Außergewöhnliche Atmosphäre auf dem Augsburger Protestantischen Friedhof

Augsburger Friedhof

© epd-bild/Ralf Schick

Der Protestantische Friedhof in Augsburg mit den Diakonissen-Grabmälern.

Außergewöhnliche Atmosphäre auf dem Augsburger Protestantischen Friedhof
Der Protestantische Friedhof in Augsburg gilt als einer der schönsten im Land. Seit 1534 besteht das sechs Hektar große Areal mit mehr als 9.500 Grabstellen. Wer den Friedhof bei Führungen oder Gottesdiensten besucht, gerät ins Schwärmen.

Mehr als ein Vierteljahrhundert war Erwin Stier auf dem Augsburger Protestantischen Friedhof beschäftigt, über 20 Jahre lang war er dessen Leiter. Noch heute führt Stier, inzwischen als Rentner, normalerweise mindestens zwei Mal im Jahr durch das parkähnliche Gelände. Durch die Corona-Pandemie wurden auch die Führungen verschoben, die nächste aber soll an Allerheiligen wieder stattfinden. "Hier hat jeder Stein eine eigene Geschichte", erzählt Stier, der zusammen mit dem Augsburger Stadtführer an der Volkshochschule, Werner Bichler, ein Buch darüber geschrieben hat, das Ende des vergangenen Jahres in zweiter Auflage erschienen ist.

"Dieses altertümliche Flair spürt man in jeder Ecke des Friedhofs", sagt Stier, der auch privat noch häufig auf dem Friedhof anzutreffen ist, um das Grab seiner Großmutter zu pflegen. "Dieser Friedhof verbindet Altes und Neues perfekt miteinander, zumal wir in den vergangenen zwei Jahrzehnten auch viel in Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz erhalten und erneuern konnten wie etwa viele Galvanerfiguren", erzählt der ehemalige Friedhofsleiter.

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Der Denkmal-Retter

Dieter Georg kratzt mit einer Wurzelbürste groben Dreck vom Grabmal-Relief..

Foto: Sandra Schildwächter

Dieter Georg kratzt mit einer Wurzelbürste groben Dreck vom Grabmal-Relief..

Foto: Sandra Schildwächter

Unzählige Male musste Dieter Georg mit der Wurzelbürste schrubben, bis der Grabstein frei von Moosen, Pilzen und Vogelkot war. Jahrzehnte hatte sich niemand um das Grab des 1914 ledig verstorbenen Berthold Schuster gekümmert. Bis Georg den Verfall der denkmalgeschützten Grabstätte auf dem <a href="https://friedhof-frankfurt.de/grabstaetten/grabpatenschaften/">Frankfurter Hauptfriedhof</a> nicht mehr hinnehmen wollte: 2002 schloss der damals 62-Jährige die Patenschaft für das Grab des Bankiers ab. Georg reinigte und sanierte es auf eigene Kosten - in dem Wissen, dass er und seine Ehefrau dort selbst einmal ihre Ruhestätte finden werden. Denn wer Grabpate wird, übernimmt nicht nur die Pflege, sondern erhält auch das Recht, die Ruhestätte nach dem Tod kostenlos zu nutzen. Mit dem vorhandenen Grabstein und dessen Inschrift muss sich der Pate allerdings arrangieren: Der bleibt. An den verstorbenen Grabpaten erinnert in der Regel eine auf dem Beet liegende Namenstafel.

Auf dem Familiengrab der Bankiersfamilie Kessler erinnern drei Kreuze und ein großes Marmorgrabmal an die Verstorbenen. Unter dem schwarzen Kreuz liegt Otto Busch begraben, Hauslehrer der Familie und Bruder des Karrikaturisten Wilhelm Busch.

Foto: Sandra Schildwächter

<p>Inzwischen hat der 78-Jährige die Patenschaft für zwölf Gräber übernommen. "Ich habe mich auf Marmorgrabmale spezialisiert", erklärt er. Neben der Grabpflege ist es für ihn aber genauso wichtig, zu wissen, wer die Person ist, die in dem Grab beerdigt wurde. Die Patenschaft für die Grabstätte der Frankfurter Bankiersfamilie Kessler hat der Rentner übernommen, weil er Fan von dem "Max und Moritz"-Erfinder Wilhelm Busch ist.</p>
Dem Karikaturisten und Dichter wurde zu Lebzeiten eine Romanze mit der Ehefrau von Herrn Kessler nachgesagt. "Platonische Liebe", meint Georg. Busch und Frau Kessler hatten sich ihm zufolge über den Bruder von Wilhelm, Otto Busch, kennengelernt. Dieser war bei der wohlhabenden Familie als Hauslehrer beschäftigt. Otto Busch wurde nach seinem Tod mit auf dem Grab der Kesslers bestattet - das schwarze Kreuz erinnert an ihn.

Dieter Georg zeigt auf das große Marmorgrabmal auf der Familiengrabstätte der Kesslers. Zwei Engel recken sich zum Relief des früh verstorbenen Sohn der Kesslers empor.

Foto: Sandra Schildwächter

Auf dem Kessler-Grab ist es der Grabstein des erstgeborenen Sohnes, der aus Marmor gefertigt ist. "Wenn man sich das Grab anschaut, sieht man, wie sehr die Familie getrauert haben muss", ist Georg überzeugt. Der Familienerbe Hugo Kessler starb 1905 im Alter von 20 Jahren. Warum, wusste Georg lange Zeit nicht. Die Antwort fand er bei Recherchen im Archiv der damaligen "Frankfurter Zeitung". In einer etwa hundert Jahre alten Ausgabe las Georg, dass Hugo Kessler im Main ertrunken war, nachdem sein Boot kenterte.

Mit seinem gelben Fahrrad fährt Georg um eine Kurve auf dem Friedhof. Seine Tasche mit dem Buch über seine Patenschaftsgräber trägt er auf dem Rücken, den Haltegriff des Eimers mit der Wurzelbürste hat er um den Fahrradlenker gehängt.

Foto: Sandra Schildwächter

Dieter Georg kennt fast jeden Winkel auf dem 70 Hektar großen Hauptfriedhof. Wenn er von Patengrab zu Patengrab radelt, grüßen ihn die Friedhofsgärtner. Der 78-Jährige wohnt nur fünf Minuten zu Fuß vom Friedhof entfernt. Bei gutem Wetter verbringt er bis zu sechs Stunden pro Woche bei "seinen" Gräbern. Radfahren ist auf dem Friedhof in der Regel nicht gestattet. Georg hat von der Friedhofsverwaltung allerdings eine Sondergenehmigung erhalten. "Ich bin nicht mehr gut zu Fuß unterwegs", erklärt er.

Der 78-Jährige lächelt in die Kamera. Er hat eine Halbglatze, Fältchen um die Augen und trägt ein kariertes Hemd.

Foto: Sandra Schildwächter

Mit zwölf Patengräbern hat er die Wahl der Qual. Trotzdem habe er nie daran gezweifelt, dass sein erstes Patengrab seine letzte Ruhestätte wird, erzählt er. "Meine Frau hat es ausgewählt. Der Stil ist einfach wunderschön." Auch habe er in das Grab die meiste Arbeit investiert: an dessen Sanierung feilte Georg fast einen ganzen Sommer lang. Sich zu Lebzeiten schon um sein eigenes Grab zu kümmern, stört den Rentner nicht. "Es ist ein beruhigendes Gefühl, weil ich auch etwas dafür getan habe." Auf seinen eigenen Tod bereite er sich mit den Grabpatenschaften allerdings nicht vor, betont er. "Ich sehe das als reine Natur und Historie. Ich recherchiere."

Georg hat auf Fotos den Zustand seiner Patengräber dokumentiert. Auf dem Foto zeigt er ein Bild eines Marmorengels, der vor der Patenschaft mit Grünbelag übersät war. Nach seiner Reingung ist der Marmor fast ganz sauber.

Foto: Sandra Schildwächter

<p>Der Vor- und Nachher-Effekt der Patengräber ist enorm. Seit 1997 haben rund 300 von 1.100 künstlerisch und historisch wertvollen Grabmälern auf dem Hauptfriedhof einen Paten gefunden. Für diese Gräber bestand kein Nutzungsrecht mehr: Angehörige wollten sich nicht um die Gräber kümmern oder es gab keine Verwandten mehr. Die Gräber fallen dann in die Verantwortung der Stadt Frankfurt. Die verfügt nach eigenen Angaben pro Jahr über sieben Millionen Euro für Ausgaben im Bereich des "grünpolitischen Wertes". Das Budget ist allerdings für die denkmalgeschützten Grabmäler sowie die Pflege ausgewiesener Grünflächen und Kriegsgräber gedacht.</p>
Bei der Instandhaltung der potenziellen Patengräber könne es zunächst nur um die Sicherstellung der Verkehrssicherheit gehen, erklärt die Stadt. Weitere Maßnahmen würden lediglich vereinzelt vorgenommen. Einige Gräber auf dem Hauptfriedhof sind allerdings in einem so schlechten Zustand, dass Patenschaften ausgeschlossen sind. Aber Paten aufgepasst: Rund 500 Gräber suchen noch jemanden, der sie pflegt - welche das sind, ist an einem blauen Schild auf den Gräbern zu erkennen. Paten brauchen Zeit, rät Georg. "Jeder entscheidet aber selbst, wie viel Mühe er investiert."

Der Marmorengel thront auf einem Grabstein. Die weiße Figur geht leicht in die Hocke, hat den Kopf gebeugt und streckt die Hand aus.

Foto: Sandra Schildwächter

Eines seiner Patengräber hat Georg seinem Sohn geschenkt: über dessen Grabstein ragt ein hockender Marmorengel. Dieser wacht über den Kunstschreiner Peter Friedrich Ditmar, der unter anderem Möbel für die jüdische Familie Rothschild und das britische Königshaus fertigte. Mit der Wurzelbürste an den Engelsflügel schrubbt allerdings Georg senior: Der Sohn des gebürtigen Frankfurters wohnt bei Offenbach.

"Über den Sternen wohnt der Friede" steht auf der Rückseite des Grabsteins eingraviert. Es folgt ein Gedicht "Wer hier ruhet, fraget nicht. Dir ist's ein fremder Ton. Die mich lieben finden mich Auch ohne Namen schon."

Foto: Sandra Schildwächter

"Wer hier ruhet, fraget nicht. Dir ist's ein fremder Ton. Die mich lieben, finden mich auch ohne Namen schon", steht eingraviert in dem Grabstein. Dass hier die zwei Ehemänner von Auguste liegen, wissen allerdings nur Kenner. Die vollständigen Namen der Männer fehlen auf dem Grabstein. "Mit Absicht", erklärt Georg. "Das Grab ohne Namen zeugt von einer tiefen Liebe, die zu der Zeit aber nicht ganz toleriert wurde." Auguste verliebte sich - erst kurz nachdem ihr Mann verstorben war - erneut. Sie heiratete Jakob, einen Tuchhändler aus dem Hunsrück. Ihre beiden Männer ruhen gemeinsam in einem Grab.

Vor einer der alten Friedhofsmauern steht eine Jesus-Figur. Grüne Pflanzen verdecken fast die Inschrift des Grabsteins.

Foto: Sandra Schildwächter

Hoch ragt die Jesus-Figur über die Friedhofsmauern. Sie wacht über das Grab der Familie Meuser, einer Frankfurter Dynastie von Geschäftsleuten. "Die Meusers waren sehr katholisch. Die Frau hat den Jesus zum Tod ihres Mannes anfertigen lassen", weiß Georg. Ihn selbst stimme die imposante Figur andächtig. Allerdings ärgert er sich auch bei dem Anblick seines Patengrabs. Denn der etwa zwei Meter hohen Figur fehlen drei Finger an ihrer ausgestreckten Hand. Vandalen haben nachts auf dem Friedhof mehrere Gräber geschändet, sagt Georg. Der Jesus-Figur hätten sie die Finger abgeschlagen.

Dieter Georg umfasst das etwa zwei Meter hohe Kreuz auf dem Grab des Zappel-Philipp Urbilds von Fabricus. Auf dem Grab erinnern zwei weitere ähnliche Kreuze und ein kleineres an die Verstorbenen.

Foto: Sandra Schildwächter

<p>Wenn Dieter Georg über das Grab von Philipp Julius von Fabricius spricht, leuchten seine Augen. Auch wenn es nicht das Grab ist, wo er seine letzte Ruhe finden möchte, ist es gewiss sein liebstes. Der auf dem Grab bestattete Arzt von Fabricius ist das Urbild des "Zappel-Philipps" aus dem Bilderbuch-Klassiker "Der Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann. </p>Dass der 1911 verstorbene von Fabricius das Urbild ist, entdeckte Georg nahezu zufällig: von Fabricius machte zu Lebzeiten nicht öffentlich, dass er das Urbild des Zappel-Philipps war. In einem Dokument verriet er allerdings sein Geheimnis. Das wichtige Detail blieb lange Zeit unentdeckt - bis Georg 2009 im <a href="https://www.struwwelpeter-museum.de/">"Struwwelpeter"-Museum</a> recherchierte: "Als ich die Verbindung herausgefunden hatte, war ich überwältigt."

Dieter Georg fährt auf seinem gelben Rad den Friedhofsweg entlang. Die Sonne scheint auf seinen Rücken.

Foto: Sandra Schildwächter

Zwanzig Minuten lief Georg als Jugendlicher vom Haus seiner Eltern zu dem seiner Freundin. Der kürzeste Gehweg führte direkt über den Hauptfriedhof. Heute ist Georg seit 58 Jahren mit seinem Mädchen verheiratet. Das Ziel seiner Radfahrten ist seit seinem Ruhestand meist der Friedhof. "Ich musste mir nie überlegen, was ich mit meiner Zeit anfange", sagt er lachend. "Wenn ich anfange über ein Grab zu forschen, ist es so, als würde ich in eine andere Welt eintauchen." Zu vielen Grabstätten hat Georg eine Geschichte, den Namen des Grabpaten oder historische Informationen parat. Ob er ein dreizehntes Patengrab sucht? Nein, sagt er bestimmt. Doch bei manchen Gräbern scheint es ihm allerdings in den Fingern zu jucken. Beim Spaziergang über den Friedhof kann er sich ein "ach, das hätte ich auch gerne" nicht immer verkneifen.

Seit 1534 besteht der Friedhof in Augsburg und ist somit der älteste, auf dem noch Beerdigungen durchgeführt werden. Es gibt den Alten Teil mit Aufbahrungshalle und Kirche sowie den später hinzugekommenen Süd- und Nordteil. Seit dem Westfälischen Frieden von 1648 ist der Friedhof gemeinsames Eigentum der fünf evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden der Innenstadt: St. Anna, St. Jakob, St. Ulrich, Hl. Kreuz und Zu den Barfüßern, zusammengeschlossen in der "Protestantischen Allgemeinen Kirchenstiftung".  

Im Jahr 1700 wurde das Verwaltungsgebäude erbaut und ist das älteste genutzte Gebäude auf dem Friedhof. Es wurde 1991 restauriert. Die 1825 erbaute Kirche wurde von 1986 bis 1988 restauriert. Die 1837 errichtete Aufbahrungshalle wurde 1964 umgebaut, 1989 instandgesetzt und renoviert. Zahlreiche interessante Skulpturen, Stein- und Grabdenkmäler aus dem 17. Jahrhundert befinden sich auf dem Friedhof, ebenso wie architektonisch aufwendige Gräber des Klassizismus und der Neugotik.

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Alles ist endlich - Individuelle Grabsteine

Berliner Friedhofswerkstatt

© Severin Wohlleben

Berliner Friedhofswerkstatt

© Severin Wohlleben

Nikolaus Seubert ist Steinbildhauer und hat sich auf Grabsteine spezialisiert. In Berlin-Prenzlauer Berg hat er auf dem Friedhofsgelände der Georgen-Parochialgemeinde sein Atelier. Der Besucher lässt den Lärm der Stadt hinter sich, sobald er dieses Kleinod in der Mitte Berlins betritt. Seubert hat die alte Remise als Ruine übernommen und mit viel Eigeninitiative saniert.

Grabstein

© Severin Wohlleben

Die wenigsten Menschen lassen sich zu Lebzeiten einen Grabstein anfertigen. Das Thema Tod - und wie man das eigene Ableben gestalten möchte, ist keines, das im Leben eine Rolle spielt. Und selbst, wenn es um den Tod von nahestehenden Menschen geht, wissen nicht viele, welche Möglichkeiten es gibt, das Grab zu gestalten. Es muss keine Massenware sein. Eine Grabstele kann individuell sein und so viel liebevoller an den geliebten Menschen erinnern.

Steinbildhauerei

© Severin Wohlleben

In der Remise duftet es nach frisch gebrühtem Tee, kleine Steinbildhauereien stehen auf dem Tisch. In der Werkstatt ist Nikolaus Seubert bei der Arbeit. Der Ort wirkt lebendig, obwohl es hier um den Tod geht.. Seit 1980 lebt Seubert schon in Berlin. Vom katholischen Süden in den protestantischen Norden. Das Handwerk hat er in der Ausbildung gelernt, dann den Meister gemacht und schließlich seine künstlerische Nische entdeckt.

Erinnerungsstücke

© Severin Wohlleben

Gibt es einen Gegenstand, der mich an die verstorbene Person erinnert? In einer Stele ist ein Kreisel integriert. Die verstorbene Mutter hat Kreisel gesammelt, und für die Tochter war klar, dass ihr Grabstein an ihre kleine, geliebte Leidenschaft erinnern sollte.

Steinarbeit

© Severin Wohlleben

Die Steine, die der Handwerksmeister benutzt, kommen allesamt aus europäischen Steinbrüchen. "Keine Kinderarbeit", wie er betont. Kalkstein, Sandstein, Dolomit oder Thüringer Travertin aus Bad Langensalza – das sind die Steine, die er bearbeitet. Zuerst grob, dann sanft mit einem Marmorschaber. Soll der Stein hell sein oder dunkel? Wie möchte ich die Oberfläche haben, rau und wild oder glatt poliert? Stein ist eben nicht Stein.

Werkstatt

© Severin Wohlleben

Knorrige Hölzer, alte Bienenwaben, ein alter verrosteter Sargnagel, all diese Gegenstände hat Seubert schon in seinen Stelen verarbeitet. Er finde immer etwas, wenn er durch die Natur laufe oder auch durch die Stadt. Aufs Auge komme es an. Und die Fantasie.

Skizze

© Severin Wohlleben

Politisch ist Nikolaus Seubert, wenn es ums Sterben geht. Ein Thema, das ihn bewegt. Die Friedhofskultur habe sich verändert. Der Trend gehe hin zu Urnen, zu Feldern mit anonymen Gräbern, zum Friedwald, oft schlecht erreichbar außerhalb der Stadt. Die innerstädtischen Friedhofsflächen schrumpften - Bauland ist in Berlin viel wert. Die Kirchen bräuchten Geld. Es ginge nicht mehr um Inhalte, sondern nur noch um das richtige Maß: "Die Grabstellen sind viel zu klein, warum gibt man den Leuten nicht mehr Platz?"

Friedhof

© Severin Wohlleben

"Friedhöfe sagen sehr viel aus, über die Menschen, die hier gelebt haben." Wer kennt das nicht: Im Ausland, der kleinen Stadt in den Bergen, oder den großen Metropolen der Welt? Oft sind es die Friedhöfe, die uns reizen, die Geschichten der Menschen, die dort begraben sind, die unsere Phantasie anregen. Ein schönes Grabwort über die junge unbekannte Schönheit, die vielen Blumen am Grab desjenigen, der schon lange Zeit tot ist. Die Namen, die Verwandtschaftsverhältnisse, das Todesdatum, das überproportional oft zu lesen ist. Friedhöfe sind unser Erbe für die Nachwelt.

Kunstwerk

© Severin Wohlleben

Eine von Seubert gearbeitete Stele braucht Zeit. Es gibt Vorgespräche. Man nähert sich an, versucht gemeinsam eine Idee für den Stein zu entwickeln. Wenn dann feststeht, wie er aussehen soll, dann dauert es in der Regel fünf bis sechs Wochen, bis aus dem Rohstück ein Kunstwerk entstanden ist.

Friedhof

© Severin Wohlleben

Was bleibt von einem Menschen, wenn er stirbt? Wer geht, der nimmt nichts mit. Keine Reichtümer, auch keine Armut. Er bleibt in der Erinnerung derer, die ihn liebten und auch derer, die das vielleicht nicht taten. Was bleibt von einem Menschen, wenn er geht? Am Ende auch der Ort, an dem die Mutter, der Vater, das Kind, der Freund, die Freundin die letzte Ruhe findet.

Seit den 1960er-Jahren dürfen hier nicht mehr nur Protestanten begraben werden, auch Katholiken oder Konfessionslose finden hier seither eine Grabstelle. Denn lange Zeit wurden auf dem Areal im Stadtteil Hochfeld nur Evangelische beerdigt, etwa die verstorbenen Augsburger Diakonissen oder auch viel Prominenz wie Angehörige der Familie Schaezler, die Familie der Welser, Augsburgs größte Wohltäterin und Schulgründerin Anna Barbara von Stetten, der Renaissance-Baumeister Elias Holl, die Eltern von Bert Brecht oder Angehörige der Familien Riedinger, Klaucke und Firnhaber.

"Das ist einfach ein faszinierender Ort mit einer besonderen Atmosphäre", sagt die Augsburger evangelische Pfarrerin Gesine Beck, die seit Pfingstsonntag nach der coronabedingten Unterbrechung wieder die Reihe der abendlichen Gottesdienste um 18 Uhr auf dem Friedhof eröffnet hatte. Für sie ist das parkähnliche Gelände wie ein großer Garten, ein Gottesacker, der "etwas Hoffnung Spendendes" habe. Das gehe auch vielen Gottesdienstbesuchern so, erzählt die Theologin, die dann sonntagabends bei den eher kurzformatigen Predigten und Andachten "ihre Woche abschließen und für die neue Woche auftanken".

Auch ihr Ehemann, Pfarrer Martin Beck, gerät ins Schwärmen, wenn er über den Friedhof spricht. "Ich bin von dem Ort ganz angetan, der in der Reformation angelegt wurde als Friedhof für die Evangelischen", sagt Pfarrer Beck. Das besondere Flair entstehe durch das Zusammenspiel von alten Skulpturen und Grabstätten sowie der Gestaltung mit kostbaren Pflanzen und Bäumen.