Psychologin: Abstandsregeln widersprechen instinktiven Bedürfnissen

Psychologin: Abstandsregeln widersprechen instinktiven Bedürfnissen
21.09.2020
epd-Gespräch: Julia Pennigsdorf
epd

Die Corona-bedingten Abstandsregeln widersprechen nach Ansicht der Sozialpsychologin Simone Kauffeld tiefsitzenden menschlichen Verhaltensmustern. "In Krisensituationen wollen wir als Menschen zusammenrücken. Dieses Bedürfnis steht im krassen Widerspruch zum Social Distancing, das uns das Virus abverlangt", sagte die Leiterin des Lehrstuhls für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie an der TU Braunschweig dem Evangelischen Pressedienst (epd). Deshalb könne es immer wieder passieren, dass sich Menschen im Alltag unbeabsichtigt zu nahe kommen.

Das Bedürfnis nach Nähe sei insbesondere zu vertrauten Personen - etwa Nachbarn, Arbeitskollegen oder Freunden - so groß, dass das Einhalten der Abstandsregeln schwerfalle. Vertrautheit führe dazu, dass man dem Gegenüber gute Absichten unterstellt: "Ich vertraue darauf, dass der andere sich vorsichtig verhält, dass er meine Werte und Ansichten teilt und mir nichts Böses will", sagte die Psychologie-Professorin. Das sei im Umgang mit Fremden anders: "Ich weiß nicht, wer die Menschen im Supermarkt oder im Bahnhof sind, welchen Lebenswandel sie pflegen."

In der Psychologie spreche man daher nicht nur von einem physischen Immunsystem, sondern auch von einem Verhaltensimmunsystem, das eine psychosoziale Abwehrreaktion beinhalte. "Das hat sich evolutionsbiologisch entwickelt und bedeutet, dass Menschen instinktiv Abstand halten von anderen, die krank sind oder krank sein könnten", sagte Kauffeld. In Alltagssituationen, in denen sich fremde Menschen begegneten, führe diese für manche zu einem regelrechten Alarm- und Stresszustand. "Jede Person, die mir begegnet, ist ja theoretisch ansteckend und damit für mich gewissermaßen feindlich", sagte Kauffeld. "Und wenn dann durch die Maske zudem auch noch die Mimik wegfällt, geht viel verloren, was uns als Menschen verbindet."

Die Sozialpsychologin äußerte sich dennoch optimistisch, dass es der Gesellschaft gelingt, in der Pandemie "eine neue Sprache miteinander zu finden." Neue Begrüßungsrituale wie die Kontaktaufnahme über Ellenbogen oder Fußspitzen anstatt einer Umarmung oder einem Händedruck seien erst der Anfang. Weil die Gefahr durch Covid-19 so unterschiedlich bewertet werde, weil manche Menschen vorsichtiger, andere risikobereiter seien, blieben zwar kontroverse Diskussionen nicht aus, "doch aus diesem Konflikt werden sich für uns alle neue Normen und Rituale im Miteinander entwickeln", sagte Kauffeld.

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