Trauer virtuell - per Livestream zur Beerdigung

Livestreamings von Beerdigungen

© epd-bild/Bestattungsinstitut Cornwall

Scott Watters, Chef des Bestattungsinstituts Cornwall Funeral Services im Südwesten Englands, bietet für die Daheimgebliebenen Liveübertragungen von Beerdigungen an.

Trauer virtuell - per Livestream zur Beerdigung
Die Familie ist über die Welt verstreut, ein Trauernder ist zu krank, um an einer Beerdigung teilzunehmen: In Großbritannien bieten viele Bestattungsunternehmer für solche Fälle Live-Übertragungen von Trauerfeiern für Freunde und Verwandte an.

Scott Watters ist Chef des Bestattungsinstituts "Cornwall Funeral Services" im äußersten Südwesten Englands. Die Region, bekannt aus vielen Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen, ist malerisch schön, aber auch nicht immer ganz einfach zu erreichen. Seit ein paar Jahren bietet Watters deshalb für die, die nicht anreisen können, Live-Übertragungen von Beerdigungen an - wenn die Hinterbliebenen das wünschen. "Es geht nicht nur darum, zu sehen, was passiert, sondern sich als Teil des Ganzen zu fühlen", sagt er.

Deshalb fange er nicht erst mit der Übertragung an, wenn die Feierlichkeiten beginnen, sondern schon bei der Ankunft der Gäste. "Wir wollen die Beerdigung so inklusiv wir möglich gestalten. Deshalb wollen wir den Menschen das Gefühl geben, von Anfang an dabei zu sein." Außerdem sei es für die Angehörigen wichtig zu wissen, dass mit der Verbindung alles in Ordnung sei, bevor die eigentliche Beerdigung beginne. "Das ist für sie am Anfang beruhigend."

Bildergalerie

Noch mal Leben vor dem Tod: Wenn Menschen sterben

Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre, geboren am 26. August 1951. Erstes Porträt am 5. Dezember 2003, gestorben am 15. Februar 2004 im Hamburger Leuchtfeuer Hospiz.</p>

<p>Vermutlich wäre Maria Hai-Anh Tuyet Cao anders gestorben, wenn sie sich nicht mit der Lehre der Höchsten Meisterin Ching Hai vertraut gemacht hätte. Die Meisterin spricht: "Was sich jenseits dieser Welt befindet, ist besser als unsere Welt. Es ist besser als alles, was wir uns vorstellen oder nicht vorstellen können." Frau Cao trägt das Bild der Meisterin um den Hals. Unter ihrer Führung hat sie auf dem Weg der Meditation die jenseitige Welt schon bereist. Lange kann es nicht mehr dauern, bis sie dorthin abberufen wird: Ihre Lungenbläschen zerfallen. Aber sie wirkt heiter und gelassen.</p>

<p>"Der Tod ist nichts", sagt Frau Cao. "Ich lache über den Tod. Er ist nicht ewig. Danach, wenn wir zu Gott gehen, sind wir wunderschön. Nur wenn wir in der letzten Sekunde noch an einem Menschen hängen, müssen wir wieder auf die Erde zurück." Jeden Tag bereitet sich Hai-Anh Cao auf diesen Moment vor. Sie will sich im Augenblick ihres Todes von allem lösen.</p>

Michael Föge, 50 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Michael Föge, 50 Jahre, geboren am 15. Juni 1952. Erstes Porträt am 8. Januar 2003, gestorben am 12. Februar 2003 im Ricam-Hospiz, Berlin.</p>

<p>Michael Föge, groß, sportlich, redegewandt, war zu Berlins erstem Fahrradbeauftragten ernannt worden. Er war glücklich. Mit hundert Gästen hatte er seinen Fünfzigsten gefeiert. Bald darauf fielen ihm beim Reden die Worte nicht mehr ein. Die Ärzte fanden einen Hirntumor. Der Tumor zerstörte innerhalb weniger Monate sein Sprachzentrum, lähmte seinen rechten Arm und die rechte Gesichtshälfte. Im Hospiz wird Herr Föge von Tag zu Tag schläfriger. Irgendwann wird er gar nicht mehr aufwachen. So lange Michael Föge noch konnte, hat er nie über sein Innenleben gesprochen. Jetzt kann er nicht mehr. "Was wohl in seinem Kopf vorgeht?", fragt sich seine Frau. Die Musiktherapeutin hatte den Einfall mit dem Armdrücken. Sie hatte Föges gesunde Hand genommen und ihre Kräfte mit seinen gemessen – ein Dialog ohne Worte. "Ich habe seine Vitalität gespürt. Wir hatten Spaß."</p>

Edelgard Clavey, 67 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Edelgard Clavey, 67 Jahre, geboren am 29. Juni 1936. Erstes Porträt am 5. Dezember 2003, gestorben am 4. Januar 2004 im Hamburger Hospiz im Helenenstift.</p>

<p>Edelgard Clavey war Chefsekretärin in der Psychiatrischen Uniklinik. Seit ihrer Scheidung Anfang der 80er Jahre lebt sie alleine. Kinder hat sie nicht. Von Jugend an engagierte sie sich in der evangelischen Kirche. Seit einigen Wochen kann sie ihr Bett nicht mehr verlassen. "Der Tod ist eine Lebensreifeprüfung. Die muss jeder Mensch für sich alleine bestehen", sagt Frau Clavey. "Ich wünsche mir so sehr, zu sterben. Ich möchte in das große, unglaubliche Licht eingehen. Aber Sterben ist ein ganz schweres Geschäft. Der Tod hat die Herrschaft, ich kann es nicht beeinflussen. Nur warten, warten, warten. Ich habe mein Leben bekommen, ich musste es leben und gebe es wieder hin. Ich habe immer hart gearbeitet, beinahe in einem diakonischen Sinne: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Jetzt bin ich kein Leistungsfaktor mehr. Das tut mir unerträglich weh: Ich will nicht als Kostenfaktor auf dem Berliner Kadaverberg liegen. Ich möchte gehen, am liebsten sofort. Allzeit bereit, wie bei den Pfadfindern."</p>

Heiner Schmitz, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Heiner Schmitz, geboren am 26. November 1951. Erstes Porträt am 19. November 2003, gestorben am 14. Dezember 2003 im Hamburger Leuchtfeuer-Hospiz.</p>

<p>Heiner Schmitz sah den Fleck auf der Kernspin-Aufnahme seines Gehirns. Er begriff sofort, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Schmitz ist ein wortgewaltiger Schnelldenker, nicht ohne Tiefgang. Er arbeitet in der Werbebranche. Da sind alle gut drauf. Normalerweise. Heiners Freunde wollen nicht, dass er traurig ist. Sie wollen ihn ablenken. Im Hospiz gucken sie Fußball mit ihm, so wie immer. Bier, Zigaretten, Zimmerparty. Die Mädels aus den Agenturen bringen Blumen. Viele kommen zu zweit, weil sie nicht mit ihm alleine sein wollen. Was redet man mit einem Todgeweihten? Manche wünschen gute Besserung zum Abschied. Komm bald wieder auf die Beine, Alter!</p>

<p>"Keiner fragt mich, wie's mir geht", sagt Heiner Schmitz. "Weil alle Schiss haben. Dieses krampfhafte Reden über alles Mögliche, das tut weh. Hey, kapiert ihr nicht? Ich werde sterben! Das ist mein einziges Thema in jeder Minute, in der ich alleine bin."</p>

Das Buch im Handel

Foto: Verlagsgruppe Random House GmbH

Kaum etwas bewegt uns so sehr wie die Begegnung mit dem Tod. Kaum etwas geschieht heute so verborgen wie das Sterben. Die Journalistin Beate Lakotta und der Fotograf Walter Schels baten Schwerstkranke, sie in den letzten Tagen und Wochen begleiten zu dürfen. Aus diesen Begegnungen entstanden einfühlsame Schilderungen und Fotos von Menschen am Ende ihres Lebens.
Die Reportage wurde mit dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet, für die Porträts erhielt Walter Schels einen zweiten Preis beim Wettbewerb World Press Photo 2004.
Für den Bildband wurden beide mit dem Ehrenpreis für Künstler und Künstlerinnen 2004 der Bundesarbeitsgemeinschaft HOSPIZ ausgezeichnet, das Buch selbst im Bereich der Foto-bildbände mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2004.

<p>Beate Lakotta, Walter Schels: "Noch mal Leben vor dem Tod - Wenn Menschen sterben"</p>, erschienen im Verlag DVA/Verlagsgruppe Randomhouse.

Hunderte britische Bestatter und Krematorien bieten solche Live-Übertragungen von Bestattungen. "Die Menschen, die diesen Service nutzen, leben entweder im Ausland oder viele Hunderte Meilen entfernt vom Ort der Beerdigung", sagt Watters. "Wir hatten jemanden in Australien, also genau am anderen Ende der Welt, der so der Beerdigung beigewohnt hat." Um die Beisetzung im heimischen Wohnzimmer zu verfolgen, bekommen die Trauernden einen Link mit Passwort zur Übertragung.

Aufgezeichnet wurden die Trauerfeiern, die Scott Watters organisiert, aber bislang noch nie. "Das könnte man sicherlich machen, wenn das erwünscht ist, aber bislang wurde das nie nachgefragt." Die Menschen verfolgen die Beerdigung live am Bildschirm, wollten sie aber nicht noch einmal sehen - anders als bei Hochzeiten. Es gehe den Angehörigen bislang immer nur darum, dabei zu sein.

Natürlich müssten einige Grundvoraussetzungen erfüllt sein, eine gute und stabile Internetverbindung zum Beispiel. Gerade in ländlichen Gegenden sei das aber nicht immer gegeben: "Wir haben auch schon das ein oder andere Kabel verlegt, als das sein musste."

Bildergalerie

12 Bibelverse, die Hoffnung schenken

Junger Mann fährt mit ausgebreiteten Armen Fahrrad.

Foto: pixabay/janeb13

Junger Mann fährt mit ausgebreiteten Armen Fahrrad.

Foto: pixabay/janeb13

Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung.
Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde.

Ein junger Mann sitzt alleine in einem Sportstadion.

Foto: pixabay/wgbieber

Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.

Eine Frau spiegelt sich in einer Pfütze.

Foto: pixabay/skitterphoto

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Ältere Frau mit Pusteblume.

Foto: cydonna/photocase.de

Auf dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an. Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

Eine kleine lila Blume wächst durch einen Riss in einer betonierten Straße.

Foto: Getty Images/iStockphoto/ipopba

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten!

Zu einer Schale geformte Hände vor einem Sonnenuntergang.

Foto: pixabay/radoan tanvir

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

 Frau sitzt nachdenklich auf einem Seesel.

Foto: cydonna/photocase.de

Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolkendecke über dem Meer.

Foto: laensch/Photocase

Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

 Feld mit Sonnenblumen.

Foto: misterQM/photocase.de

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Frau mit einem Rucksack auf einem Feldweg.

Foto: pixabay/vranystepan

Jesus Christus spricht: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Kinderhände liegen in den Händen eines Erwachsenen.

Foto: iStock.com/paulaphoto

Jesus spricht: Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

Ein Segelboot im Abendlicht auf dem Wasser.

Foto: pixabay/jonkline

Gesegnet ist der Mensch, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist.

Doch nicht alle Trauernden sehen eine Live-Übertragung als einen gleichwertigen Ersatz für den Besuch einer Beerdigung. In einer Studie der britischen Versicherungsgesellschaft Royal London aus dem Jahr 2017 gaben fast die Hälfte der Befragten an, eher auf die Beerdigung ganz zu verzichten als diese im Internet live zu verfolgen. Aber deutlich wurde auch: Je jünger die Befragten, desto offener waren sie für die Art von Trauerfeier.

"Es wird nicht sehr oft nachgefragt", sagt auch Watters. "Es ist auch nicht wichtig, wie oft wir das machen, aber wenn wir es machen, ist es für die Menschen, die sich das anschauen, immens wichtig." Diese schauten sich nach seinem Wissen die Beerdigung so gut wie nie alleine an, sondern hätten meist jemanden an ihrer Seite, der mit ihnen gemeinsam manchmal sogar eine kleine eigene Beerdigungsfeier zelebriere.

Die Gäste der Bestattung wüssten natürlich, dass gefilmt werde. Oft mache auch der Pfarrer noch einmal darauf aufmerksam. "Wir hatten mal einen Priester, der die Zuschauer online direkt in die Kamera angesprochen und sie so eingebunden hat", erinnert sich Watters. Das sei großartig gewesen und habe den Menschen sicherlich das Gefühl gegeben, nicht nur Zaungäste zu sein, sondern wirklich ein Teil der Trauerfeier.

Auch könnten sich die Zuschauer direkt an der Beerdigung beteiligen, Worte für das Grab schicken, wenn das gewünscht sei, sagt Scott Watters. Es sei sogar möglich, jemanden live ein paar Worte an die Trauergemeinde richten zu lassen.

Allerdings könne keine Technik den persönlichen Kontakt ersetzen, sagte Bestatter Paul Allcock dem britischen "Telegraph". Einige freundliche Worte an die Hinterbliebenen, Gespräche unter den Trauergästen nach der Trauerfeier seien nicht vergleichbar mit einer virtuellen Teilnahme, erklärte der ehemalige Präsident einer Vereinigung von fast 900 britischen Bestattungsunternehmen.

Watters glaubt nicht, dass die Nachfrage nach Live-Streamings von Beerdigungen rasant steigen wird. Aber es steige das Bewusstsein dafür, dass so etwas möglich ist: "Es hat eigentlich schon immer einen Bedarf dafür gegeben. Es gab schon immer Menschen, die nicht zu einer Beerdigung reisen konnten, warum auch immer, aber jetzt gibt es wenigstens ein Angebot für diese Trauernden."