Tv-Tipp: "Polizeiruf 110: Tod einer Toten"

Altmodischer Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

Tv-Tipp: "Polizeiruf 110: Tod einer Toten"
20.9., ARD, 20.15 Uhr
Uwe Lemp schwebt in großer Gefahr; er weiß es bloß noch nicht. Lemp ist Kriminalrat in den Magdeburger "Polizeiruf"-Beiträgen des MDR und der Vorgesetzte von Doreen Brasch. Die Hauptkommissarin hat mit ihrer unleidlichen Art bereits zwei Kollegen verschlissen. Lemp gehörte zwar von Anfang an zum Team, war aber bloß eine Nebenfigur.

Weil Brasch (Claudia Michelsen) nach dem Abschied von Sylvester Groth (Folgen eins bis fünf) und Matthias Matschke (sechs bis elf) nun allein ermitteln muss, ist Lemp bereits in der letzten Episode stärker in den Vordergrund gerückt. Das hat Felix Vörtler sicher gefreut, denn er kann der Rolle nun deutlich mehr Tiefe geben; und das hoffentlich noch eine ganze Weile.

Diesmal ist der Kriminalrat in gewisser Weise sogar Auslöser des Falls: Als er nachts von einer Party mit mehr Promille als erlaubt nach Hause fährt, läuft ihm auf der Landstraße ein Mann vors Auto. Lemp will einen Krankenwagen rufen, doch der Mann verschwindet im Wald. Am nächsten Morgen wird ganz in der Nähe eine Frauenleiche gefunden. Sie ist durch einen Kopfschuss hingerichtet worden, und zwar just zu jener Zeit, als Lemp die seltsame Begegnung hatte.

Nicht weit entfernt entdeckt Brasch einen VW-Bus mit der kleinen Tochter des Opfers. Und dann wird die Angelegenheit höchst rätselhaft: Bei der Obduktion stellt sich raus, dass Jessica Mannfeld, die Leiche aus dem Wald, schon lange tot ist, denn sie ist vor vier Jahren gemeinsam mit ihrem Freund Alex bei einem Autounfall bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Licht ins Dunkel bringen Pia Sommer (Luisa-Céline Gaffron) und ihr Chef, Anton Lobrecht (Steffen C. Jürgens), von der Abteilung Rauschgift: Jessica und Alex haben im Auftrag von Marko Gerster (Beat Marti), dem wichtigsten Drogenhändler der Gegend, Heroin ins Land geschmuggelt. Das Junkie-Pärchen hat sich als Kronzeugen zur Verfügung gestellt und ist ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden; Gerster sitzt seither im Gefängnis. Hat er sich mit Hilfe eines gedungenen Killers gerächt? Und warum hat das Pärchen den sicheren Zeugenschutz verlassen und ist nach Magdeburg zurückgekehrt?

"Tod einer Toten" erzählt eine interessante Geschichte, die noch verzwickter wird, als Sommer rausfindet, dass Jessica nicht das erste Opfer war: Zwei Dealer sind auf exakt die gleiche Weise erschossen worden. Der Krimi ist nicht zwar gerade außerordentlich spannend, entwickelt aber eine hohe Intensität, weil David Nawrath das Drehbuch (Michael Gantenberg, Paul Salisbury und Nawrath selbst) sehr dicht umgesetzt hat. Sehenswert ist auch die Bildgestaltung; Tobias von dem Borne war auch bei den beiden früheren Filmen des Regisseurs als Kameramann dabei. Nawraths Langfilmdebüt war das hochgelobte Drama "Atlas" (2019) mit Rainer Bock als Möbelpacker, der eine alte Schuld mit sich herumträgt. Seine erste Fernseharbeit war anschließend der dritte Film der ARD/ORF-Reihe "Blind ermittelt" ("Der Feuerteufel von Wien"), die qualitativ jedoch nicht an das Niveau der ersten beiden Episoden heranreichte. Die Bildgestaltung war allerdings vorzüglich.

Das ist bei "Tod einer Toten" nicht anders. Den Revierszenen hat der Kameramann einen leichten Grünstich gegeben, was prompt auf die Stimmung drückt. Die ist ohnehin am Boden, denn im Grunde hat Lemp eine Art Fahrerflucht begangen; er hätte den Vorfall umgehend melden müssen und ist völlig durch den Wind. Ausstattung und Kostümbild sind ebenfalls nicht gerade farbenfroh. Diese Tristesse spiegelt sich auch in den vorwinterlich grauen Außenaufnahmen. Das gilt vor allem für den Bauernhof von Jessicas Vater: Für Werner Mannfeld, von Christian Kuchenbuch bar jeder Lebensfreude verkörpert, ist die Tochter nach ihrem Abdriften in die Drogenszene schon zu deren Lebzeiten gestorben; umso schöner ist der neue Lebensmut, den die unerwartete Verantwortung für seine Enkelin in dem Mann weckt. 

Ohnehin macht gerade die Vielschichtigkeit der handelnden Personen den eigentlichen Reiz des Krimidramas aus. Entsprechend wichtig war die Arbeit mit den Gastschauspielern, weil zum Beispiel Deborah Kaufmann die Frau des inhaftierten Drogenhändlers mit subtiler Rätselhaftigkeit versehen musste: Die Kollegen von der Abteilung Rauschgift sind überzeugt, dass Kamilla Gerster die Geschäfte des Gatten weiterführt. Aber auch Drogenfahnder Lobrecht scheint irgendwie in die Sache verwickelt. Schon in "Totes Rennen" hatte sich ein Ermittler aus der Glücksspiel-Soko als Verbrecher entpuppt, und auch diesmal bringt die Zusammenarbeit mit Brasch den Kollegen einfach kein Glück. 

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