Historiker: Corona-Angst steht für tiefe Verunsicherung

Historiker: Corona-Angst steht für tiefe Verunsicherung
07.04.2020
epd-Gespräch: Franziska Hein (epd)
epd

Berlin (epd). In der Corona-Krise zeigt sich nach Meinung des Historikers Frank Biess eine moderne, globale Angst. Solche Ängste seien Ausdruck einer tiefen Verunsicherung, die durch die Globalisierung ausgelöst würden, sagte Biess dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der 53-Jährige ist Professor an der University of California in San Diego und hat im vergangenen Jahr ein Buch mit dem Titel "Republik der Angst" veröffentlicht. Die Bedrohung durch das Virus sei länderübergreifend und unsichtbar. "Es ist eine Bedrohung für die gesamte Menschheit, für den Mensch als Gattungswesen", sagte Biess.

Im Umgang mit der Corona-Pandemie zeigt sich seiner Meinung nach aber keine spezifische "deutsche Angst". "Die Deutschen haben keine pathologische Angststörungen", sagte der Angst-Historiker. Kollektive Ängste in der deutschen Nachkriegsgesellschaft gingen auf historische Erfahrungen aus der Zeit vor 1945 zurück. Angst habe etwas mit Hilflosigkeit zu tun.

Am Beispiel des Hamsterkaufs sehe man, dass es produktive und dysfunktionale Ängste gebe, sagte Biess. "Die Angst davor, im Ernstfall kein Toilettenpapier zu haben, resultiert in einen Hamsterkauf, der genau dazu führt, dass überall das Toilettenpapier ausverkauft ist." Die Angst davor, sich mit dem Virus zu infizieren und andere anzustecken, führe hingegen dazu, Regeln zur "sozialen Distanz" einzuhalten. Der Hamsterkauf sei ein psychologischer Mechanismus, um ein Mindestmaß an Kontrolle zu behalten. In der unmittelbaren Nachkriegsgesellschaft habe aber ein wirklicher Mangel und eine Warenknappheit bestanden. Das sei heute nicht der Fall.

Biess forderte, schon während der Corona-Krise eine gesellschaftliche Debatte darüber zu führen, wie man langfristig global zusammenarbeiten wolle. "Führt die Krise dazu, dass wir längerfristig mehr international zusammenarbeiten und globale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation in Zukunft mehr Bedeutung erlangen? Oder führt sie zu mehr Abschottung und De-Globalisierung? Wir erleben derzeit beides", sagte Biess. "Das ist am Ende eine politische Entscheidung."