Kirchen rufen in Corona-Krise zu Solidarität und Nächstenliebe auf

Kirchen rufen in Corona-Krise zu Solidarität und Nächstenliebe auf
Während die Kirchenbänke zumeist leer blieben, verfolgten Katholiken und Protestanten die Gottesdienste am Sonntag in TV und Internet. Im Fokus der Predigten: die Angst der Menschen vor Corona und die Notwendigkeit, jetzt zusammenzuhalten.

Die Kirchen in Deutschland rufen angesichts der Corona-Epidemie zu Solidarität, Mitgefühl und Nächstenliebe auf. Der Berliner Bischof Christian Stäblein riet, auf die "Grundtugenden des Lebens" zu setzen. Dazu gehöre neben Vorsicht und Gelassenheit vor allem, solidarisch und offen für die Sorgen anderer zu sein und sich selbst etwas zurückzunehmen, sagte Bischof am Samstag im Berliner RBB-Inforadio. Die Menschen müssten "mit dem Herzen und mit den Augen gucken, was braucht der andere". Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki empfahl Menschen, die in Angst und Sorgen seien, zu beten.

Gottesdienste fanden in weiten Teilen des Landes am Sonntag nicht statt. Wegen der Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus hatten viele evangelische Landeskirchen und katholische Bistümer sie bereits am Freitag abgesagt. Zugleich verwiesen sie auf Rundfunk- und Online-Gottesdienste. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, forderte die Absage aller Gottesdienste und kritisierte eine "Kleinstaaterei" bei den Kirchen.

Der am Sonntag live übertragene ZDF-Fernsehgottesdienst fand ohne Publikum statt. In der St.-Ansgar-Kirche in Oldenburg feierten nur die Mitwirkenden und der Chor, dessen Sängerinnen und Sänger mit gebührendem Abstand in den Kirchenbänken Platz genommen hatten. Im Gebet wurde der Wunsch geäußert, "dass wir alle einander beistehen, Ruhe bewahren und die Gesundheitssysteme entlasten", damit wirklich Kranke versorgt werden können. Pastor Nico Szameitat dankte Gott für alle Menschen, die in Pflege und Krankenhäusern helfen: "Gib den Alten, Kranken und Schwachen Stärke und weise uns den Weg zu ihnen", bat er.

Wer allein sei und Hilfe brauche, könne sich an die Kirchengemeinden wenden, sagte Berlins Bischof Stäblein. Er ermutige dazu, sich zu melden und anzurufen, wenn es Schwierigkeiten gebe. Die Kirchengemeinden vor Ort seien die "besten und schönsten Netzwerke" dafür, Trost und Hilfe zu organisieren, "wenn Menschen allein sind und Angst haben", sagte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Austausch sei auch medial möglich, etwa über die "gute alte Telefonseelsorge".

Im "Wort zum Sonntag" ermutigte die evangelische Pfarrerin Stefanie Schardien zum Zusammenhalt. "In den nächsten Wochen wird es sehr darauf ankommen, wie wir miteinander umgehen: Ob wir uns im Stich lassen. Oder ob wir es schaffen, mehr zusammenzurücken, innerlich", sagte sie in der am Samstagabend ausgestrahlten ARD-Sendung. Nächste im christlichen Sinne, die Hilfe brauchen, gebe es derzeit zuhauf. Das seien alle, die heftig erkrankten, aber auch jene, die Unterstützung benötigen etwa bei der Kinderbetreuung oder in Quarantäne.

Zu Vertrauen rief der rheinische Präses Manfred Rekowski die Gläubigen auf. Die Ausbreitung des Virus löse Sorgen und Ängste aus, schrieb er im Präses-Blog. Christen könnten jedoch trotz Furcht und Ungewissheit auf Gott vertrauen, "der uns in seiner guten Hand hält". Der Kölner Erzbischof Woelki sagte im Bistumssender Domradio, er selber bete für alle, die in großer Angst um ihre Gesundheit seien und rat dies auch anderen.

Gestrichen waren die Gottesdienste am Sonntag etwa in der Nordkirche, in den Landeskirchen in Niedersachsen, Bremen, Württemberg und Sachsen sowie in den Erzbistümern Hamburg und München und den Bistümern Limburg, Fulda, Mainz und Speyer. In Berlin fielen die Gottesdienste im evangelischen Dom sowie in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche aus. Viele Kirchen blieben aber zum Gebet geöffnet, Seelsorger waren teils vor Ort.

Mancherorts hatten es die Kirchen ins Ermessen der Gemeinden gestellt, liturgische Feiern abzuhalten - etwa in der hessen-nassauischen oder in der Berlin-brandenburgischen Kirche. In Berlin galt dies nach einer Verordnung des Senats vom Samstagabend aber nur für Veranstaltungen bis zu 50 Personen.

Der Ethikrats-Vorsitzende Dabrock sagte mit Blick auf das hohe Alter vieler Gottesdienstbesucher, er halte es für unverantwortlich, dass die Kirchen Veranstaltungsangebote machen, die Menschen aus der Hochrisikogruppe einer Gefahr der Ansteckung mit dem Corona-Virus aussetzen. Er appelliere eindringlich an die Kirchen: "Sagen Sie mit einer Stimme bis auf weiteres alle Gottesdienste und anderen kirchlichen Veranstaltungen ab, lassen Sie Ihre Fantasie walten und bieten Sie über sämtliche anderen Medien Alternativen an." Jeder müsse die Mahnung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verinnerlicht haben, nur unerlässliche soziale Kontakte wahrzunehmen, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Die katholische Deutsche Bischofskonferenz wies die Kritik Dabrocks zurück. Fast alle Bistümer hätten binnen kürzester Zeit Gottesdienste abgesagt und damit sehr verantwortlichvoll, zügig und im "angemessenen Krisenmodus" gehandelt, sagte ein Sprecher dem epd. "Von Kleinstaaterei kann überhaupt nicht die Rede sein."

Über Maßnahmen für den Umgang mit der Virus-Ausbreitung entscheiden die Landeskirchen und Bistümer, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und katholische Deutsche Bischofskonferenz haben dazu keine Order ausgegeben.

epd lde/kfr/co/rks

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