In der Not nicht versagen

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© Landeskirchliche Archiv Stuttgart, Bestand Diakonisches Werk Württemberg

Mit Hilfe ausländischer Spenden, vor allem aus den USA, konnte das Diakonische Hilfswerk Lebensmittel an die notleidende Bevölkerung verteilen.

In der Not nicht versagen
Vor 75 Jahren wurde das Diakonische Werk Württemberg gegründet
In jenem ersten Nachkriegssommer vor 75 Jahren wird ein kirchliches Hilfswerk gegründet, das mitten im Elend der kriegszerstörten Städte Hilfe leisten und koordinieren soll. Heute erreicht das Diakonische Werk Württemberg täglich über 200.000 Menschen. Ein Rückblick.

Es ist ein vergilbtes, dünnes Papierblatt: Die Geburtsurkunde der Nachkriegsdiakonie in Württemberg. Datiert ist sie "Großheppach, 23. August 1945". Der württembergische Oberkirchenrat Wilhelm Pressel kündigte in dem Schreiben an die Pfarrämter den Start eines Kirchlichen Hilfswerks an. Es soll in jenem ersten Nachkriegssommer - vor 75 Jahren - mitten im Elend der kriegszerstörten Städte Hilfe leisten und koordinieren.

Die im Ökumenischen Rat zusammengeschlossenen christlichen Kirchen setzen voraus, dass die Kirchen in Deutschland ergänzend zu Hilfe von außen selbst aktiv werden. Den Gemeinden müsse "klar und deutlich zu Bewusstsein gebracht" werden, dass "der kommenden großen Not" nur dann wirksam begegnet werden könne, wenn "wirkliche Opfer" - und diese beiden Worte sind unterstrichen - gebracht werden, schreibt Pressel.

Aus der Werbeabteilung des Hilfswerks stammt das Plakat zur Opfersammlung im Oktober 1949.

Dazu wird noch im selben Jahr monatlich in den Gottesdiensten ein Sonntagsopfer angekündigt. Neben Geld sollen alle Kirchengemeinden Lebensmittel wie "Kartoffen, Mehl, Dörrobst und Wein", außerdem Bekleidung und Hausrat sammeln. "Die Verteilung und der Ausgleich erfolgen in Zusammenwirken mit der Geschäftsstelle in Stuttgart", schreibt Pressel. Das Hilfswerk soll neben der Zentrale in allen Bezirken und in jeder Gemeinde Ausschüsse haben. Diese Struktur lebt heute weiter in den Diakonischen Bezirksstellen.

Nicht nur Kartoffeln wurden gespendet, manchmal gab es auch eine Orangenspende.

Traumatisierte Frauen und Kinder, heimkehrende Soldaten und Kriegsversehrte, Flüchtlinge und Vertriebene brauchten Nahrungsmittel, Kleidung, ein Dach über dem Kopf und Seelsorge. Landesbischof Theophil Wurm schreibt: "Die auf uns zukommenden Nöte werden für die christliche Kirche in Deutschland, ihre Pfarrer und Gemeinden, die große Probe sein, in der sie nicht versagen dürfen, sondern sich bewähren sollen."

Kleider, Lebensmittel und Beratung

Auch auf gesamtdeutscher Ebene ist ein gebürtiger Württemberger am Werk: Eugen Gerstenmaier. Mit seinen ökumenischen Partnern in Genf und Bischof Wurm plante er schon seit 1942 ein Kirchliches Hilfswerk. Er wird am 30. August 1945 zu dessen Leiter ernannt.

In Württemberg entstanden Kleiderkammern, Suppenküchen, Lebensmittelausgaben und Beratungsstellen. Flüchtlingslager wurden gebaut und Bezirksflüchtlingspfleger sowie Bezirkshelfer und -helferinnen eingestellt. Kurz nacheinander werden Einrichtungen gegründet wie ein Genesungs- und Versehrtenheim für Kriegsversehrte oder die Knabenheimschule Kleinglattbach für Flüchtlingskinder und Erholungsheime für Kinder, unter anderem im Schwarzwald und im Allgäu.

Das Versehrtenheim in Oberstenfeld.

Eine "Auswandererfürsorge" wird eingerichtet und für heimatlose Jugendliche entstehen "Gilden", in denen sie eine Unterkunft und Ausbildung bekommen. Auch die Hilfskomitees von Flüchtlingsgruppen, etwa der Besserabiendeutschen, gründeten sich in Verbindung mit dem Hilfswerk. Er werde Altenheime aufgebaut und Wohnraum beschafft.

Auf gesamtdeutscher Ebene unterscheidet sich das neue Hilfswerk von der viel älteren "Inneren Mission": Eugen Gerstenmaier lehnt es ab, auf die Hilfeempfänger volksmissionarisch einzuwirken. Im Unterschied dazu baut Wilhelm Pressel neben dem Ressort "Notsorge, Einzelfürsorge, Heime" auch den Bereich "kirchlicher Wiederaufbau, Gemeindeaufbau, Volksmission, Schrifttum" auf. Er verstand Diakonie als volksmissionarische Chance.

Über 200.000 Menschen täglich erreichen

Daher konnte in Württemberg auch die gemeindenahe Diakonie des Hilfswerks schon 1950 in einer Arbeitsgemeinschaft mit den diakonischen Einrichtungen der Inneren Mission zusammengeführt werden. Unterstützt wurde dies dadurch, dass Oberkirchenrat Herbert Keller ab März 1950 sowohl die Geschäftsführung der Inneren Mission als auch die des Hilfswerks innehatte. 20 Jahre später fusionierten beide zum heutigen Diakonischen Werk Württemberg. Auf EKD-Ebene wurde die Fusion der beiden Werke erst ab 1957 vorbereitet, aber schon 1965 vollzogen.

Das Diakonische Werk Württemberg ist heute nach eigenen Angaben ein Dachverband für etwa 1.400 Einrichtungen und Dienste. Sie erreichen täglich über 200.000 Menschen. Und über 50.000 Menschen sind haupt- und rund 35.000 ehrenamtlich für die Diakonie in Württemberg im Einsatz.