Für Toleranz statt Moralpredigten

Johann Peter Hebel

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Vor 250 Jahren, am 10. Mai 1760, wurde der Dichter Johann Peter Hebel in Basel geboren. (Stahlstich, undatiert, von Edouard Schuler, spätere Kolorierung).

Für Toleranz statt Moralpredigten
Vor 200 Jahren wurde Johann Peter Hebel zum ersten badischen Prälaten ernannt
Der Pädagoge und Dichterpfarrer Johann Peter Hebel wurde im April 1819 zum ersten Prälaten in Baden ernannt. Als weltoffener und toleranter Theologe setzte er sich für Versöhnung der Konfessionen und für Bildung ein.
13.04.2019
Christine Süß-Demuth
epd

Es war im April 1819, als Johann Peter Hebel (1760-1826) vom badischen Großherzog Ludwig I. zum Prälaten der evangelischen lutherischen Kirche ernannt wurde. Als "geistliches Oberhaupt" war er ab 19. April 1819 zugleich auch Mitglied der Ersten Kammer des Badischen Landtags. Diese Aufgabe hat er ernstgenommen, obwohl er kein leidenschaftlicher Politiker war, wie er Freunden schrieb.

Hebel wurde am 10. Mai 1760 in Basel geboren, er starb am 22. September 1826 im badischen Schwetzingen. Der Dichter stammte aus einer armen Familie und wurde schon mit 13 Jahren Vollwaise. Aufgewachsen ist er im südbadischen Hausen im Wiesental bei Lörrach.

Reformiert und Lutherisch

Schon in seiner Kindheit hatte Hebel zwei protestantische Glaubensrichtungen kennengelernt: Seine Mutter stammte aus dem lutherisch geprägten Schwarzwaldort Wiesental, sein Vater aus dem reformierten Basel. Hebels weltoffenen und toleranten theologischen Ansichten spielten eine wichtige Rolle, als er 1821 die reformierte und lutherische Kirche zusammenführte und erstes geistliches Oberhaupt dieser unierten badischen Landeskirche wurde. Für seine Verdienste um die Kirchenunion wurde ihm von der Universität Heidelberg die theologische Ehrendoktorwürde verliehen.

Nach seinem Studium der evangelischen Theologie in Erlangen arbeitete er als Lehrer zunächst in Lörrach, bevor er 1791 ans "Gymnasium Illustre" in Karlsruhe wechselte, dem damals einzigen Gymnasium in ganz Baden. Dort habe Hebel die politische und geistliche Elite in Baden "liberal, weltoffen und menschenfreundlich" geprägt, würdigt ihn der Direktor des Religionspädagogischen Instituts (RPI), Uwe Hauser (Karlsruhe): "Die badische Liberalität ist auch ein Verdienst von Hebels Wirken."

Auch der Prälat für Nordbaden, Traugott Schächtele, würdigt die Verdienste Hebels für Versöhnung und Bildung. Für diesen habe das Motto "Versöhnen statt Spalten" in besonderer Weise gegolten. Wichtig sei dem Pädagogen außerdem das Motto "Erziehen und Bilden statt Indoktrinieren" gewesen. Hebel sei ein "Volkserzieher im besten Sinn" gewesen.

Besuch von Goethe

Hebel gilt auch als einer der "Väter der Ökumene" in Deutschland. Wie der Reformator Philipp Melanchthon (1497-1560) versuchte der Theologe nicht nur konfessionelle Gräben zwischen Reformierten und Lutheranern in Baden zuzuschütten, sondern auch den Ausgleich mit der katholischen Kirche zu finden.

Nicht die Konfession, sondern die Inhalte des christlichen Glaubens waren für Hebel wichtig, wie er es auch in seiner 1811 veröffentlichten Geschichte "Die Bekehrung" schildert: Zwei Brüder lebten friedlich, bis der ältere katholisch wurde, während der jüngere lutherisch blieb. Nach viel Streit überzeugten sie sich gegenseitig von der jeweils anderen Kirche. Hebels Fazit: Die Menschen sollen nicht über die Religion grübeln, sondern den Glauben leben.

Heute ist Johann Peter Hebel vor allem als alemannischer Dichter bekannt. Die Reduzierung auf "Mundartdichter" werde dem Pädagogen und Theologen aber nicht gerecht, sagt Hauser. Als erster deutscher Dichter schrieb Hebel in seiner Heimatsprache, dem Alemannischen. Seine "Alemannischen Gedichte" wurden von manchen zwar als provinziell erachtet, von seinem Zeitgenossen Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) aber bewundert. Dieser besuchte Hebel sogar in Karlsruhe.

Auch der Literaturpreis des Landes Baden-Württemberg, der Johann-Peter-Hebel-Preis, erinnert an den Dichterpfarrer. Der verpackte seine Ansichten über unterschiedliche menschliche Probleme ironisch, aber nie verletzend in seine humorvollen und lehrreichen "Kalendergeschichten", die er für den "Rheinischen Hausfreund" verfasste. Von ihm nacherzählte biblische Geschichten erschienen 1824. Erst nach seinem Tod wurde ein von ihm verfasster Katechismus veröffentlicht.

Als fortschrittlicher Pädagoge hielt Hebel nichts von der Prügelstrafe. Wie hintergründig, knapp und augenzwinkernd er seine Ansichten weitergab, zeigt die dreizeilige Erzählung "Die Ohrfeige": Ein Büblein klagte seiner Mutter: "Der Vater hat mir eine Ohrfeige gegeben." Der Vater aber kam dazu und sagte: "Lügst du schon wieder? Willst du noch eine?"