Neue Ansätze in der Drogenpolitik gefordert

Neue Ansätze in der Drogenpolitik gefordert
Schadensminimierung statt Kriminalisierung: Das fordern Vertreter der Drogenhilfe. Sie werben für neue Ansätze der Drogenpolitik. Ziel sei mehr Gesundheit für Schwerabhängige, aber auch für Menschen aus der Mitte der Gesellschaft.

Wissenschaftler und Hilfsorganisationen haben sich für neue Ansätze in der Drogenpolitik in Deutschland ausgesprochen. Statt Drogenkonsumenten ausschließlich zu kriminalisieren, seien konsequentere Strategien zur Schadensminimierung nötig, erklärten die Deutsche Aidshilfe und der akzept Bundesverband bei der Vorstellung des "Alternativen Drogen- und Suchtberichtes 2020" am Mittwoch in Berlin. Dieser versteht sich den Angaben zufolge "als konstruktiv-kritische Ergänzung zum Bericht der Bundesregierung".

In Deutschland gebe es rund neun Millionen Menschen, die phasenweise einen schweren Drogenkonsum aufweisen, sagte der Direktor des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences, Heino Stöver. Davon seien zwei Millionen alkoholabhängig, 1,5 Millionen medikamentenabhängig, sieben Millionen Raucher und rund 15.000 Menschen abhängig von Opioiden.

Die Vertreter des "Alternativen Drogen- und Suchtberichtes" sprachen sich für bundesweit flächendeckende Substitutionsangebote aus. So gebe es in Bayern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Brandenburg, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern und somit der Hälfte der Bundesländer keine Drogenkonsumräume, kritisierte Stöver. In Hessen gebe es die Einrichtungen nur in Frankfurt, in Baden-Württemberg nur in Karlsruhe. Drogenkonsumräume seien neben Substitutionstherapien und der Vergabe von sauberen Spritzen "Kernelemente einer innovativen Infektionsprophylaxe", betonte der Sozialwissenschaftler.

Dringend erforderlich seien zudem Drug-Checking-Angebote - etwa vor Ort im Nachtleben. Insbesondere Substanzen wie Amphetamine und Kokain würden häufig von Menschen aus der Mitte der Gesellschaft konsumiert, erklärte Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe. Die Konsumenten seien mitunter großen Gefahren ausgesetzt. Beim Drug-Checking werden Stoffe auf Wirkstoffgehalt und schädliche Beimischungen untersucht.

Die Deutsche Aidshilfe rief zudem dazu auf, aus Erfahrungen der Corona-Krise zu lernen. Weil der Zugang und die Versorgung mit Substituten in der Pandemiezeit erleichtert wurde, hätten sich mehr Menschen in Substitutionstherapie begeben. Zwar gebe es keine gesicherten Zahlen, aber Erfahrungsberichten zufolge hätten sich in Hamburg rund 150 und in Berlin rund 180 Abhängige in Substitution begeben. Auch aus München gebe es solche Berichte.

Auf Bundesebene wurde die Einrichtung eines interministeriellen, drogenpolitischen Fachgremiums gefordert, in das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Vertreter aus der Praxis der Drogenhilfe eingebunden sind. Das Gremium solle die Bundesregierung in der Drogenpolitik beraten.

Das Bundeskriminalamt habe erst vor wenigen Wochen das aktuelle "Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität" vorgestellt. Dabei sei deutlich geworden, dass trotz gestiegener Strafverfolgung der Drogenkonsum in Deutschland gestiegen sei und es weiter viele Drogentote gebe, kritisierten die Autoren des "Alternativen Drogen- und Suchtberichtes". Nötig seien "konsequente Maßnahmen zur Verminderung gesundheitlicher Schäden sowie eine staatlich regulierte Abgabe von bisher illegalen Substanzen".

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