Wo das erste ökumenische Dokument des evangelischen Christentums entstand

Consensus von Sandomir, römisch-katholischer Bischof Krzysztof Nitkiewicz lädt zum Gedenken

© Dariusz Bruncz

Treffen im polnischen Sandomir: der römisch-katholische Bischof Krzysztof Nitkiewicz (links) lädt zum Gedenken ein.

Wo das erste ökumenische Dokument des evangelischen Christentums entstand
Der Consensus von Sandomir in Polen gilt heute als das erste ökumenische Dokument des evangelischen Christentums. Dies geschah in der Zeit, als Europa im Gemetzel religiöser Kriege allmählich ausblutete. Nach 450 Jahren kamen wieder Protestanten nach Sandomir, um des epochalen Ereignisses zu gedenken.

Lutheraner, Reformierte und Böhmische Brüder kamen vor 450 Jahren im südpolnischen Sandomir (poln. Sandomierz) zusammen, um die Möglichkeit einer evangelischen Kirche auszuloten. Der Plan einer institutionellen Einheit ging damals nicht auf, aber es gelang den polnischen Protestanten eine Kompromisslösung herauszuarbeiten, die so zum Vorläufer der heute selbstverständlichen Abendmahlsgemeinschaft wurde. 450 Jahre später wurde nun daran gedacht.

Einheit in versöhnter Verschiedenheit oder Einheit in der Vielfalt gilt heute als ökumenischer Selbstläufer in theologischen Debatten quer durch alle Konfessionen und wird zuweilen auch von Papst Franziskus als ein Einheitsmodell ins Gespräch gebracht. Dass evangelische Christen verschiedenster Prägung – ob Lutheraner oder Reformierte – gemeinsam das Abendmahl feiern, wundert heute kaum jemanden. Die Spuren dieser Eintracht führen überraschenderweise nach Polen, wo vor 450 Jahren protestantische Adelige und Theologen in Sandomir ankamen, um der Gegenreformation die Stirn zu bieten und vielfältige Einigungsinitiativen zu beschleunigen. 

1569 unterschrieben Polen und Litauen in Lublin den Gründungsakt der polnisch-litauischen Adelsrepublik. Nach der sogenannten Lubliner Union gab es erneute Einheitsbestrebungen auf der protestantischen Seite und eine starke gegenreformatorische Offensive der römisch-katholischen Kirche, die auf dem königlichen Hof enormen Einfluss hatte. Die Protestanten wussten um die schwierige Lage und haben mit ihrer Entscheidung, eine gesamtprotestantische Synode nach Sandomir einzuberufen, den Vormarsch der Gegenreformation aufgehalten. Nach Sandomir kamen Vertreter der Lutheraner, Reformierten, die damals die überwältigende Mehrheit der polnischen Protestanten ausmachten, und die Böhmischen Brüder. Die Täufer und polnische Brüder (Antitrinitarier) waren von diesen Verständigungsversuchen ausgeschlossen.

Die Grundlage der Diskussionen war die sogenannte "Polnische Konfession", die als Vorlage den vom Schweizer Reformator Heinrich Bullinger entworfenen Text des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses nahm, wobei die umstrittensten Elemente, wie die Abendmahlslehre, so formuliert wurden, dass sie auch von Lutheranern mitgetragen werden konnten. Nach anfänglichem Wiederstand zeigten sich auch die Lutheraner am Ende flexibel und haben den Text der Konfession nur bedingt und unter Auflagen zukünftiger Klärungen zur Kenntnis genommen. So wurde der Weg gebahnt für die Unterzeichnung des Consensus, nach dem alle evangelischen Konfessionen ihre organisatorische und liturgische Unabhängigkeit behielten, aber sich gleichzeitig als wahre Kirchen anerkannten, gemeinsames Abendmahlsverständnis akzeptierten und die gegenseitige Nutzung von Kirchengebäuden in Aussicht stellten.

An der Entstehung des Textes arbeiteten vornehmlich zwei reformierte Theologen – Krzysztof Tretius und Jan Thenaudus. Die aus dem Dokument resultierende Übereinkunft – der Consensus von Sandomir – gilt nach wie vor als die Urkunde der innerprotestantischen Ökumene und wurde schon in der Reformationszeit mit Anerkennung begrüßt. Der Consensus ermöglichte zwar politische Gleichberechtigung polnischer Protestanten durch die sogenannte Warschauer Konföderation, aber er hatte wegen der sich rasch verändernden politischen und gesellschafts-religiösen Lage keine nachhaltige Wirkung in den nächsten Jahrzehnten gehabt. Der Consensus verfiel aber nicht der Vergessenheit und wurde weiter als Teil der protestantischen Erinnerungskultur gepflegt und weiter tradidiert bis hin zur Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie im Jahr 1973 (heute: Gemeinschaft Europäischer Kirchen in Europa).

Oberkonsistorialrat Pastor Semko P. Koroza (links) von der Evangelisch-Reformierten Kirche und Jerzey Samiec, Bischof der evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen

450 Jahre danach kamen auf Einladung des Bürgermeisters von Sandomir Marcin Marzec und des dortigen römisch-katholischen Bischofs Krzysztof Nitkiewicz die Erben des Consensus von Sandomir: leitender Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen Jerzy Samiec, der zugleich Präses des Polnischen Ökumenischen Rates ist, sowie Oberkonsistorialrat Pastor Semko P. Koroza von der Evangelisch-Reformierten Kirche. Im historischen Rathaus wurde die Ausstellung "Übereinkunft der Herren – Übereinkunft der Brüder" von Bürgermeister Marzec und den beiden Bischöfen Samiec und Nitkiewicz eröffnet.

"Drei evangelische Konfessionen trafen sich und wollten darüber diskutieren, was sie voneinander trennt und wie sie gemeinsam arbeiten und dem Gottesvolk und Gott dienen können. Man hat keine gemeinsame dogmatische Lehre formuliert und die Differenzen blieben bestehen. Man hat aber das Recht der jeweiligen Kirchen und ihren Dienst der Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung anerkannt, indem man sich zur weiteren Zusammenarbeit verpflichtete", betonte Bischof Samiec in seiner kurzen Ansprache.

Erinnerung an das ökumenische Erbe

Auch der örtliche Bischof Nitkiewicz, der in der Polnischen Bischofskonferenz für die ökumenische Beziehungen zuständig ist, unterstrich die Relevanz ökumenischer Bestrebungen vor 450 Jahren, auch wenn sie nur indirekt die römisch-katholische Kirche betrafen: "Es ist nicht so wichtig über Mehrheitskirche oder Minderheitskirche zu sprechen, sondern vielmehr darüber, wer wir als Christusbekenner sind", mahnte er an. "In Christus gibt es weder bessere noch schlechtere Christen, weil wir alle füreinander Schwestern und Brüder sind", sagte Bischof Nitkiewicz.

Heute gibt es in Sandomir, das knapp 25.000 Einwohner hat, keine evangelischen Christen mehr. In der Stadt gibt es außer einiger katholischer Pfarreien nur noch eine kleine polnisch-orthodoxe und evangelikale Kirchengemeinde sowie Adventisten, aber die Erinnerung an das ökumenische Erbe bleibt wach.

Corona-Pandemie durchkreuzt Feierlichkeiten

Das Erbe Sandomirs lebt weiter in der Zusammenarbeit der beiden evangelischen Kirchen in Pole,  der Evangelisch-Augsburgischen Kirche (rund 62.000 Mitglieder) und der Evangelisch-Reformierten Kirche (3.000 Mitglieder) – die die volle Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft pflegen und sich seelsorgerlich um die Mitglieder der jeweiligen Kirche dort kümmern, wo es keine Kirchengemeinde der jeweiligen Kirche gibt.

Der Stadtrat von Sandomir hat 2020 als das Jahr des Consensus von Sandomir ausgerufen. Die Jubiläumsfeierlichkeiten des Consensus wurden durch die Corona-Pandemie  durchkreuzt. Nach Angaben des Stadtrates wird man aber einiges nachholen können.

evangelisch.de dankt ewangelicy.pl für die Kooperation.