TV-Tipp: "Die Kinder von Windermere" (ZDF)

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TV-Tipp: "Die Kinder von Windermere" (ZDF)
27.1., ZDF, 22.15 Uhr
Der Fernsehfilm "Die Kinder von Windermere", eine Koproduktion von BBC und ZDF anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz und des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocausts, erzählt die wahre Geschichte von 300 Jugendlichen, die aus deutschen Konzentrationslagern in Polen befreit wurden.

Was diese Kinder durchgemacht haben, ist unvorstellbar. Sie hatten hilflos mit ansehen müssen, wie andere erschlagen, erschossen und vergast wurden oder grauenhafte Qualen durchleiden mussten, weil die Wärter zum Spaß Glassplitter unters Essen gemischt hatten. Dass sie überhaupt überlebt haben, grenzt an ein Wunder. Nun sind sie dank einer weiteren glücklichen Fügung des Schicksals am englischen Lake Windermere gelandet. Hier sollen sie auf die Rückkehr ins Leben vorbereitet werden. Aber wie gibt man Kindern eine Zukunft, wenn ihre komplette Familie ausgelöscht worden ist und ihre Vergangenheit aus dem größten Grauen besteht, dass Menschen einander je angetan haben?

Der Fernsehfilm "Die Kinder von Windermere", eine Koproduktion von BBC und ZDF anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz und des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocausts, erzählt die wahre Geschichte von 300 Jugendlichen, die aus deutschen Konzentrationslagern in Polen befreit wurden. Ein deutscher Psychologe (Thomas Kretschmann) und verschiedene Betreuer wollen ihnen im Sommer 1945 helfen, den Horror der letzten Jahre zu verarbeiten; ein im Grunde aussichtsloses Unterfangen. Entsprechend düster ist die Umsetzung. Die Dramen der BBC sind ohnehin bekannt für ihren nüchternen Realismus, der oft etwas freudlos wirkt. Für diese Geschichte gilt das erst recht: Die dunklen und mit getragener Musik untermalten Bilder sind alles andere als anheimelnd. Der Film besteht größtenteils aus Innenaufnahmen. Umso wirkungsvoller ist eine Szene, in der ein Junge in den Wald davonrennt, aber nicht, um zu fliehen, sondern um seine Freiheit auszukosten. Als er den See erreicht, zeigt die Kamera die eindrucksvoll schöne Landschaft aus der Vogelperspektive (Regie: Michael Samuels).

Nach der Ankunft der Kinder in der Barackensiedlung, die sie zunächst sehr unangenehm ans Lager erinnert, konzentriert sich das Drehbuch auf einige der älteren Jungs und ihre Geschichten: Einer gibt die Hoffnung nicht auf, dass sein großer Bruder den Krieg ebenfalls überlebt hat, und wartet jeden Tag auf ihn; ein anderer entpuppt sich als fußballerisches Talent und wird vom Trainer gefördert; ein dritter sieht sich nicht in der Lage, die Gefühle eines jungen Mädchens zu erwidern. Nach und nach werden dank der Leistungen der jungen Darsteller, allesamt bis dahin schauspielerisch völlig unerfahren, aus Figuren Charaktere.

Der mit wenig optischem Aufwand, aber viel Feingefühl entstandene Film hat zumindest in der hiesigen Version allerdings ein großes sprachliches Manko. Untereinander reden die Jungs polnisch, zwischendurch aber auch deutsch mit starkem Akzent; außerdem lernen sie natürlich Englisch. Seltsamerweise kommt es jedoch wieder immer zu Szenen, in denen deutsche Sätze auf Deutsch "übersetzt" werden, indem jemand den Inhalt mit anderen Worten wiederholt; das klingt etwas befremdlich. Darstellerisch hingegen ist "Die Kinder von Windermere" über jeden Zweifel erhaben, selbst wenn die Mitwirkenden mit Ausnahme Thomas Kretschmanns hierzulande ausnahmslos unbekannt sind. Der international durch seine Rolle als mitfühlender Offizier in Roman Polanskis Ghetto-Drama "Der Pianist" (2002) bekannt gewordene Schauspieler verkörpert Oscar Friedmann mit großer Zurückhaltung und verleiht der Figur gerade durch große emotionale Tiefe. Beispielhaft für diese Haltung ist eine Szene, in der sich englische Jugendliche über die vermeintlichen Deutschen lustig machen und Friedmann ihnen ganz ruhig eine Lektion erteilt, die sie nie wieder vergessen werden.

Trotzdem steht der Psychologe vor einer im Grunde unmöglich zu bewältigenden Herausforderung. Auch dafür findet der Film ein beredtes Bild: Zu Beginn sagt Friedmann den Ankömmlingen, seine Tür stehe ihnen jederzeit offen. Später zeigt ihn die Kamera allein an seinem Schreibtisch; keins der Kinder hat das Angebot angenommen. Eine weitere Szene kommt ebenfalls ohne Worte aus: Beim ersten Frühstück raffen die Kinder so viele Brotscheiben wie möglich zusammen und rennen in ihre Zimmer, um sie dort zu verstecken.

Der Epilog verrät, warum Autor Simon Block ausgerechnet diese Protagonisten ausgesucht hat: In einem berührenden Übergang werden aus den Jungs alte Männer. Die echten Vorbilder sprechen über ihre Erinnerungen an das Kinderdorf und danken der britischen Regierung, die ihnen eine neue Heimat gegeben hat. In der anschließenden Dokumentation (23.45 Uhr) beschreibt einer der Männer, wie sie die herzliche Aufnahme in Windermere damals empfunden hätten: als seien sie aus der Hölle direkt in den Himmel gekommen. Die Jugendlichen von einst haben bis ins hohe Alter Kontakt gehalten und treffen sich regelmäßig.

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