Auferstanden aus Ruinen

Zerstörte Johanniskirche in Würzburg 1945

© epd/Archiv

Die bis heute von der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg gezeichnete Würzburger St. Johanniskirche wird zu einem Mahnmal und Denkort für den Frieden. Der 74. Jahrestag der Bombardierung der Stadt durch die Royal Air Force ist am 16. März. Im Bild: Die zerstörte Johanniskirche in Würzburg 1945

Auferstanden aus Ruinen
Die evangelische St. Johanniskirche wurde nach Kriegsende zu einem Mahnmal für den Frieden
Nach dem Bombenangriff vom 16. März 1945 waren auch fast alle Kirchen in Würzburg völlig zerstört. Während die Fassaden der meisten Kirchen originalgetreu wiederaufgebaut wurden, wurde die evangelische St. Johanniskirche zu einem baulichen Mahnmal.

Der 16. März 1945 war für Würzburg ein schwarzer Tag: Bomber der Royal Air Force legten nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges große Teile der historischen Altstadt in Schutt und Asche, darunter auch fast alle Kirchengebäude. Wie durch ein Wunder blieb eine evangelische Kirche vom Inferno aus Spreng- und Brandbomben verschont: die Deutschhauskirche im Mainviertel überstand die Nacht. An anderen Kirchengebäuden sind die baulichen Narben bis heute gut sichtbar - an der evangelischen Innenstadtkirche St. Johannis gehört das zum architektonischen Konzept. Sie ist ein Friedens-Mahnmal.

Die Türme der evangelischen St.-Johannis-Kirche wurden nach Kriegsende nicht originalgetreu aufgebaut, sondern ihnen wurden zwei schlanke Spitzen übergestülpt: Ansichten  von 1955, 1957 und 2015.

"Der Wiederaufbau ihrer Kirchen war den Würzburgern wichtig", sagt der Würzburger Stadtheimatpfleger Hans Steidle. Rund 75 Prozent der überlebenden Städter seien katholisch gewesen: "Die Kirche war in den 1950er Jahren für die Würzburger identitätsstiftender als die Politik der jungen Bundesrepublik." Und so wurde bei jedem Kirchenbau, der vor 1800 entstanden ist - und das war der Großteil -, das Äußere möglichst originalgetreu wiederhergestellt und das Innere, falls noch vorhanden, konserviert. Nach dieser "Würzburger Lösung" bekamen erhielten die meisten Kirchen eine modern-puristische Nachkriegsausstattung.

Leer wirkende Hallen

"Das merkt man bis heute", sagt Steidle. Besonders deutlich natürlich, wenn man Vorkriegsfotografien aus dem Kirchenraum betrachtet: "Vor dem 16. März waren die meisten Würzburger Kirchen voll ausgestattete 'Überwältigungsprogramme'." Nach der Bombennacht wurden daraus oft große, ziemlich leer wirkende Hallen. Künstlerisch sei man bei der Ausstattung oftmals der neuen Sachlichkeit gefolgt. Dies sei anfangs gar nicht so sehr aufgefallen. "Aber je weniger Leute heute drinsitzen, desto verlorener fühlt man sich", erläutert Steidle. Besonders deutlich sei dies etwa in der katholischen Pfarrkirche Stift Haug zu spüren.

Beinahe als Kontrastprogramm dazu ist der Wiederaufbau der unweit der Residenz gelegenen evangelischen St. Johanniskirche abgelaufen. Von dem neugotischen Ursprungsbau stand nach dem 16. März bloß noch ein Turmrumpf sowie zwei daran angebaute Treppenaufgänge. Während die Kirchengemeinde in den Nachkriegsjahren Gottesdienste im inzwischen auch abgerissenen Saalbau Luisengarten feierte, wurde über die Art und Weise des Wiederaufbaus diskutiert. Ein zunächst von den Verantwortlichen befürworteter Abriss der Ruine und der Bau einer 1950er-Jahre-Betonkirche sorgte für Unruhe in der Gemeinde.

Schließlich habe der Münchner Architekt Reinhard Riemerschmid den Zuschlag erhalten. "Das, was Riemerschmid geschaffen hat, ist meines Wissens einzigartig", sagt der Stadtheimatpfleger: "Die Trümmerteile sind zum wichtigen Bestandteil des neuen Kirchenbaus geworden." Bei der Berliner Gedächtniskirche stehe der alte Turmrumpf nur daneben. "Die neue Johanniskirche betritt man durch das Portal im alten Turm", den Treppenaufgängen stülpte der Architekt zwei schlanke Pyramiden mit achteckigem Grundriss als Türme über. Der 1957 eingeweihte neue Kirchenraum wird von einer Art "offenem Zeltdach" überspannt.

Feierlicher Gottesdienst in der Johanniskirche in Würzburg.

"St. Johannis hat eine besondere Stellung in der Kirchenlandschaft Würzburgs - und darüber hinaus", sagt Steidle. Der große Raum sei "nicht sofort gefällig", man finde darin zugleich "Herausforderung und Ruhe", wenn man sich darauf einlasse. Die "Zierlichkeit" der 1950er Jahre sei mit der speziellen Gestaltung von Altar und Kanzel bis heute spürbar. Wie ein Kontrastprogramm dazu wirkt die überlebensgroße Plastik "Christus als Weltenrichter" des Münchner Bildhauers Helmut Ammann. Sie hängt an zwei Seilen befestigt über dem Altarraum und zieht in all ihrer Monumentalität die Blicke der Besucher auf sich.

Mahnmal und Denkort für den Frieden

Ganz anders ging man nach dem Krieg mit dem Würzburger Dom in der Innenstadt um. Das Bauwerk war erst 1705 zu einem Kirchenraum aus verschiedenen Kirchen zusammengefügt und dabei mit barockem italienischem Stuck überzogen worden. Dieser wurde auf Geheiß des damaligen Bischofs und späteren Kardinals Julius Döpfner nach dem Krieg entfernt. Der Wiederaufbau nach dem Krieg sei städtebaulich kein Glanzstück gewesen. "Eigentlich hat der Kiliansdom erst durch die einheitliche Farbgestaltung kurz nach der Jahrtausendwende eine richtige Einheit bekommen", erläutert der Stadtheimatpfleger.

Für die evangelische St. Johanniskirche hat sich im vergangenen Jahr nach dem Wiederaufbau ein Kreis geschlossen. Von Anfang an sei sie als Mahnmal und Denkort für den Frieden gedacht gewesen - offiziell dazu ernannt wurde sie dazu im vergangenen Jahr. Außerdem wurde ihr vom bayerischen Landesamt für Denkmalpflege - das anno dazumal eher gegen diese Art des Neu- und Wiederaufbaus war - eine nationale Bedeutung bescheinigt. Sie gehört nun damit "zu den bedeutendsten evangelischen Bauten der deutschen Nachkriegszeit" und kann leichter Fördermittel für die nötige Sanierung ihrer Spitztürme beantragen.

Steidle, Hans: Die St. Johanniskirche in Würzburg - Mahnmal und Denkort für den Frieden, Würzburg, 2019, ISBN 978-3-00-062284-7