Pharmaexperte: Politik versagt bei Verteilung von Impfstoff

Pharmaexperte: Politik versagt bei Verteilung von Impfstoff
28.01.2021
epd-Gespräch: Holger Spierig
epd

Bielefeld (epd). Die industriekritische Buko Pharma-Kampagne sieht bei der globalen Verteilung von Impfstoffen gegen Covid-19 ein "internationales politisches Versagen". Zurzeit werde darüber debattiert, wie Deutschland und andere europäische Länder schnell und möglichst viel Impfstoff erhalten, sagte der Gesundheitswissenschaftler der Organisation, Jörg Schaaber, in Bielefeld dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Viele Länder der Welt werden aber zunächst gar nichts oder fast nichts bekommen." Von den perspektivisch zur Verfügung stehenden Impfstoffen hätten sich die reichsten Länder der Erde mehr als die Hälfte gesichert. Diese Länder machten gerade einmal einen Anteil von 14 Prozent der Weltbevölkerung aus.

Eine Verteilung der Impfdosen überwiegend an wohlhabende Länder ist nach Worten Schaabers "nicht nur sehr ungerecht, sondern auch unklug". Die Pandemie werde nur dann vorbeigehen, wenn sie überall auf der Welt bekämpft werden könne. Nötig sei die Aufhebung von Patenten, damit alle Covid-19-Produkte von möglichst vielen Fabriken produziert werden könnten. Es sei zwar ein Patentpool bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eingerichtet worden. "Das Problem ist aber, dass die Hersteller keine Lizenzen für ihre Produkte geben", beklagte Schaaber. Die Regierungen der Länder, in denen die Firmen angesiedelt sind, übten zudem keinen Druck auf die Unternehmen aus.

Hindernisse gibt es nach Worten des Gesundheitswissenschaftlers aber auch beim Zugang zu medizinischen Produkten. So seien beispielsweise Schutzmasken durch Patente geschützt. Ein Hersteller aus den USA, der ein Patent auf ein bestimmtes Schutzmasken-Design hat, habe etwa verhindern wollen, dass diese woanders produziert werden. Solche Fälle behinderten die Produktion notwendiger Schutzausrüstung.

Mehrere Länder hätten bereits vorgeschlagen, den Patentschutz für Produkte, die für die Bekämpfung der Pandemie notwendig sind, komplett auszusetzen, erklärte Schaaber. Dann könnten ärmere Länder diese Produkte selbst produzieren. Dieser Vorschlag finde überwiegend in ärmeren Ländern sowie bei einigen wenigen Industrienationen Unterstützung: "Deutschland gehört leider nicht dazu."

Über die Covax-Initiative der WHO werde zwar Geld für Impfstoffe für ärmere Länder gesammelt. "Aber es ist jetzt schon klar, dass das überhaupt nicht ausreicht", sagte der Pharmaexperte. Die Bundesregierung müsse ihre Haltung überdenken und sowohl den Patentpool als auch das Aussetzen der Patentrechte unterstützen. Schaaber: "Gesundheit für alle auf der Welt muss wichtiger sein als Patentrechte." Nur so könne das von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Mai 2020 gegebene Versprechen, dass Impfstoffe als öffentliches Gut allen auf der Welt zur Verfügung stehen müssen, eingelöst werden. Die nichtstaatliche Buko-Pharmakampagne befasst sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit Gesundheitspolitik und Pharmaunternehmen im Norden und Süden der Welt.