Bevölkerung sei pluraler und bunter geworden, die digitale Revolution habe den Meinungsaustausch massiv verändert. Friedman: "Einerseits werden Diskussionen durch weit gestreute Fake News vergiftet, andererseits sind Informationen heute besser und schneller nachprüfbar denn ja. Das verändert die Diskussions- und Streitkultur."