Bildungsforscher fordert Einsatz von Ärzten und Künstlern in Schulen

Bildungsforscher fordert Einsatz von Ärzten und Künstlern in Schulen
03.02.2020
epd-Gespräch: Martina Schwager
epd

Osnabrück (epd). Schulen in Deutschland müssen aus Sicht des Bildungsforschers Aladin El-Mafaalani (42) im Ganztagsbetrieb noch viel häufiger als bisher andere Berufsgruppen als nur Lehrer beschäftigen. Zum Schulpersonal sollten in jedem Fall Sozialarbeiter, Psychologen und medizinische Mitarbeiter gehören, sagte El-Mafaalani dem Evangelischen Pressedienst (epd). Aber auch Künstler sowie Religions- und Naturwissenschaftler könnten haupt- oder ehrenamtlich den Schulalltag bereichern. "Wir müssen wirklich umdenken und aufhören, Schulen immer nur über Lehrkräfte und Unterricht zu denken."

Nach dem quantitativen Ausbau des Kita- und Ganztagsschulbetriebs, der in den vergangenen Jahren in sehr großem Tempo vorangetrieben worden sei, müsse nun dringend die Qualität verbessert werden, forderte El-Mafaalani, der seit Sommer 2019 den Lehrstuhl für Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft an der Universität Osnabrück innehat. Das sei vor allem wichtig, um die im deutschen Bildungssystem immer noch sehr ausgeprägte soziale Ungleichheit zu vermindern.

Wenn etwa Kinderärzte regelmäßig Vorsorge-Untersuchungen in Schulen vornähmen, sei die Teilnahme daran nicht von den Eltern abhängig, sagte El-Mafaalani, der Mitte Februar sein neues Buch "Mythos Bildung" veröffentlicht. Kultur- und Kunstschaffende könnten Kinder aus benachteiligten Milieus an Kunst, Theater und Musik heranführen. Ehrenamtliche Paten sollten häufiger als bisher eingesetzt werden, etwa um die Freude am Lesen zu vermitteln.

"Manche Eltern stehen der Bildungskarriere ihrer Kinder unbewusst im Weg", betonte der Professor und Autor des Bestsellers "Das Integrationsparadox". Deshalb sei es wichtig, den Erfahrungshorizont der Kinder in der Schule grundlegend zu erweitern. Paten seien für diese Kinder oft die einzigen Menschen aus einem privilegierten Milieu, zu denen sie eine Beziehung aufbauen könnten.

Der Mangel an Lehrkräften sollte dazu motivieren, das Geld, das offenbar zur Verfügung stehe, unmittelbar für andere professionelle Kräfte auszugeben, sagte El-Mafaalani, der als Sohn syrischer Einwohner in Deutschland aufwuchs. "Optimal wäre eine Mischung aus professionellen Fachkräften und ehrenamtlichen Helfern." Das gelte genauso für Kitas.

Der Ganztagsbetrieb in Schulen und Kitas wurde aus Sicht des Bildungsforschers in erster Linie aus arbeitsmarktpolitischen Gründen ausgebaut, um beiden Erziehungsberechtigten eine Berufstätigkeit zu ermöglichen. "Das war wenig am Kind orientiert und schon gar nicht darauf ausgerichtet, soziale Ungleichheit aufzuheben." Eine Gesellschaft, die einen relativ hohen Anteil an armen Kinder zulasse, müsse für einen spezifischen Ausgleich im Bildungssystem sorgen.