Drewermann: Kirchenreformen lösen nicht die Glaubenskrise

Eugen Drewermann
© epd-bild/Friedrich Stark
Der katholische Theologe Eugen Drewermann bei einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst.
Drewermann: Kirchenreformen lösen nicht die Glaubenskrise
Kirchenkritiker wird 80 Jahre alt
12.06.2020
epd
epd-Gespräch: Holger Spierig

Paderborn (epd). Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann berurteilt Reformbestrebungen der katholischen Kirche wie den Synodalen Weg skeptisch. Endlich mit den Menschen zu reden, sei zwar wichtig, "aber es löst nicht die fundamentalen Probleme, die sich in der Glaubenskrise heute für die Menschen in unserem westlichen Kulturraum stellen", sagte Drewermann, der am 20. Juni 80 Jahre alt wird, in Paderborn dem Evangelischen Pressedienst (epd).

In Deutschland seien mehr als 60 Prozent der Bevölkerung der Auffassung, dass es weder eine Auferstehung noch Hoffnung angesichts des Todes gebe, erklärte der katholische Theologe und Autor zahlreicher Bücher. Auf Leiden und Tod gebe das von der Kirche gelehrte Weltbild keine Antworten, kritisierte Drewermann: "Das Leid an der Welt führt zum Enttäuschungsatheismus."

Die Kirche müsse die Welt aus der Sicht der Menschen interpretieren, die sozial und psychisch leiden, fordert Drewermann. "Da hinein müssten wir Jesus begleiten, wie er den Kranken die Hände auflegt, den Verlorenen Trost spendet, den ins Abseits Geratenen die Schuld vergibt", meint der Autor und Therapeut. Menschen könnten nur durch Güte gut werden. Das machten Psychoanalyse und Psychotherapie deutlich und davon müsse die Theologie in der Lektüre der Bibel lernen.

Zudem müsse sich die Kirche viel stärker für Frieden, Freiheit sowie für einen gerechten Staat einsetzen, der gegen Ausbeutung und Aufrüstung ausgerichtet sei. Jesus habe gelehrt, dass Friede nicht durch Aufrüstung und Gewalt komme, sondern aus Gespräch und Verständigung.

Missstände der katholischen Kirche wie krank machende Strukturen, die er vor 30 Jahren in seinem Buch "Kleriker" behandelt habe, hätten sich seitdem "wohl eher zum Schlimmeren entwickelt", sagte Drewermann. "Man hat die Strukturen verfestigt und damit das morsche Gebälk anscheinend gründlich zum Einsturz gebracht."

Es sei ihm jedoch nicht um Kirchenkritik gegangen, unterstrich der Theologe. "Es geht mir darum, Menschen frei zu machen von inneren Zwängen, und die Botschaft Jesu so zu vermitteln, dass sie für die eigene Entwicklung, zur Begleitung im Leben und zum Verständnis untereinander dienlich wird." Wenn dieses in der Kirche verhindert werde, bringe das enorme Schäden mit sich.

Anfang der 90er Jahren hatte der damalige Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt ein Predigt- und Lehrverbot gegen Drewermann wegen dessen kirchenkritischer Ansichten verhängt. Seither ist Drewermann als Buchautor, Vortragsredner und Therapeut tätig. Im Jahr 2005 trat er aus der katholischen Kirche aus.