TV-Tipp: "Winterherz – Tod in einer kalten Nacht" (ZDF)

Alter Fernseher vor einer Wand

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Winterherz – Tod in einer kalten Nacht" (ZDF)
2.12., ZDF, 20.15 Uhr
Im Grunde funktioniert jeder Film von Johannes Fabrick wie ein Experiment: Er bringt seine Figuren in eine besondere Lage und schaut dann still zu, wie sie sich verhalten. Die Herausforderungen sind stets existenzieller Natur, weshalb die Geschichten niemanden kalt lassen.

Die Ereignisse konfrontieren die Hauptfiguren meist mit extremen Situationen, sind aber zumindest statistisch nicht außergewöhnlich: der Suizid eines geliebten Menschen ("Der letzte schöne Tag", Grimme-Preis), das Sterben eines Kindes und einer Liebe ("Ein langer Abschied"), der Versuch, angesichts einer Krebserkrankung die Verhältnisse zu ordnen ("Pass gut auf ihn auf!", "Wenn es am schönsten ist"). In dem erst vor wenigen Wochen ausgestrahltenerschütternden Drama "Stumme Schreie" geht eine Rechtsmedizinerin gegen Kindesmisshandlung vor. 

Auch "Winterherz – Tod in einer kalten Nacht" basiert auf einer dramaturgisch einfachen, emotional jedoch höchst komplexen Versuchsanordnung: Ein junger Polizist (Anton Spieker) gibt sich die Schuld am Tod seines 17-jährigen Bruders. Seine Mutter hatte ihn gebeten, bei einer Feier in einer Disco auf Finn aufzupassen, aber Mike hat die Nacht mit einer Frau verbracht und dem ziemlich betrunkenen Finn Geld für ein Taxi gegeben. Am nächsten Tag wird der Junge scheinbar erfroren im Wartehäuschen einer Bushaltestellte aufgefunden, und Mike macht sich bittere Vorwürfe: Der Bruder hatte ihn angerufen, aber er war zu beschäftigt, um ans Telefon zu gehen. Als sich bei Obduktion rausstellt, dass Finn angefahren worden und an inneren Verletzungen gestorben ist, ruht Mike nicht eher, bis er den Schuldigen gefunden hat. Das klappt überraschend schnell: Der Täter, Maxim Voller (Frank Pätzold), ist ein junger Richter am Augsburger Landgericht, der den Unfall jedoch abstreitet. Mike ist machtlos, denn es gibt keinerlei Indizien; stattdessen droht ihm nun sogar eine Verleumdungsklage.

Selbstredend hätte die Geschichte ähnlich wie "Stumme Schreie" das Zeug zu einem fesselnden Krimi, aber das ist nicht Fabricks Metier, schließlich ist er ein Menschenbeobachter; die Spannung seiner Filme entsteht durch die Identifikation mit den Figuren. Das erklärt vermutlich auch die Wahl des weitgehend unbekannten Hauptdarstellers: Anton Spieker, Ensemblemitglied der neuen ZDF-Krimireihe "Das Quartett", ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Das macht die Empathie umso leichter: Nachdem Mike die nächtliche Sprachnachricht seines Bruders abgehört hat, müssen Fabrick und Drehbuchautorin Susanne Schneider ("Solo für Klarinette") nicht weiter erklären, warum er der attraktiven Valerie (Amanda da Glória) fortan aus dem Weg geht. Selbst wenn sie schuldlos schuldig geworden ist: Es ist völlig klar, dass er mit dieser Frau nie wieder Sex haben kann.

Dafür ergibt sich eine andere Beziehung, und die ist umso ungewöhnlicher: Mike kommt überhaupt nur auf Vollers Spur, weil er dessen Frau an Finns Grab trifft. Nun erfährt er nach und nach, was das Publikum längst weiß: Sylvie (Laura de Boer) wollte den Jungen ins Krankenhaus bringen, aber ihr Mann hatte Alkohol im Blut; es wäre das abrupte Ende seiner gerade erst begonnenen Karriere gewesen. Eine kurze Einführung beim gemeinsamen Essen mit den Eltern genügt Fabrick, um zu verdeutlichen, warum ein derartiger Schritt nicht in Frage kommt. Da Finn unversehrt schien, hat Voller ihn trotz der Kälte der Winternacht an der Bushaltestelle abgesetzt; der Junge ist einen absurden, sinnlosen und leicht vermeidbaren Tod gestorben. Anschließend lebt der Richter, der immer unsympathischere Züge annimmt, sein Leben, als sei nichts geschehen, was Sylvie buchstäblich zum Kotzen findet. Die Mischung aus Ekel, schlechtem Gewissen und dem Bedürfnis nach Nähe ist es wohl auch, die sie in Mikes Arme treibt; in gewisser Weise sind sie Schicksalsgefährten.

Natürlich ist es zunächst irritierend, dass der Polizist ein Verhältnis mit der Frau des Mörders seines Bruders beginnt, aber dank Fabricks plausibler Umsetzung stellt sich die Frage im Grunde nicht. Das hat nicht zuletzt mit seiner vorzüglichen Führung der kaum bekannten Hauptdarsteller zu tun; allein die Holländerin Laura de Boer hat sich auch hierzulande dank ihrer Mitwirkung in TV-Produktionen wie der Ken-Follett-Verfilmung "Die Pfeiler der Macht" oder verschiedenen Reihenkrimis (etwa "Der Tod und das Mädchen – van Leeuwens dritter Fall") einen gewissen Namen gemacht. Die prominenteren Mitwirkenden finden sich in den Nebenrollen. Ulrike Kriener und Bernhard Schütz spielen Mikes Eltern, die ihren Schmerz auf gänzlich unterschiedliche und nicht untypische Weise verarbeiten: Während sie ihr Leid nach außen kehrt und nach einem Ziel für ihren Zorn sucht, trauert ihr Mann nach innen. Schütz verkörpert das sehr ganz sparsam, aber dennoch mit großer Intensität. Das gilt für den gesamten Film; Fabrick ändert den leisen Tonfall erst gegen Ende, als sich Mike zu einer Verzweiflungstat hinreißen lässt.

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