Verbände werben für Präventionskonzepte an Kinderkliniken

Verbände werben für Präventionskonzepte an Kinderkliniken
Staatskanzlei war über Missbrauchsverdacht am Universitätsklinikum des Saarlandes nicht informiert
Nach mutmaßlichen sexuellen Übergriffen auf Kinder am Klinikum des Saarlandes sind sich Experten einig: Es braucht dringend Schutzkonzepte - nicht nur in Kitas, auch in Kliniken.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und der Deutsche Kinderschutzbund fordern Präventionskonzepte an Kinderkliniken im Kampf gegen sexuellen Missbrauch. Die jüngst bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfe gegen einen inzwischen gestorbenen Arzt am Universitätsklinikum des Saarlandes belegten die Notwendigkeit, an allen Häusern klare Verhaltensregeln und Ablaufstrukturen zu etablieren, sagte Berufsverbandssprecher Hermann Josef Kahl am Dienstag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Düsseldorf. Das gelte sowohl für die Vermeidung von sexuellen Übergriffen auf junge Patienten als auch für den Umgang mit Verdachtsfällen.

Die Vorkommnisse an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Homburg seien eine "Katastrophe", sagte der Düsseldorfer Kinder- und Jugendarzt Kahl. "Kinder müssen geschützt sein." Es gebe fachliche Beratungen und Qualifizierungen speziell für Krankenhäuser, betonte er. Mit den eigenen Strukturen, Mängeln und möglichem Fehlverhalten müsse sich das saarländische Klinikum nun offensiv und transparent befassen.

Dem stimmte der saarländische Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes zu. "Es ist skandalös, dass bundesweit noch immer lediglich ein Fünftel aller Kliniken über ein solches Schutzkonzept verfügen." Es sei zudem nicht nachvollziehbar, dass nur Kitas und Jugendhilfeeinrichtungen eine gesetzliche Verpflichtung zur Erststellung solcher Konzepte hätten. "Schutzkonzepte beinhalten klare Verhaltenskodizes, regelmäßige Fortbildungen, ein wirksames Beschwerdemanagement, Regeln bei der Personalauswahl und Interventionspläne bei Verdachtsfällen", teilte der Verband mit. Sie seien unverzichtbar, wo die Gefahr von Übergriffen bestehe.

Das Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS) in Homburg hatte am Montag angekündigt, acht Jahre nach einem ersten Missbrauchsverdacht gegen einen Arzt der Kinderpsychiatrie nun mögliche Opfer und deren Eltern zu informieren. Zwischen 2010 und 2014 soll der Assistenzarzt medizinisch nicht notwendige Untersuchungen im Intimbereich vorgenommen haben. Das Universitätsklinikum erstattete Ende 2014 Strafanzeige und kündigte dem Arzt fristlos. Da der mutmaßliche Täter 2016 starb, mussten die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen eingestellt werden.

Das Universitätsklinikum und die Staatsanwaltschaft hatten damals entschieden, möglicherweise betroffene Patienten nicht über den Verdacht zu informieren. Der Kinderschutzbund kritisierte dieses Vorgehen: "Der Versuch der Klinikleitung, ihr jahrelanges Schweigen nun als Opferschutz zu verkaufen, ist abwegig und zynisch." Den mutmaßlich Geschädigten sei viel zu lange keinerlei Unterstützung zuteilgeworden.

Das Homburger Klinikum hatte damals auch die Staatskanzlei in Saarbrücken als Rechtsaufsicht nicht informiert. Das sei nur nötig, wenn es um einen Beamten gehe, erklärte die Abteilungsleiterin Wissenschaft, Hochschulen und Technologie, Annette Groh. Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, darüber informiert zu werden. Nachdem die Staatskanzlei im April von dem Fall erfahren habe, sei ein Gutachter hinzugezogen worden. Dieser habe dann empfohlen, die möglichen Opfer zu informieren und an die Öffentlichkeit zu gehen. Regierungssprecherin Anne Funk kündigte an, regelmäßig über das weitere Vorgehen zu informieren. Der Justizausschuss im saarländischen Landtag wird sich am Donnerstag zu dem Fall berichten lassen.

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