Willkommene Inseln im Bahnhofstrubel

Ehrenamtliche Mitarbeiter der Bahnhofsmission helfen auch im Hauptbahnhof in Berlin.

© epd-bild/Rolf Zoellner

Seit 125 Jahren existiert die christliche Bahnhofsmission. Gegründet wurde sie 1894, um die per Bahn vom Land kommenden Mädchen vor Ausbeutung und Missbrauch zu schützen.

Willkommene Inseln im Bahnhofstrubel
Was einst in Berlin als ehrenamtlicher Hilfsdienst für alleinreisende Frauen auf Arbeitssuche begann, ist heute ein flächendeckendes Angebot für Millionen Menschen. Seit 125 Jahren begleitet die christliche Bahnhofsmission Reisende und hilft Gestrandeten.

"Im Gespräch erfährt man viel", sagt Bettina Spahn. Die Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission am Münchner Hauptbahnhof ist eine einfühlsame Zuhörerin. Armut, Obdachlosigkeit, Sucht: Die christlichen Einrichtungen sind oft Anlaufstellen für Menschen, die nicht wissen, wohin sie sich sonst wenden sollen oder die in anderen sozialen Einrichtungen nicht mehr ankommen. Seit 125 Jahren, seit 1894, sind Bahnhofsmissionen willkommene "Inseln" in einem beschwerlichen Leben. Am 27. September wird am Berliner Ostbahnhof das Jubiläum gefeiert.

Fast immer geht es in Spahns Gesprächen um Armut, etwa um die Rente, die nicht reicht. Sie hört von Überschuldung, die junge Familien dazu bringt, am Bahnhof um Babywindeln zu bitten. Von Migranten und ihren Arbeitsverhältnissen am Rande oder schon jenseits der Legalität. Von psychischen Erkrankungen. Von Wohnungslosigkeit. "Bei vielen ist das Leben auf Kante genäht", sagt Spahn. Die Münchner Bahnhofsmission wurde 1897 gegründet und ist nach der Berliner die zweitälteste. Durchschnittlich 300 Menschen fragen hier jeden Tag nach Hilfe. Sie bekommen von den Helferinnen und Helfern in ihren leuchtend blauen Westen mit gelb-weiß-rotem Symbol Getränke und eine Brotzeit. Es gibt eine Notversorgung mit Kleidung, vor allem aber eine professionelle Sozialberatung - und nachts wird der Aufenthaltsraum an Gleis 11 zu einem Refugium für Mädchen und Frauen.

Zwei Millionen Kontakte pro Jahr

Träger der Anlaufstelle sind der katholische Verein IN VIA und das Evangelische Hilfswerk München. "Neue Entwicklungen werden als erstes hier auffällig", erklärt Spahns evangelische Leitungskollegin Barbara Thoma. Flüchtlingskrise, EU-Osterweiterung - die Bahnhofsmission sei wie ein Seismograph, der neue Schwingungen wahrnehme, bevor sie in Politik und Gesellschaft ankämen. Die Helferinnen und Helfer der Bahnhofsmissionen erlebten in ihrer Geschichte am Drehkreuz Bahnhof helle und dunkle Stunden, mit Hamsterfahrten in Hungerzeiten, Vertriebenen, heimkehrenden Kriegsgefangenen, Besuchsfahrten von Rentnern aus der DDR oder zuletzt 2015 die Herausforderung zu versorgender Flüchtlinge.

Die Unterstützungsangebote der 105 Einrichtungen sind keineswegs überall in Deutschland gleich, die Träger entscheiden darüber in eigener Hoheit. Zwei Millionen Kontakte werden pro Jahr registriert. Das sind ganz überwiegend ältere Reisende oder Menschen mit Behinderungen, die Hilfen etwa beim Umsteigen brauchen. Der Alltag der Bahnhofmissionen ist ein dauerhafter Balanceakt zwischen Reisebegleitung und sozialer Hilfe: "Spannungen sind da vorprogrammiert; jedem und jeder gerecht zu werden ist schwer, wenn nicht unmöglich", schreibt Michael Goller, Autor der Studie "Monitoring für die Bahnhofsmissionen" (2017).

Netzwerk mit verschiedenen Partnern

Die Geschichte der Bahnhofsmission in Deutschland beginnt in Berlin im Herbst 1894, am einstigen Schlesischen Bahnhof, dem heutigen Ostbahnhof. Eine Handvoll Frauen des Vereins "Freundinnen junger Mädchen" versuchten, die per Bahn vom Land kommenden Mädchen vor Ausbeutung und Missbrauch zu schützen. Junge Frauen aus den Dörfern strömten Ende des 19. Jahrhunderts in die wachsenden Monopolen, um Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Die aufstrebenden bürgerlichen Schichten suchten nach Personal, Köchinnen, Dienstmädchen und Putzfrauen. Doch organisierte Kriminelle machten sich die Unwissenheit der ankommenden Mädchen zunutze und lockten sie als rechtlose Arbeitskräfte in Fabriken oder verkauften sie gar als Prostituierte.

Bereits 1884 richtete der "Internationale Verband der Freundinnen junger Mädchen" im schweizerischen Genf das erste Bahnhofswerk ein. Ab dem 1. Oktober 1894 empfingen dann in Deutschland die Berliner "Freundinnen" die jungen Frauen direkt am Bahnsteig, berieten sie und besuchten sie später auch in ihren Quartieren. Zeitgleich trat der "Verein zur Fürsorge für die weibliche Jugend" in Aktion, gegründet vom evangelischen Pastor Johannes Burckhardt. "Die entscheidende Institutionalisierung ständiger Bahnhofsmissionsarbeit in Berlin im Jahre 1894 ist auf dessen Initiative zurückzuführen", sagt der Soziologe Bruno W. Nikles.

Bildergalerie

Obdachlos: Vom Leben auf der Straße

Brigitte, 63 Jahre, ohne feste Wohnung

Foto: Reto Klar

Brigitte, 63 Jahre, ohne feste Wohnung

Foto: Reto Klar

"Ich würde so gern wieder ein vernünftiges Leben führen. So wie ich es von früher kenne. Eine Familie haben, gemeinsame Dinge unternehmen, auf Reisen gehen. Aber es gibt keine Gerechtigkeit."

Katy, 25 Jahre, seit zwei Jahren auf der Straße

Foto: Reto Klar

"Ich finde, es sollte mal jemand aufschreiben, was Obdachlosigkeit für die Menschen bedeutet. Das kann sich niemand vorstellen. Der Staat behandelt Leute wie mich wie Dreck. Ich bin schwer krank, unheilbar. Durch die Straße. Ich bin abgerutscht, wie man so sagt."

Lucian, 41 Jahre, ohne feste Wohnung

Foto: Reto Klar

"Ich schlafe in einer Kirche. Das Leben auf der Straße bedeutet viel Stress. Man kommt nie zur Ruhe."

Margarete, 59 Jahre, seit mehreren Jahren wohnungslos

Foto: Reto Klar

"Ich war Krankenschwester. Dann geheiratet und als Kellnerin in der Gastronomie gearbeitet. In Luckenwalde am Bahnhof. Jetzt bin ich auf der Straße, am Bahnhof Zoo. Ich kann nicht mehr. Ich bin krank. Ich sage Ihnen, in bin soweit. Wenn ich nicht bald eine Unterkunft finde, bringe ich mich um."

Yankov, 49 Jahre, aus Bulgarien, seit neun Tagen auf der Straße

Foto: Reto Klar

"Ich bin als Chauffeur für eine bulgarische Firma nach Berlin gekommen. 
Aber der Chef ist samt meinem Gehalt eines Tages verschwunden. 
Jetzt will ich versuchen, als Porträtzeichner und Maler Geld zu verdienen."

Yusein, 48 Jahre, wohnungslos

Foto: Reto Klar

"Meine Heimat? Schwierig. Meine Mutter stammt aus der Türkei, mein Vater aus dem Iran. 
Meine Frau ist aus Bulgarien, aber sie ist weg."

Patrick, 33 Jahre, aus Irland

Foto: Reto Klar

"In Obdachlosenunterkünften zu schlafen, finde ich nicht schlimm. Im Gegenteil, es ist doch gut, dass es sie gibt. Ich bin auf der Suche nach Arbeit. Erst in Hamburg, aber da sind verschiedene Sachen schiefgelaufen. Heute habe ich mich in Berlin nach einer Ausbildung zum Lkw-Fahrer erkundigt. Mit dem Führerschein könnte ich in die USA oder nach Australien gehen."

André, 33 Jahre, lebte drei Jahre auf der Straße

Foto: Reto Klar

"Ich war zwölf und mein Vater war gerade gestorben. Dann Partydrogen, Heroin, Kokain, alles.
 Ich war drei Jahre auf der Straße. Helfer der Stadtmission haben mich aufgegabelt.
 Ich hatte offene Beine, verfault und entzündet bis auf die Knochen. Jetzt lebe ich in einer betreuten Wohngemeinschaft."

Laimonis, 50 Jahre, Kunstmaler aus Lettland

Foto: Reto Klar

"Meine Eltern und Geschwister sind tot. Kinder habe ich nicht. Ich habe an der Akademie in Leningrad Malerei studiert, mit Abschluss. Vor zwei Jahren war ich schon mal in Berlin. In Lettland gibt es keine Arbeit, nichts zu essen. Eigentlich wäre es besser, die Regierung dort zu stürzen als hierherzukommen. Ich male Porträts und Landschaften. Auf der Straße. Dieses Bild ist eine Birkenlandschaft aus meiner Heimat."

Erikas, 22 Jahre, aus Lettland, seit sechs Wochen unterwegs

Foto: Reto Klar

"Die letzte Nacht habe ich auf einem Baum verbracht. Ich bin da hochgeklettert, nachdem ich stundenlang durch die Stadt gelaufen war. Heute Nachmittag hat mich die Polizei festgenommen, weil ich Graffiti gesprüht habe. Es war aber nur eine alte Wand, an der schon andere Graffiti waren. Sie haben mich trotzdem mitgenommen. Seit sechs Wochen bin ich unterwegs durch Europa. Ich bin auf der Suche nach mir selbst."

Norbert, 54 Jahre, wohnungslos

Foto: Reto Klar

"Ich war mal Maurer, früher, und Einrichter. Ist aber eine Weile her. Ich komme aus Brandenburg. Ich bin mit meiner Freundin Margarete unterwegs. Unsere Tage verbringen wir am Bahnhof Zoo. Wir schnorren. Wo sollen wir denn sonst auch hin?"

Roman, 38 Jahre, seit einem Jahr wohnungslos

Foto: Reto Klar

"Die Tätowierungen? Eine Jugendsünde. Vergangenheit."

Foto: Reto Klar

Fotograf Reto Klar und die Autorin Uta Kessling haben Gäste der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo in Berlin interviewt. "Unser Konzept war es nicht, Obdachlose mit ihren Habseligkeiten auf der Parkbank zu zeigen. Wir wollen ihre Gesichter erzählen lassen. Da braucht es oft nicht viele Worte. Das Leben auf der Straße hat die Menschen gezeichnet und seine Spuren hinterlassen", sagt Reto Klar. Die Porträts werden noch bis Februar in den Bahnhöfen folgender Städte ausgestellt:

Essen Hbf: 20.01. - 30.01.2015
Frankfurt / Main Hbf: 02.02. - 11.02.2015
Hamburg Dammtor: 16.02. - 26.02.2015

Außerdem ist ein Buch im Verlag Atelier im Bauernhaus erschienen ( ISBN 978-3-88132-981-1). Der Reinerlös aus dem Verkauf kommt der Arbeit der Bahnhofsmissionen in Deutschland zugute.

Bald entstand ein Netz von Bahnhofsdiensten, die auch von jüdischen Organisationen oder dem Roten Kreuz angeboten wurden. 1897 öffnete eine Bahnhofsmission in München, schnell folgten weitere Städte. Ökumene wurde bereits früh gelebt: Früh traten evangelische und katholische Bahnhofsmissionen gemeinsam auf, wovon seit 1898 einheitliche Plakate zeugten. 1910 wurde die bis heute bestehende Konferenz für Kirchliche Bahnhofsmission in Deutschland gegründet.

"Wir verstehen uns als die lebendige Existenz der Kirche am Bahnhof", sagt Klaus-Dieter Kottnik, seit 2017 Bundesvorsitzender der Evangelischen Bahnhofsmission. Sie gäben "Raum, einfach da zu sein, für Gespräche, vor allem für Seelsorge". Menschen könnten sich vorbehaltlos "mit allen Anliegen an die Mitarbeitenden wenden". Sie fänden in der Regel geeignete Gesprächspartner, die auch weitervermitteln könnten - dank der sehr guten Vernetzung mit vielen anderen Anbietern sozialer Hilfen.

Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich 2017 bei einem Besuch der Bahnhofsmission am Berliner Bahnhof Zoo berührt vom Einsatz der haupt- und ehrenamtlichen Helfer: Die Mission zeige mit ihren Hilfsangeboten vielen Obdachlosen "einen neuen Lebensweg auf, damit sie wieder Boden unter die Füße bekommen".

Jubiläumsfeiern der Bahnhofsmission am 27. September am Berliner Ostbahnhof: Ab 11 Uhr Festakt mit Andacht und Musik im Zelt auf dem Stralauer Platz, erwartet werden dazu Bundesfamilienministerin Franziska Giffey, der Berliner Bürgermeister Michael Müller (beide SPD), der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, Erzbischof Heiner Koch und Richard Lutz, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG. Am 29. September findet ein Gottesdienst, 10.30 Uhr, in der evangelischen Marienkirche statt, in dem an Pastor Johannes Burckhardt als den Gründer der Bahnhofsmission erinnert wird.