Expertin: Mehr Aufklärung über Missbrauch in der Familie nötig

Expertin: Mehr Aufklärung über Missbrauch in der Familie nötig
11.02.2020
epd-Gespräch: Dirk Baas
epd

Die Wissenschaftlerin Esther Klees fordert, sexuellen Missbrauch durch Geschwister genauer zu erforschen. Es gebe noch immer keine tragfähige Untersuchung über das Ausmaß dieser Taten, sagte die Professorin für Soziale Arbeit an der IUBH Internationale Hochschule dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Wir haben durch andere Studien Daten zu Vätern, Stiefvätern, Müttern, Onkeln oder Tanten, aber eben nicht zu den Geschwistern", sagte die Diplom-Pädagogin, die als führende Wissenschaftlerin zum Thema Missbrauch durch Geschwister gilt. Forschung in diesem Dunkelfeld sei jedoch extrem schwer: "Häufig dringt dieses Familiengeheimnis bewusst nicht nach außen."

Aber es gebe immerhin Hinweise auf das Ausmaß dieser Taten, erläuterte die Expertin, die lange als Sozialpädagogin in der Erziehungshilfe gearbeitet hat. Einer Studie zufolge, die in Einrichtungen für sexualisiert übergriffige Kinder und Jugendliche gemacht wurde, hätten 50 Prozent der dort Lebenden auch oder ausschließlich ihre Geschwister missbraucht. "Es wurden aber nur Betroffene in spezialisierten Einrichtungen befragt - eine ganz besondere Zielgruppe."

Die Aufdeckung dieser Gewalttaten sei schwierig, auch weil nur wenige Fälle ans Licht der Öffentlichkeit kämen: "Es besteht ein sehr hoher Geheimhaltungsdruck, weil die Eltern sich für das, was passiert ist, mitverantwortlich fühlen", sagte Klees. Aufgrund ihrer Schuld- und Schamgefühle wendeten sie sich nicht an Personen außerhalb der Familie: "Der Missbrauch geht oft über viele Jahre unentdeckt weiter."

Klees zufolge kommt es zu Übergriffen oft in kinderreichen Patchworkfamilien, in denen die Kinder von ihren Eltern vernachlässigt würden. Ein großer Anteil der übergriffigen Kinder habe zuvor selbst Gewalt erlitten, oftmals durch ihre Väter oder Stiefväter. "Sie versuchen ihre Ohnmachtsgefühle zu überwinden, indem sie die 'Opferrolle' verlassen und selbst sexualisierte Gewalt ausüben. Es geht also weniger um Sexualität, sondern eher um Macht."

Nach Angaben der Expertin bagatellisieren pädagogische Fachkräfte sexuelle Gewalt zwischen Kindern oft. Sexuelle Kontakte würden vorschnell als "Doktorspiele" abgetan, um sich nicht mit dem auseinandersetzen zu müssen, was nicht sein darf. "Viele Fachkräfte sind unsicher und fühlen sich mit der Komplexität der Fälle überfordert."

Viele Fachkräfte hätten bis heute in Ausbildung oder Studium keinerlei Berührungspunkte mit dem Thema sexualisierte Gewalt. "Das ist sehr bedenklich", unterstrich Klees. Studierende und Auszubildende müssten lernen, wie man sexualisierte Gewalt von Doktorspielen unterscheiden kann und welche Intervention in welchem Fall sinnvoll wäre.

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