Kirchentreuer Judenhelfer

Der württembergische Pfarrer Theodor Dipper

© Landeskirchliches Archiv, Bildersammlung Nr. 5217

Der württembergische Pfarrer Theodor Dipper versteckte in der NS-Zeit Juden.

Kirchentreuer Judenhelfer
Vor 50 Jahren starb der württembergische Pfarrer Theodor Dipper
Er war ein "Gerechter unter den Völkern". Trotz staatlicher Verfolgung versteckte der württembergische evangelische Pfarrer Theodor Dipper in der NS-Zeit Juden. Vor 50 Jahren ist er gestorben.

Er riskierte sein Leben, um das Leben anderer zu retten: Der evangelische Pfarrer Theodor Dipper (1903 - 1969) versteckte während der NS-Zeit Juden. Max und Ines Krakauer aus Berlin etwa entgingen dank des Muts Dippers und seiner Frau Hildegard den Nazi-Häschern. Dafür erhielt das württembergische Ehepaar posthum den Titel "Gerechte unter den Völkern", den der Staat Israel verleiht. Vor 50 Jahren, am 20. August 1969, ist Theodor Dipper gestorben.

Dipper stammt aus einem Pfarrhaus und durchläuft die typische württembergische Theologenlaufbahn: evangelisches Seminar in Blaubeuren bei Ulm, Theologiestudium im Stift Tübingen. Nach dem Vikariat führt ihn seine erste Pfarrstelle in das Albdorf Würtingen, unweit von Reutlingen. Schon dort gerät er in den Ruf eines "politisierenden Pfarrers", weil er sich 1933 gegen die Gleichschaltung kirchlicher Jugendgruppen mit der NS-Jugendarbeit stellt.

1935 wechselt der junge Pfarrer in den Gemeindedienst der Landeskirche, um dort Mission und die Weiterbildung ehrenamtlicher Mitarbeiter voranzutreiben. Die Konfrontation mit den Machthabern nimmt zu. In den Büroräumen des Gemeindedienstes gibt es Hausdurchsuchungen, Dipper erhält öffentliches Redeverbot. Nachdem er 1938 eine Pfarrstelle in Reichenbach/Fils bei Göppingen übernommen hat, muss er sogar fast zwei Monate Haft im "Schutzlager" Welzheim verbringen - zu offen ist seine Parteinahme für Menschen, die sich dem Regime nicht total unterwerfen.

Die evangelische Opposition gegen Hitler und die "Deutschen Christen" sieht in diesen Jahren nicht einheitlich aus. Landesbischof Theophil Wurm kommt dem Nazi-Regime an manchen Stellen entgegen, indem er etwa den regimekritischen Pfarrernotbund 1934 zur Auflösung drängt. Andererseits stellt der Bischof sich auch zur Bekennenden Kirche und ihrem Landesbruderrat, dem Dipper vorsitzt, und beauftragt diesen Rat, die Lehren der "Deutschen Christen" zu begutachten.

Bildergalerie

Geistliche in den Konzentrationslagern der Nazis

Foto von Paul Schneider mit seiner Frau Margarete und ihren gemeinsamen vier Kindern.

© epd-bild / undatiertes Archivfoto

Foto von Paul Schneider mit seiner Frau Margarete und ihren gemeinsamen vier Kindern.

© epd-bild / undatiertes Archivfoto

<p><a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/108238/19-07-2014/paul-schneider-unbeugsamer-zwischenrufer">Paul Schneider</a> war ein evangelischer Pfarrer und Mitglied der <a href=" https://www.evangelisch.de/themen/bekennende-kirche"> Bekennenden Kirche </a>. Schon ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gerät Schneider immer wieder mit ihnen in Konflikt und wird daraufhin mehrfach von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in angebliche "Schutzhaft" genommen. Am 27. November 1937 wird Schneider schließlich in Konzentrationslager Buchenwald deportiert, wo er unter anderem im Straßenbau-Kommando schwere Zwangsarbeit verrichten muss. Auch im KZ steht er zu seinen Überzeugungen, die sich auf einen Vers der <a href="https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lutherbibel-2017/bibeltext/bibelstelle/Apg%205%2C29/"> Apostelgeschichte (5,29)</a> gründen. Die SS-Aufseher bestrafen diese Haltung mit öffentlichen Stockschlägen und Einzelhaft im Bunker. Schneiders Geist brechen die schweren Folterungen jedoch nicht: So soll er sich auch am Ostersonntag unter Schmerzen an den Gitterstäben seiner Zelle hochgezogen und den Häftlingen aus dem Appellplatz zugerufen haben: "Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: "<a href="https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lutherbibel-2017/bibeltext/bibelstelle/Joh%2011%2C25/"> Ich bin die Auferstehung und das Leben!</a>"" Weiter kommt er nicht, da ihn die SS gewaltsam zum Schweigen bringt.</p>

Am 18. Juli 1939 wird Paul Schneider vom Buchenwalder Lagerarzt durch eine starke Überdosis des Herzmedikaments Strophanthin ermordet. Dietrich Bonhoefer bezeichnet ihn als ersten Märtyrer der bekennenden Kirche. Sein Todestag ist heute laut Evangelischen Namenskalender sein Gedenktag.

Portrait von Jane Haining

© Museum Auschwitz-Birkenau

<p>Jane Haining arbeitet während des Zweiten Weltkriegs als Missionarin der Church of Scotland im ungarischen Budapest. Dort leitet sie eine Mädchenschule ihrer Kirche, die darauf spezialisiert war, Juden zu missionieren. Sowohl nach Ausbruch des Krieges als auch nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn wird sie aufgefordert, das Land zu verlassen. Sie weigert sich, weil sie ihre Schützlinge nicht im Stich lassen will. Die Deutschen beschuldigen sie, Alliierte und Juden zu unterstützen. Jane Haining wird im April verhaftet und am 14. Mai 1944 unter der Nummer 79467 im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau registriert. Zwei Monate später, am 17. Juli, stirbt sie dort. </p>

Nach dem Krieg wird sie von Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt und posthum wird ihr der "British Hero of the Holocaust" Award verliehen.

Portrait von Dietrich Bonhoeffer

© mauritius images/United Archives

<p><a href=" https://www.evangelisch.de/personen/dietrich-bonhoeffer-1906-1945"> Dietrich Bonhoeffer </a> war ein herausragender Theologe, Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten und ein bekannter Vertreter der <a href=" https://www.evangelisch.de/themen/bekennende-kirche"> Bekennenden Kirche </a>. </p>

<p>Eine intensive Auseinandersetzung mit der Bergpredigt lässt den 1906 geborenen Theologen zum Pazifisten werden. Selbst im Falle eines Angriffskrieges plädiert Bonhoeffer für gewaltfreien Widerstand. Die Ermordung der Juden durch die Nazis lässt Bonhoeffer umdenken, in Ausnahmefällen hält er den Tyrannenmord für gerechtfertigt – er billigt das Attentat auf Hitler, denn man müsse "dem Rad in die Speichen greifen", auch wenn man selbst dadurch Schuld auf sich lade. Dietrich Bonhoeffer war nicht direkt an der Planung von Hitlerattentaten (am 13.03.1943, 21.03.1943 und 20.07.1944) beteiligt, sondern diente als Verbindungsmann und übergab auf seinen Reisen ins Ausland geheime Dokumente an die Briten.</p>

Am 5. April 1943 wird Bonhoeffer wegen "Wehrkraftzersetzung" verhaftet. Am 7. Februar 1945 wird er in das KZ Buchenwald verlegt, Anfang April 1945 ins KZ Flossenbürg. Am 5. April 1945 ordnet Adolf Hitler die Hinrichtung aller noch nicht exekutierten "Verschwörer" des 20. Juli 1944 an und damit auch jene Dietrich Bonhoeffers.

Portrait von Edith Stein

© epd-bild / akg-images

Als deutsche Jüdin wird <a href="https://www.evangelisch.de/inhalte/139135/12-10-2016/vor-125-jahren-wurde-edith-stein-geboren">Edith Stein</a> 1891 in Breslau geboren. Sie promoviert mit Auszeichnung in Philosophie, ihre Habilitierung scheitert an der Tatsache, dass sie eine Frau ist. 1922 konvertiert sie zum Christentum und tritt 1933 mit dem Ordensnamen Teresia Benedicta a Cruce als Postulantin in den Karmel Maria vom Frieden in Köln ein. Aufgrund der wachsenden Judenverfolgung im "Dritten Reich" siedelt Stein in den Karmel in Echt (Niederlande) um. Aber auch dort ist sie nicht vor den Nationalsozialisten sicher: Nachdem die katholische Kirche gegen die Judenverfolgung in den besetzen Niederlanden protestiert hatte, werden alle katholischen Geistlichen mit jüdischen Wurzeln inhaftiert. Zwischen der Verhaftung Steins am 2. August 1942 und ihrer Ermordung in den Gaskammern von Birkenau liegt ungefähr eine Woche – das genaue Datum ist unbekannt, vermutlich war es der 9. August. Das ist auch ihr katholischer und evangelischer Gedenktag. In der katholischen Kirche wird sie als Heilige und Märtyrerin verehrt, Teilen der evangelischen Kirche gilt sie als Glaubenszeugen.

Portrait von Grzegore Peradze.

© Museum Auschwitz-Birkenau

Grzegore Peradze gehörte der Georgisch-Orthodoxen Kirche an. Als Hochschulprofessor in Warschau zählten Patrologie (Kirchenvätergeschichte) und die Geschichte georgischer Mönchsorden zu seinen Spezialgebieten. Peradze wurde am 5. Mai 1942 in Warschau verhaftet, im Pawiak-Gefägnis inhaftiert und schließlich nach Auschwitz deportiert, wo er am 6. Dezember des gleichen Jahres im Alter von 43 Jahren starb. Grzegore Peradze gehört sowohl zu den Heiligen der Georgisch- als auch Polnisch-Orthodoxen Kirche.

Portrait Martin Niemöller

© epd-bild / akg-images/akg-images GmbH

<p>Als der, "der mit Benzin löscht" wurde <a href="https://www.evangelisch.de/personen/martin-niemoller">Martin Niemöller</a> vom Magazin der "Spiegel" bezeichnet. Und die Poca-Indianer, die ihn in ihren Stamm aufnahmen, gaben ihm den Namen "Der auf dem rechten Weg wandelt". Beides trifft besonders auf Niemöllers Wirken während der Zeit des Nationalsozialismus zu: Der evangelische Pfarrer, der im Ersten Weltkrieg noch ein U-Boot kommandierte, wird im September 1933 zum Vorsitzenden des <a href="https://de.evangelischer-widerstand.de/html/view.php?type=dokument&id=48"> Pfarrernotbundes </a> und später zu einem führenden Vertreter der <a href=" https://www.evangelisch.de/themen/bekennende-kirche"> Bekennenden Kirche </a>.</p>

<p>Weil Niemöller Adolf Hitler auch direkt widerspricht, wird er schließlich dessen persönlicher Gefangener. Er soll als Staatsfeind verurteilt werden, womit man auch eine Kriminalisierung der ganzen Bekennenden Kirche erreichen sollte. Der Prozess endet in der Verurteilung zu sieben Monaten Haft, die Niemöller aber schon durch die Untersuchungshaft verbüßt hat. Statt jedoch freigelassen zu werden, wird er ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Bei Kriegsausbruch 1939 bitte Martin Niemöller Hitler, erneut ein U-Boot kommandieren zu dürfen. Er sieht es als seine lutherische Pflicht an, für sein deutsches Vaterland zu kämpfen. Sein Widerstand gegen die Nationalsozialisten sei nämlich in erster Linie religionstheoretisch motiviert gewesen. 1941 wird Niemöller ins KZ Dachau überstellt, wo er zusammen mit einigen anderen prominenten katholischen Theologen im "Ehrenbunker" gefangen gehalten wird. Insgesamt neun Jahre sitzt der Theologe im Gefängnis, acht davon im KZ.</p>

Nach dem Krieg gestaltet er unter anderem den Aufbau der hessisch-nassauischen Kirche mit, arbeitet am Stuttgarter Schuldbekenntnis mit und wird Präsident des Ökumenischen Rates der Kirchen. Er stirbt am 6. März 1984.

Portrait von Maximilian Kolbe

© Museum Auschwitz-Birkenau

<p><a href=" https://www.evangelisch.de/inhalte/136980/14-08-2016/freiwillig-den-todesbunker-vor-75-jahren-starb-pater-maximilian-kolbe-im-kz-auschwitz "> Maximilian Kolbe </a> wird 1894 als Rajmund Kolbe in Zduńska Wola (Generalgouvernement Warschau, Russisches Kaiserreich) in eine deutschstämmige Arbeiterfamilie hineingeboren. Nach einer Marienerscheinung tritt er 1910 in den Orden der Minderen Brüder ein, wo er den Ordensnamen Maximilian Maria annimmt.</p>

<p>Kolbe ist nicht nur überzeugter Katholik und betätigt sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sondern ist auch ein erklärter Antikommunist sowie Gegner des Zionismus und der Freimaurer. Drei Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Kolbe zusammen mit 40 Ordensbrüdern von der Geheimen Staatspolizei verhaftet, kurze Zeit später aber wieder freigelassen. So viel Glück hat er am 14. Februar 1941 nicht: Wegen der Aufnahme von 2.300 Juden und dazu noch anderen polnischen und ukrainischen sowie griechisch-katholischen Flüchtlingen in seinem Missionszentrums wird er erneut verhaftet. Vom Warschauer Zentralgefängnis in Pawiak wird er im Mai 1941 in Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Dort bietet er seinen Mithäftlingen als Priester und Seelsorger Trost und Zuspruch, während er den Kies für die Krematoriumsmauer herankarren, Baumstämme schlagen, Leichen auf Schubkarren laden und zu den Verbrennungsöfen fahren muss. Als im Sommer einem Häftling aus seinem Kommando die Flucht gelingt, sollen zur Strafe zehn andere in den "Todesbunker". Das ist eine nur wenige Quadratmeter große Zelle mit einem winzigen Luftloch, in dem die Insassen solange eingesperrt werden, bis sie qualvoll verhungert und verdurstet sind. Maximilian Kolbe meldet sich freiwillig für dieses Schicksal, um es einem verzweifelten Familienvater zu ersparen. Vom 31. Juli bis zum 14. August ist Kolbe im "Todesbunker" eingesperrt. Als er und drei weitere Verurteilte nach dieser Zeit immer noch nicht verhungert und verdurstet sind, werden sie mit einer Phenolinjektion ins Herz getötet.</p>

Pater Maximilian Kolbe wurde von der katholischen Kirche selig und als Märtyrer heiliggesprochen. Sein liturgischer Gedenktag ist am 14. August.

Zur Spaltung der Bekenntnistreuen kommt es, als auch Württembergs evangelische Kirche das staatliche Treuegelöbnis für kirchliche Mitarbeiter übernimmt. Ein Teil hält dieses Gelöbnis für unannehmbar, Dipper und der Landesbruderrat akzeptieren es mit Bauchschmerzen. Dass der Landesbruderrat nach sogenanntem Notrecht kirchenleitende Funktionen übernehmen soll, wie es radikalere Widerständler fordern, lehnen die Theologen um Dipper ab.

Dass sich Dipper nicht nur mit schwierigen theologischen Diskussionen und kritischen Positionspapieren herumschlägt, zeigt seine Mitwirkung an der Gründung der sogenannten Württemberger Pfarrhauskette. Dieser geheime Verbund evangelischer Pfarrer macht es sich zur Aufgabe, Juden kurzfristig zu verstecken und dann an ein anderes Mitglied der Kette weiterzureichen. Wievielen Juden dieser mutige Einsatz das Leben gerettet hat, ist unbekannt. Bislang haben sich 19 Namen finden lassen, darunter das Berliner Ehepaar Max und Ines Krakauer, die sogar zwei Mal bei Dippers Unterschlupf fanden.  

Die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat das Ehepaar Theodor und Hildegard Dipper 2008 zu den "Gerechten unter den Völkern" erklärt. Die Einrichtung erinnert daran, dass sich die beiden der Gefahren bewusst gewesen seien - immerhin habe Theodor Dipper schon mehrere Wochen in einem Lager verbracht. Andere Pfarrer hätten dagegen ihre Hilfsbereitschaft wieder zurückgenommen, nachdem ihnen die drohenden Konsequenzen klargeworden seien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Dipper Dekan - zunächst in Nürtingen am Neckar, dann in Ludwigsburg. Das Amt des Vorsitzenden des Landesbrüderrats behielt er, in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurde er 1956 ebenfalls zum Bruderratsvorsitzenden gewählt Aus der Bekennenden Kirche ging die Initiative "Evangelium und Kirche" hervor, die bis heute in der württembergischen Landessynode vertreten ist.

aus dem chrismonshop

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