TV-Tipp: "Tatort: Anne und der Tod" (ARD)

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TV-Tipp: "Tatort: Anne und der Tod" (ARD)
19.5., ARD, 20.15 Uhr: "Tatort: Anne und der Tod"
Es liegt in der Natur des Krimis, dass selbst undurchschaubare Geschichten am Ende oft sehr einfach wirken, wenn man die Lösung kennt. Die Herausforderung besteht darin, die Handlung so zu stricken, dass die Zuschauer diese Erkenntnis so spät wie möglich gewinnen. Die meisten Autoren sorgen deshalb für Ablenkungsmanöver und schicken ihre Ermittler in diverse Sackgassen.

Wolfgang Stauch hat für sein Drehbuch zu "Anne und der Tod", ein "Tatort" aus Stuttgart, einen ganz anderen Weg genommen: Lannert und Bootz (Richy Müller, Felix Klare) ahnen, dass sie ihr Ziel bereits erreicht haben, können das aber nicht beweisen, weil die Verdächtige auf sämtliche Vorhaltungen eine plausible Antwort hat. Der eigentliche Reiz des Films liegt jedoch in der dramaturgischen Konstruktion. Stauch und Regisseur Jens Wischnewski haben die Handlung in eine komplexe Erzählstruktur gebettet, die nicht zuletzt wegen der vielen Dialoge (oft auf Schwäbisch) eine hohe Konzentration erfordert: Der Film wechselt permanent und oft sogar mitten im Satz die zeitlichen Ebenen.

Das clever konstruierte Verwirrspiel beginnt bereits mit dem Auftakt, der eine wichtige Information vorenthält: Eine Frau führt ein paar private Telefonate. Erst als von einem Smartphone der irritierende Klingelton einer Eieruhr ertönt, wird klar, dass sie im Vernehmungsraum der Mordkommission sitzt. Das Klingeln gilt Bootz, der nun den Teebeutel aus seiner Tasse nimmt; eine nebensächliche Kleinigkeit, die knapp neunzig Minuten später jedoch belegt, mit wie viel Sorgfalt dieser Film konzipiert ist. Anne Werner (Katharina Marie Schubert) ist Altenpflegerin. Die Kommissare befragen sie, weil einer ihrer Schutzbefohlenen zu Tode gekommen ist. Sie beteuert, es handele sich um ein Missverständnis. Kurze Rückblenden unterstreichen ihre Glaubwürdigkeit. Kurz zuvor ist schon mal ein Patient von Frau Werner gestorben, und die Ermittler fragen sich, ob Anne Werner womöglich ein Todesengel ist, der lebensmüde Patienten von ihrem Leid erlösen will.

"Anne und der Tod" ist ein ungewöhnlich intelligent gestalteter Krimi, dessen Reiz nicht zuletzt aus der geradezu liebevollen Montage resultiert. Es ist letztlich nur eine Spielerei, wenn eine Figur den Satz beendet, den eine andere begonnen hat, aber ein weiterer Beleg dafür, wie einfallsreich und sorgfältig dieser Film konzipiert worden ist, denn selbst diese Sätze bergen Zeitsprünge: Wenn Staatsanwältin Alvarez (Carolina Vera) Lannert und Bootz über die Ergebnisse der Obduktion unterrichtet, folgt die eigentliche Information in Form einer kurzen Rückblende mit dem Anruf des Rechtsmediziners. Diese Form des Dialogs gibt es öfter: Hier stellt jemand eine Frage, dort gibt jemand in einem völlig anderen Gespräch die Antwort. Auf diese Weise bekommt der Film dank des Schnitts (Barbara Brückner) eine Dynamik, die die Handlung im Grunde gar nicht hergibt. Nur einmal greift Wischnewski daneben, als auf Lannerts Feststellung, "Eher hackt sie sich die Hände ab", ein Umschnitt auf Vater Werner beim Holzhacken erfolgt. Ansonsten passt der Krimi bestens zu den letzten "Tatort"-Episoden aus Stuttgart: Offenbar hat die Fernsehfilmredaktion des SWR den festen Vorsatz, immer wieder ganz besondere und stilistisch völlig unterschiedliche Filme zu produzieren; seit "HAL" (2016) gab es mit "Stau", "Der rote Schatten" sowie zuletzt "Der Mann, der lügt" nur noch außergewöhnliche (und außergewöhnlich gute) Filme. "Anne und der Tod" ist über weite Strecken ein Kammerspiel, bei dem Wischnewski mit Ausnahme einiger im Hintergrund erklingender Popsongs zunächst auf Musik verzichtet.

Das kühne Konstrukt steht und fällt allerdings mit der richtigen Hauptdarstellerin; und Katharina Marie Schubert entpuppt sich als vorzügliche Wahl. Sie verkörpert die Pflegerin als sympathische, leutselige und anscheinend völlig unbescholtene Frau, die ihre Arbeit mit Hingabe und Mitgefühl erledigt; Lannert vermutet, sie sei "auf dem Weg zur Kirche falsch abgebogen". Das Bild wandelt sich in der Tat, je mehr die Kommissare sie in die Enge treiben. Um Schubert herum haben der SWR und Wischnewski, der zuletzt die eher durchwachsenen Lissabon-Krimis "Dunkle Spuren" und "Feuerteufel" gedreht hat, ein treffend besetztes Ensemble gruppiert, darunter Felix Eitner als Sohn des ersten Toten, Lina Wendel als Leiterin des Pflegedienstes sowie Hans Peter Hallwachs (in einem Kurzauftritt) und Falk Rockstroh als weitere Patienten. Rockstroh kommt dabei eine Rolle zu, die Stauch und Werner offenbar besonders wichtig war, denn sein langer Monolog ist die einzige Szene des Films, die nicht unterbrochen wird.

Selbstverständlich lässt Stauch, der zuletzt zwei sehenswerte Episoden für den "Polizeiruf" aus Madgeburg ("Crash", "Zehn Rosen") sowie für den SWR diebeiden Krimis "Emma nach Mitternacht" (2016) geschrieben hat, nebenbei einfließen, wie überlastet die Pflegekräfte sind. Anne Werner ist zudem als alleinerziehende Mutter mit einem pubertierenden Sohn geschlagen, der gern auf größerem Fuß leben würde, als ihr mageres Einkommen zulässt. Die verschiedenen Wahrheiten, mit denen sie im Verlauf der Vernehmung scheibchenweise rausrückt, entlasten sie zwar nicht, taugen aber auch nicht als Beweis für den Mordverdacht; die Kommissare müssen sie daher gehen lassen. Kaum ist sie wieder frei, stirbt der nächsten Patient, und das ist bei Weitem nicht die letzte Überraschung des Films. Der Arbeitstitel "Schande" deutet ohnehin an, dass es noch eine völlig andere Erklärung für die Todesfälle geben könnte; und dann ist da ja noch die Sache mit der Eieruhr.

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