Alte Sprachen im Theologiestudium - so sehen es Pfarrer der EKHN

Hebräische Bücher im Regal

© Getty Images/CocoSan

Nur die wenigsten angehenden Theologen können schon vor dem Studium hebräisch lesen, schreiben und sprechen.

Griechisch, Hebräisch, Latein - das muss ein evangelischer Pfarrer irgendwann mal gelernt haben. Pfarrer Klaus Neumeier hat seine Kollegen in der EKHN befragt, wie sie zu Altsprachen im Theologiestudium stehen. Die antworten zeigen: das Thema polarisiert.

Dass es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einen erheblichen Mangel an Pfarrer-Nachwuchs gibt, ist dem Bad Vilbeler Pfarrer Klaus Neumeier bereits seit langem bewusst. Er ist als Kirchensynodaler seit fast 20 Jahren in der EKHN aktiv. Dass Pfarrstellen unbesetzt bleiben, habe wesentlich mit der Ruhestandswelle der Babyboomer-Generation zu tun. Der Rückgang gehe auch weit über das von sinkenden Finanzen und Mitgliederzahlen gebotene Maß hinaus.

Einen wesentlichen Grund dafür sieht Neumeier in der zu langen und vor allem durch das Erfordernis dreier Altsprachen überfrachteten Ausbildung. In einem Studiensemester befragte er die Pfarrerkollegen in der EKHN. 499 Rückmeldungen gab es, "das ist ein Drittel der aktiven Pfarrerschaft, eine außerordentlich hohe Quote". Die Umfrage wurde in der Auswertung in vier Altersgruppen gegliedert: bis 35 Jahre, 36-45 Jahre, 46-55 Jahre, ab 56 Jahre.

Zunächst stellte Neumeier fest, dass sich die Studiendauer noch weiter verlängert hat. Konnten 44,9 Prozent der über 55-Jährigen es noch in zwölf Semestern abschließen, so waren es bei den unter 35-Jährigen nur noch 12,5 Prozent. Die überwiegende Mehrheit (87,5 Prozent) verbringt nun über sechs Jahre an der Uni. Mit dem mehr als zweijährigen Vikariat kommt es zu einer rund zehnjährigen Berufsausbildung bis zur Ordination, errechnet Neumeier.

Zugleich sind die Anforderungen im Sprachbereich höher und schwieriger geworden. Ein Viertel der über 55-Jährigen könnte noch mit dem inzwischen abgeschafften Kleinen Latinum ins Theologiestudium einsteigen und 75% der ältesten befragten Gruppe hatte Latein bereits in der Schule gelernt. Dieser Wert ist bei den jüngsten Pfarrern auf unter 50 Prozent gesunken, die zudem das anspruchsvollere Latinum absolvieren mussten. Beim Graecum wird der Anstieg der Anforderungen noch deutlicher. Hatte die älteste Altersgruppe noch zu 43,4 Prozent das einfachere Bibelgriechisch gelernt, so legten die Jüngsten zu 87,5 Prozent das vollständige altphilologische Graecum ab. Schließlich ist es auch um das Hebraicum schlecht bestellt. Nur eine extrem niedrige Anzahl der künftigen Theologen legte es schon in der Schulzeit ab.

Klaus Neumeier hat in seinem Studiensemester die Pfarrer der EKHN zur Bedeutung der Sprachen im Theologie-Studium befragt.

Die hohe Bedeutung der alten Sprachen ist geschichtlich begründet: Seit der Reformationszeit ist die unmittelbare Arbeit mit dem biblischen Originaltext nach evangelischem Verständnis sehr zentral. Das bedeutet, dass Pfarrer das Alte Testament aus dem Hebräischen und das Neue Testament aus dem Griechischen übersetzen lernen. Latein war in früheren Zeiten die unabhängig vom Theologiestudium anerkannte Universalsprache.

Die Folge ist ein sehr sprachlastiges Studium, bei dem die jüngste befragte Altersgruppe bereits die Hälfte drei Sprachen nach Schulabschluss erwerben musste - und 90 Prozent zwei Sprachen. Trotz des Aufwandes ergab die Umfrage, "dass in der Pfarrschaft der EKHN nur ein Viertel bis ein Drittel gemäß Selbsteinschätzung noch in der Lage ist, biblische oder andere Texte der alten Sprachen zu übersetzen." Im Ergebnis, so Neumeier, "wird deutlich, dass in der pfarramtlichen Praxis nicht nur die Zeit zum Übersetzen alter Texte fehlt, sondern bei einer deutlichen Mehrheit auch in allen drei Altsprachen die Fähigkeit dazu nicht mehr vorhanden ist."

Trotzdem ist die aktuelle Pfarrschaft in der Bewertung dieser Ergebnisse sehr polarisiert. Neben der klaren Forderung, die Bedeutung der alten Sprachen im Studium zurück zu nehmen, betonen andere deren bleibende Bedeutung, selbst wenn dadurch weniger junge Menschen das Theologiestudium aufnehmen. 60,6 Prozent der rund 40-Jährigen lehnen es ab, die Sprachanforderungen zu senken, wie es umgekehrt 48,8 Prozent der Ältesten fordern. Doch sind die jüngsten Pfarrer nicht nur in den alten Sprachen, sondern auch in der Gegenwart unterwegs. Mehr als die Hälfte waren über ein halbes Jahr im fremdsprachigen Ausland - doppelt so viele wie in der ältesten Gruppe. In der globalen Ökumene sei Englisch heute unverzichtbar, während das Studium von Quellentexten eher etwas für Liebhaber sei und nicht der Maßstab für alle.

Dass es beim Studium deutlichen Reformbedarf gebe, habe nicht zuletzt Ratspräsident Heinrich Bedford-Strohm betont. Das Evangelium müsse mit Herz und Verstand vermittelt werden. Er stellt die Frage: "Wie viele Sprachkenntnisse braucht ein guter Pfarrer. Und welche Qualifikation fehlt ihm in aller Regel? Wie lässt sich die Lebensfähig der theologischen Ausbildung stärken?"

Diesen Reformbedarf sieht auch Klaus Neumeier. Sei ein Pfarrer noch vor 50 Jahren ein Experte für alle Fragen gewesen, so hat er nicht nur diese Autorität verloren, er müsse sich auch stetig um die Diskursfähigkeit in theologischen Gegenwartsfragen bemühen: Friedensethik, Glaube und Naturwissenschaft, Globalisierung und Ökumene.

Was also tun? Es müsse im Studium mehr Wert auf das kulturelle Umfeld der Sprachen gelegt werden und weniger auf die eigenständige Übersetzungsleistung. Zeitgemäßer und mindestens ein Jahr kürzer soll es werden, fordert Neumeier. Schließlich gebe es einen sich verschärfenden akademischen Wettbewerb um junge Menschen. Zudem werde der Pfarrerberuf immer weiblicher und junge Frauen wie Männer legten Wert auf eine gesunde work-life-balance. Auch dadurch werde nicht mehr jeder neue Pfarrer dauerhaft eine volle Stelle besetzen.

Mit seinen Überlegungen möchte Neumeier einen Prozess anstoßen, den alle Gliedkirchen der EKD gemeinsam starten müssten. Zudem sei der für die Bildungsstandards zuständige Fakultätentag unabhängig "Und er schraubt die Anforderungen eher nach oben", stellt Neumeier mit Verweis beispielsweise auf die Sprachanforderungen fest, nicht zuletzt auch im relativ neuen berufsbegleitenden Masterstudiengang. Man fürchte um die akademische Anschlussfähigkeit, hieße es dort. "Ich halte das für absurd", kontert er: "Die Marginalisierung entsteht eher durch sinkende Studierendenzahlen".