Eine wertvolle Antiquität - 1.700 Jahre freier Sonntag

Eine wertvolle Antiquität - 1.700 Jahre freier Sonntag
Bündnis betont Bedeutung des arbeitsfreien Tages gerade in der Pandemie
Tag des Herrn, Tag der Arbeitsruhe oder doch Tag von Homeoffice und verkaufsoffenen Läden? Zum 1.700. Geburtstag des arbeitsfreien Sonntags betonen Politik, Gewerkschaften und Kirchen die heutige Bedeutung des siebten Tags der Woche.
03.03.2021
Von Brigitte Bitto (epd)
epd

"Der Sonntag bleibt als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt", heißt es im Grundgesetz. Wie es in der Realität um die Sonntagsruhe bestellt ist, darüber haben am Mittwoch bei einer Jubiläumsveranstaltung zur Einführung des arbeitsfreien Sonntags vor 1.700 Jahren Vertreter von Politik, Justiz, Gewerkschaften und Kirchen gesprochen. Bei der teils digital, teils in Berlin stattfindenden Feier des Bündnisses "Allianz für den freien Sonntag" (Hannover) warben sie für den Schutz des siebten Tags der Woche. Per Edikt hatte der römische Kaiser Konstantin am 3. März 321 diesen in seinem Reich zum allgemeinen Tag der Arbeitsruhe erklärt.

Der Wert des Sonntags als Tag der gemeinsamen Pause ist in Zeiten von Home-Office und zunehmender Kommerzialisierung nach Ansicht des Publizisten Heribert Prantl schützenswerter denn je. Es gebe ein Grundrecht auf die Achtung der Sonntagsruhe, sagte der Jurist in seiner Festrede. Und "dieses Sonntagsgrundrecht tut der Gesellschaft gut". Elf Millionen Menschen in Deutschland müssen laut Sonntagsallianz sonntags arbeiten - manche gelegentlich, manche ständig.

Gerade in der Pandemie, in der der Rhythmus des Lebens verloren zu gehen droht, brauche die Gesellschaft den freien Sonntag, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, in einer Videobotschaft. Der Tag sei für den einzelnen wichtig, um Kraft zu tanken und Orientierung zu suchen. Aber er sei auch bedeutend für die Gesellschaft insgesamt. "Wir brauchen einen Tag in der Woche, an dem die Arbeit ruht und wir verlässlich Zeit füreinander haben", sagte Bedford-Strohm, der auch bayerischer Landesbischof ist.

Die Corona-Kontaktbeschränkungen, so der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing, machten vielen Menschen schmerzlich deutlich, wie wichtig die Möglichkeit zur Begegnung mit Familie und Freunden sei. Dafür sei der Sonntag in normalen Zeiten der zentrale Tag. Er sei die "regelmäßige Pause" und Zeit der Muße im sonst vollen Terminkalender, so der Limburger Bischof in seinem Grußwort.

Festredner Prantl kritisierte die zunehmende Kommerzialisierung der Lebenswelt, die sich auch im Kampf um Ladenöffnungen an Sonntagen und der Abschaffung von Feiertagen zeige. Er sei noch immer empört darüber, "wie sich die Evangelische Kirche 1994 den Buß- und Bettag als gesetzlichen Feiertag hat abschwatzen und abpressen lassen". Ein guter Feiertag sei da "verdampft wie ein Tropfen auf dem heißen Stein". Stolz sei er daher, dass sich die Kirchen, wenn es um den Schutz des Sonntags geht, gegen den Staat wehren. Die Abschaffung der "wertvollen Antiquität" hält er für gefährlich: "Wer seine Geschichte und Traditionen aufgibt, dem sind sie nichts wert".

Die "kollektive Freizeit" am Sonntag sei auch gesetzlich verankert, ergänzte Sonntagsschutz-Experte Friedrich Kühn. Der Sonntag soll sich unterscheiden durch die "Freiheit von werktäglicher Geschäftigkeit" und ein grundsätzliches Arbeitsverbot, erläuterte der Rechtsanwalt die Aussagen des Bundesverfassungsgerichts. Ausnahmen gebe es als "Arbeit für den Sonntag", also die von Kellnern, Angestellten in Museen, oder anderen Berufen, die typische Sonntagsbeschäftigungen erst möglich machen, sowie als "Arbeit trotz des Sonntags", zum Beispiel in Krankenhäusern oder bei der Polizei.

Sieben Arbeitstage in der Woche führten zu einer kompletten Entgrenzung der Arbeitszeit, sagte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. Das führe zu mehr Krankheit und wäre auch ökonomisch Unfug, weil am Ende nicht mehr verkauft würde, ist der Gewerkschafter überzeugt. Sein Respekt gelte allen, die ihren Sonntag regelmäßig dem Dienst an der Gesellschaft opferten.

Es möge "rührend altmodisch" sein, aber trotzdem richtig, resümierte "Süddeutsche Zeitung"-Autor Prantl: "Der Sonntag ist dadurch Sonntag, dass er anders ist als andere Tage. Man muss ihn nicht in Anspruch nehmen, jeder kann damit machen, was er will. Aber es ist gut, dass es ihn gibt."

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