TV-Tipp: "Tatort: Falscher Hase" (ARD)

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TV-Tipp: "Tatort: Falscher Hase" (ARD)
1.9., ARD, 20.15 Uhr
Wenn kleine Leute im Film vom ganz großen Ding träumen, geht das meist schief. In "Falscher Hase", einem "Tatort" aus Frankfurt, hoffen gleich fünf Menschen darauf, mit unlauteren Mitteln ein Stück vom Glück zu erhaschen.

Einige werden am Ende auf der Strecke bleiben, und weil sich Verbrechen im Fernsehkrimi meist nicht auszahlen, geht auch der Plan der Hauptfigur nicht auf. Gespielt wird sie von Katharina Marie Schubert, die ihre Hauptrolle als vermeintlicher "Engel des Todes" in einem im Mai ausgestrahlten "Tatort" aus Stuttgart ("Anne und der Tod") ganz ähnlich angelegt hat: eine eigentlich unbescholtene Frau, die aus einer Notlage heraus vom Pfad der Tugend abweicht.

Tatsächlich ist Biggi Lohmann alles andere als eine Kriminelle. Trotzdem überredet sie ihren Mann Hajo (Peter Trabner) zu einer Verzweiflungstat. Weil ihr Unternehmen für Solar-Technologie vor der Pleite steht, inszenieren sie einen Überfall, bei dem angeblich die für die Produktion nötigen und äußerst kostspieligen Seltenen Erden gestohlen worden sind. Damit das Szenario authentisch wirkt, schießt Biggi ihrem Gatten ins Bein. Als plötzlich der Wachmann des Betriebs in der Tür steht, gibt sie reflexhaft einen zweiten Schuss ab, der den Mann genau zwischen die Augen trifft. Spätestens jetzt deutet sich an, dass der Coup gründlich daneben gehen wird, zumal ein Mitarbeiter (Godehard Giese) den Lohmanns auf die Schliche kommt. Nun nimmt der scheinbar perfekt eingefädelte Versicherungsbetrug eine Eigendynamik an, die sich auch dann nicht beenden lässt, als Biggi weitere Beweise für ihre Treffsicherheit folgen lässt.

"Tatort"-Beiträge des Hessischen Rundfunks sind immer etwas Besonderes, und das nicht nur, weil die Episoden mit Ulrich Tukur stets aus dem Fernsehalltag herausragen; auch das Frankfurter Duo Janneke und Brix (Margarita Broich, Wolfram Koch) darf regelmäßig besondere Fälle lösen. Ungewöhnlich ist auch die Wahl der Regisseurin: Krimis gehörten bislang eher nicht zur Kernkompetenz von Regisseurin Emily Atef, die zuletzt mit "3 Tage in Quiberon" einen Kinofilm über Romy Schneider gedreht hat. "Macht euch keine Sorgen" (2018) zum Beispiel war ein ausgezeichnet gespieltes Drama mit Jörg Schüttauf als Vater, der seinen zum Islam konvertierten Sohn aus Syrien zurückholt. Atef ist gewissermaßen Spezialistin für das Innenleben von Figuren, in deren Leben etwas zerbricht: In dem auf vielen Festivals ausgezeichneten Drama "Das Fremde in mir" (2008) stellt eine Mutter (Susanne Wolff) nach der Geburt fest, dass sämtliche Gefühle für das Baby wie abgestorben sind. In "Königin der Nacht" (2017) versucht eine Bäuerin (Silke Bodenbinder) ihren Hof zu retten, in dem sie sich als Prostituierte verdingt. "Wunschkinder" (2017) handelt von einem Ehepaar, das nach Russland reist, um sich dort seinen Kinderwunsch zu erfüllen. In Atefs Filmen geht es also stets um emotional existenzielle Ereignisse, und dennoch inszeniert die Regisseurin die Geschichten ohne Sentimentalitäten oder gar Kitsch. Für "Falscher Hase" gilt das ebenfalls; dass Schubert als Biggi Lohmann des Öfteren wie ein verschrecktes Reh wirkt, hängt vor allem mit ihrer ganz eigenen Art des Spiels zusammen.

Atef, die sich bei ihrer Inszenierung nach eigenen Angaben durch das makabre Meisterwerk "Fargo" (1996) der Coen-Brüder inspirieren ließ, hat das Drehbuch gemeinsam mit Lars Hubrich verfasst. Der Autor von Fatih Akins großartigem Jugenddrama "Tschick" hat zuletzt die Vorlage zu "Damian" (2018) geschrieben, einem Schwarzwald-"Tatort" über einen verwirrten jungen Mann, der durch einen unsichtbaren Gefährten in den Wahn getrieben wird. Gemessen daran erzählt "Falscher Hase" eine fast schon konventionelle Geschichte, die von Kameramann Armin Dierolf in teilweise faszinierend schöne frühwinterliche Bilder getaucht wird. Anders als die Landschaftsaufnahmen mit ihren im Nebel verschwindenden Hochspannungsmasten ist die Handlung gut durchschaubar, weil Atef und Hubrich die Ereignisse aus Sicht von Biggi schildern. Für die Zuschauer ist der Fall von vornherein klar, für den Staatsanwalt (Werner Wölbern) schließlich auch: Offenbar haben sich die Gauner gegenseitig umgebracht; bloß Janneke hat Zweifel.

Sehenswert ist der Film vor allem wegen der darstellerischen Leistungen und der vielen kleinen Entdeckungen. So hat Atef zum Beispiel die farblose Witwe (Judith Engel) des getöteten Wachmanns dank Kostüm und Szenenbild bis zur Unkenntlichkeit ins Stillleben ihres Wohnzimmers integriert. Die Frau ist zwar eine typische Fernsehfilmkunstfigur mit entsprechenden tonlos vorgetragenen Dialogen, trägt am Schluss aber maßgeblich zur Aufklärung des Falls bei. Nun kommt auch Torsten Merten zu seinen Meriten. Er spielt Jürgen, den Wachmann, weshalb seine Mitwirkung zunächst zwangsläufig auf wenige Sekunden beschränkt bleibt. Vor seinem Ableben hat Jürgen allerdings, wie eine Rückblende offenbart, einen Liebesbrief an seine Frau geschrieben. Dieses aus dramaturgischen Gründen mit der Post zugestellte Schreiben sorgt dafür, dass die Ereignisse plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Wie sorgfältig Hubrich und Atef das Drehbuch konzipiert haben, belegt der Epilog mit einem Hochzeitsvideo aus den frühen Achtzigern, das Biggis Treffsicherheit erklärt. Aus dem interessanten Rahmen fallen allein die seltsamen Auftritte des Staatsanwalts; schon Werner Wölberns Vorgänger Bruno Cathomas ist als Leiter der Mordkommission regelmäßig durch schräge Einlagen aufgefallen. Ganz ausgezeichnet ist dagegen die Musik (Christoph M. Kaiser, Julian Maas, Stefan Will), die perfekt zur speziellen Atmosphäre dieses Films passt.

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