Film des Monats Februar 2020: "Sorry we missed you"

Film des Monats Februar 2020 Sorry we missed you

© Verleih: NFP

Ricky baut sich eine Existenz auf als Paketzusteller. Filmemacher Ken Loach wirft am Beispiel einer Branche einen präzisen Blick auf heutige Arbeitsbedingungen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Film des Monats Februar 2020: "Sorry we missed you"
Anhand der Geschichte eines Paketzustellers und seiner Familie wirft der renomierte britische Regisseur Ken Loach einen präzisen Blick auf heutige Arbeitsbedingungen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Was passiert, wenn Flexibilität und Selbstverantwortung zu Heilsversprechen werden? Der Film startet am 30. Januar in den Kinos.
30.01.2020
Jury der Evangelischen Filmarbeit

Am Anfang steht ein Jobinterview. Ricky Turner rutscht nervös auf seinem Stuhl herum, während er sämtliche positiven Eigenschaften aufzählt, die einen Arbeitgeber beeindrucken. Mit Erfolg. Am Ende des Gesprächs gehört der Paketbote zur Firma – als selbständiger Unternehmer. Was das bedeutet, zeigt Ken Loach in seinem neuen Spielfilm.

In der Hoffnung mit dieser Arbeit endlich genügend Geld zusammensparen zu können, damit die Familie in ein eigenes Häuschen ziehen kann, legt Ricky sich ins Zeug. Kauft einen größeren Transporter für mehr Pakete, obwohl das bedeutet, das Auto seiner Frau zu verkaufen. Abby muss nun umständlich per Bus zu ihren Klientinnen und Klienten fahren, die sie als Altenpflegerin trotz Zeitdruck liebevoll betreut. Schnelle und pünktliche Lieferung ist beim Paketservice oberstes Gebot. Egal, ob Sohn Sebastian gerade mit der Pubertät kämpft und sich einen Schulverweis einhandelt, beim Stehlen erwischt wird oder Tochter Liza Jane ins Bett macht, weil sie die Streitereien nicht mehr erträgt.

Ricky sitzt am Steuer. Jeder Ausfall kostet ihn Geld. Als er eines Tages überfallen und verprügelt wird, hält er das Warten in der Notaufnahme kaum aus. Am nächsten Morgen greift er wieder zum Autoschlüssel, setzt sich in den Lieferwagen und fährt los. Gekrümmt ans Steuer geklammert, nur noch auf einem Auge richtig sehend.

Filmemacher Ken Loach wirft am Beispiel einer Branche einen präzisen Blick auf heutige Arbeitsbedingungen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Ricky und Abby strengen sich an, kümmern sich um die Kinder, finden immer wieder zueinander, trotz aller Schwierigkeiten. Doch sie sind in einem System gefangen, das ihnen kaum Handlungsmöglichkeiten offen lässt. Die Zahlen müssen immer stimmen. Loach verdeutlicht, was passiert, wenn Flexibilität und Selbstverantwortung zum neuen Heilsversprechen werden. Wenn Menschen an der Grenze ihrer Belastbarkeit agieren müssen und dabei vielfach die Menschlichkeit
auf der Strecke bleibt.

Der "Film des Monats" der Jury der Evangelischen Filmarbeit ist die einzige durch eine Jury vergebene Auszeichnung für einen aktuellen Kinofilm. Die Jury der Evangelischen Filmarbeit ist ein unabhängiges Gremium. Ihre Mitglieder werden von Einrichtungen der evangelischen Kirche ernannt. Die Jury zeichnet Filme aus, die dem Zusammenleben der Menschen dienen, zur Überprüfung eigener Positionen, zur Wahrnehmung mitmenschli­cher Verantwortung und zur Orientierung an der biblischen Botschaft beitragen. Die Arbeit der Jury wird vom Filmkulturellen Zentrum im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Pub­lizistik (GEP) betreut.