Huber: Reformationsjubiläum hat Staat-Kirche-Verhältnis gut getan

Der Berliner Altbischof Wolfgang Huber über die Kooperation beim 500. Reformationsjubiläum zwischen Staat und Kirche.

© epd-bild/Jürgen Blume

Altbischofs Wolfgang Huber blickt zurück auf die Lutherdekade zur Vorbereitung auf das Jubiläum 2017.

Huber: Reformationsjubiläum hat Staat-Kirche-Verhältnis gut getan
Die Kooperation beim 500. Reformationsjubiläum hat nach Einschätzung des evangelischen Altbischofs Wolfgang Huber das Verhältnis von Staat und Kirche neu klargestellt. Von Anfang bis Ende habe es eine deutliche Unterscheidung der Rollen gegeben, sagte Huber am Mittwoch in Leipzig.

Huber war als damaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) der verantwortliche Repräsentant der Protestanten, als 2008 gemeinsam mit dem Staat die sogenannte Lutherdekade zur Vorbereitung auf das Jubiläum 2017 gestartet wurde.

Huber erzählte aus einem Gespräch mit dem damaligen Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Wolfgang Böhmer (CDU), über die beabsichtigte und später auch realisierte Sanierung der authentischen Lutherstätten unter anderem in Luthers Geburtsstadt Eisleben und in Wittenberg. Böhmer habe gesagt, an der Wiederherstellung beteilige sich auch der Staat, für den Inhalt sei die Kirche zuständig, sagte Huber. Diese Linie sei prägend gewesen.

Bildergalerie

Wo Luther lebte und wirkte

Geburtshaus Luthers in Eisleben

Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn

Geburtshaus Luthers in Eisleben

Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn

Als erster oder zweiter Sohn von Hans und Margarethe Luder wurde Martin am 10. November 1483 geboren und am darauffolgenden Martinstag getauft (daher sein Vorname).
Das Haus, in dem er geboren wurde, brannte 1689 ab. Das heutige "Geburtshaus" Luthers wurde 1693 erbaut und gehört zu den ältesten Museen Deutschlands.
Zufällig starb Martin Luther auch in Eisleben, nämlich am 18. Februar 1546 auf der Durchreise.

Elternhaus in Mansfeld

Foto: epd-bild/Steffen Schellhorn

Als der kleine Martin sechs Monate alt war, zog die Familie Luder 1484 ins nahe Mansfeld. In dem Haus, in dem er aufwuchs, informiert heute die Ausstellung "Ich bin ein Mansfeldisch Kind" über Martins Schulbesuch ebenso wie über aufwendige Mahlzeiten bei den Luders, die Archäologen mit Hilfe von Speiseresten rekonstruiert haben. Auch drei Murmeln sind zu sehen, mit denen Martin und seine Geschwister gespielt haben könnten.
1497 verließ Martin Luder Mansfeld, um in Magdeburg und dann in Eisenach zur Schule zu gehen.

Lutherstuben in Eisenach

Foto: epd-bild/Jens-Ulrich Koch

Der Überlieferung nach wohnte Martin während seiner Schulzeit in Eisenach von 1498 bis 1501 im Haus einer Familie Cotta. Es ist eines der ältesten erhaltenen Fachwerkhäuser der Stadt. Die Schulzeit "ynn meiner lieben Stad" behielt Luther immer in positiver Erinnerung.
Die Thüringer Landeskirche eröffnete 1956 in diesem Gebäude eine Luthergedenkstätte als kirchliches Museum. Mit der Neugestaltung des Museums im Jahr 2015 bereitet sich das Lutherhaus auf den erwarteten Besucheransturm zum 500. Reformationsjubiläum vor.
Die neue Dauerausstellung "Luther und die Bibel" gibt einen Überblick über Bibelübersetzungen vor und nach Martin Luther. Denn der Reformator hielt sich 1521/22 erneut in Eisenach auf – diesmal auf der Wartburg, wo er das Neue Testament ins Deutsche übersetzte.

Lutherstein in Erfurt-Stotternheim

Foto: epd-bild/Jens-Ulrich Koch

Nach einem Besuch bei seinen Eltern in Mansfeld ging Luther, der zu dieser Zeit an der Erfurter Universität Jura studierte, am 2. Juli 1505 zu Fuß zurück nach Erfurt. In der Nähe von Stotternheim geriet er in ein so heftiges Gewitter, dass er um sein Leben fürchtete und gerufen haben soll: "Heilige Anna, hilf! Lässt Du mich leben, so will ich ein Mönch werden!" Einige Tage später, am 17. Juli 1505, trat Martin Luther in das Augustinerkloster in Erfurt ein, wo er 1506 sein Mönchsgelübde ablegte und bis 1512 lebte. 1917 stiftet eine Erfurter Bürgerin einen Gedenkstein aus schwedischem Granit, der bei Stotternheim aufgestellt wurde.

Augustinerkloster in Erfurt

Foto: epd-bild/Jens-Ulrich Koch

Im Kloster der Augustiner-Eremiten lebte Martin Luther von 1505 bis 1511 als Mönch. Das strenge Klosterleben war vor allem auf das Bibelstudium und den Gottesdienst ausgerichtet. Der nachdenkliche Luther hatte trotz täglicher Bußübungen große Gewissensnöte. Seine Frage war: "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?" Er hatte Angst, Gottes vermeintliche Anforderungen nicht zu erfüllen, so dass er an der Vergebung zweifelte. Sein Beichtvater Johann von Staupitz schickte Luther daraufhin im Herbst 1508 zum Theologiestudium nach Wittenberg. An der dortigen Universität erwarb er den Grad des "Baccalarius biblicus" und kehrte zunächst nach Erfurt zurück.
Das Kloster ging nach der Reformation 1525 in den Besitz der Evangelischen Kirche über, 1559 wurde es von der Stadt Erfurt säkularisiert.

Der Martin-Luther-Platz in Rom

Foto: epd-bild/Agenzia Romano Siciliani

Zu Fuß pilgerte der Mönch Martin Luther 1510 oder 1511 nach Rom, vermutlich im Auftrag seines Klosters. In der Stadt des Papstes sah Luther mit eigenen Augen, wie das Geld aus dem Ablasshandel auf einer Großbaustelle zum Petersdom verbaut wurde. Entsetzt über den Prunk und Sittenverfall nannte er Rom später die "Hure Babylon".
Damals hinterließ Luthers Aufenthalt in Rom keine Spuren. Erst 2015 wurde der nach ihm benannte Platz auf dem zentralen Colle-Oppio-Huegel gegenüber vom Kolosseum eingeweiht.

Lutherstube im Lutherhaus in Wittenberg

Foto: epd-bild/Hanno Gutmann/Stiftung Luthergedenkstädten

Im September 1511 zog Luther nach Wittenberg, wo er promoviert wurde und den Lehrstuhl der "Lectura in Biblia" (Bibelauslegung) an der Wittenberger Universität übernahm. Bei der genauen Lektüre des Römerbriefes kam Luther zu seiner zentralen reformatorischen Erkenntnis: "Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche aus dem Glauben kommt und zum Glauben führt; wie geschrieben steht: Der Gerechte wird aus dem Glauben leben." Luthers Gottesbild hatte sich vollkommen verändert: Mit Liebe, nicht mit Strafe, begegnet Gott den Menschen. Um ihm zu gefallen, muss der Mensch nichts tun – also auch keine Ablassbriefe kaufen.
Seine Kritik am Ablasshandel veröffentlichte Luther im Jahr 1517. Der Überlieferung nach soll er sie in Form der berühmten 95 Thesen am 31. Oktober an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geheftet haben. Dieses Datum markiert den Anfang der Reformation.
1525 heiratete Martin Luther die geflohene Nonne Katharina von Bora, mit der er das ehemalige Augustinerkloster der Stadt bewohnte. In dem Kloster ist heute das Lutherhaus untergebracht, das größte reformationsgeschichtliche Museum der Welt. Die Lutherstube zeigt das Arbeitszimmer des Reformators.

Luthereiche in Heidelberg

Foto: epd-bild/Mathias Ernert

In Heidelberg hatte Martin Luther ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung seiner 95 Thesen erstmals Gelegenheit, mit Akademikern über seine Theologie zu diskutieren. In der "Heidelberger Disputation" am 26. April 1518 verteidigte er den Grundgedanken der später so genannten Rechtfertigungslehre: Allein durch Gnade wird der Mensch gerecht vor Gott - nicht durch eigene Leistungen. Unter den Zuhörern saßen mehrere junge Männer, die später die Reformation im Südwesten vorantrieben: Martin Bucer (Straßburg), Johannes Brenz (Schwäbisch Hall/Stuttgart), Martin Frecht (Ulm) und Theobald Billican (Nördlingen).
Durch Entscheidungen der Fürsten wurde Heidelberg zum Zentrum des reformierten Glaubens. 1563 wurde hier der Heidelberger Katechismus verabschiedet, der den Ideen von Johannes Calvin folgt. Trotzdem würdigte die Stadt Martin Luther zu dessen 400. Geburtstag und pflanzte 1883 die Luthereiche neben die Peterskirche.

Evangelische Kirche St. Anna in Augsburg

Foto: epd-bild/Annette Zoepf

Im Oktober 1518 wurde Martin Luther von der römischen Kurie zu Gesprächen nach Augsburg bestellt, weil ihm Häresie vorgeworfen wurde. Vor dem päpstlichen Legaten Thomas Cajetan sollte Luther zu seinen 95 Thesen Rede und Antwort stehen. Während der Verhöre wohnte Luther im Karmeliterkloster, das der Kirche St. Anna angeschlossen war. Vor Cajetan vertrat der Reformator unbeirrt seinen Standpunkt und fühlte sich zunehmend in Gefahr, als "Ketzer" verfolgt zu werden. Um einer Festnahme zu entgehen, floh Luther nachts aus der Stadt.
Nach einem weiteren ergebnislosen Verhör vor Cajetan erließ der Papst am 15. Juni 1520 eine Bannbulle, in der er – teilweise falsch wiedergegebene – Sätze Luthers verdammte. Sollte Luther nicht binnen 60 Tagen widerrufen, drohte ihm der Ausschluss aus der Kirche.

Gedenkplatte in Worms

Foto: epd-bild/Thomas Lohnes

Luther blieb bei seinen theologischen Aussagen und wurde am 3. Januar 1521 exkommuniziert. Allerdings unterstützten ihn einige deutsche Fürsten und verschafften ihm die Gelegenheit einer letzten Verteidigungsrede am 17. April 1521 vor Kaiser Karl V. und dem Wormser Reichstag. Die berühmten Worte "Hier stehe ich und kann nicht anders" fielen zwar nicht wörtlich, aber sinngemäß: Luther widerrief seine Lehre nicht. Mit dem Wormser Edikt verbot Karl V. daraufhin nicht nur die Schriften Luthers, er untersagte auch dessen Unterstützung und erklärte ihn für vogelfrei. Kurfürst Friedrich der Weise ließ den heimkehrenden Luther "entführen" und auf die Wartburg bringen, wo er bis März 1522 inkognito als "Junker Jörg" lebte.

Wartburg in Eisenach

Foto: epd-bild/Jens-Ulrich Koch

Auf der Wartburg machte die Luther an die Übersetzung des Neuen Testamentes aus dem Griechischen ins Deutsche. Die Leistung, die er innerhalb von nur elf Wochen erbrachte, kann kaum überschätzt werden: Luther schuf nicht nur eine Bibelübersetzung, die das einfache Volk verstehen und memorieren konnte, sondern schrieb durch Versmarkierungen, Wortwahl und Sprachneuschöpfungen seine reformatorische Überzeugung in die deutsche Bibel ein. Luthers stilistisch ausgefeilte und rhythmisch durchdachte Sprache wurde zu einer wichtigen Grundlage für das Hochdeutsche. Die erste Auflage des Neuen Testamentes erschien im September 1522.

Gemälde in Marburg

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Das Wandgemälde (von Peter Janssen, um 1890) in der Aula der Alten Universität zeigt eine Szene von Oktober 1529. Landgraf Philipp von Hessen, Gründer der ersten evangelischen Universität der Welt, hatte die Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon aus Wittenberg, Huldrych Zwingli aus Zürich, Martin Bucer aus Straßburg, Justus Jonas aus Sachsen und weitere zum Religionsgespräch nach Marburg eingeladen. Philipps Anliegen war, dass Luther und Zwingli ihren Streit über das Abendmahl beilegten: Für Luther war Christus in Brot und Wein real gegenwärtig, für Zwingli hatten die Elemente symbolische Bedeutung. Doch es gab keine Einigung. Die unterschiedliche Abendmahlsauffassung trennte Lutheraner und Reformierte in Europa bis 1973.

Lutherzimmer in der Veste Coburg

Foto: epd-bild/Lutz Naumann/Kunstsammlungen der Veste Coburg

Auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 wollten die Anhänger der lutherischen Reformation ihren Glauben rechtlich anerkennen lassen. Philipp Melanchthon hatte dafür die "Confessio Augustana" verfasst, ein grundlegendes evangelisches Glaubensbekenntnis, auf das bis heute weltweit evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer ordiniert werden. Kaiser Karl V. duldete die Confessio Augustana.
Luther konnte nicht am Reichstag teilnehmen, weil er immer noch "vogelfrei" war und den Schutzbereich seines sächsischen Kurfürsten nicht verlassen durfte. Er hielt sich, beschützt von Wächtern und Türmern, ein halbes Jahr lang in der Veste Coburg auf und nahm von hier aus Einfluss auf die Verhandlungen.

Schlosskapelle auf Schloss Hartenfels in Torgau

Foto: epd-bild/Sebastian Willnow

Auf Schloss Hartenfels in Torgau residierten die ernestinischen Kurfürsten Friedrich der Weise (1463-1525) und dessen Sohn Johann der Beständige (1468-1532), die die Reformation politisch unterstützten. Hier wurden Beratungen geführt und Bündnisse geschmiedet, um den neuen Glauben auch militärisch zu verteidigen. Luther war oft in Torgau. Sein theologisch interessantester Besuch war der zur Einsegnung der Kapelle in Schloss Hartenfels, die als weltweit erster evangelischer Kirchenneubau gilt. 1544 hielt Luther hier eine programmatische Predigt, in der er das evangelische Gottesdienstverständnis erläuterte: Im Mittelpunkt steht nicht ein Ritus, sondern Gottes Wort und die Antwort der Gläubigen.
Zusammen mit dem "Urkantor" der evangelischen Kirche, Johann Walter (1496-1570), entwickelte Luther außerdem eine Gottesdienstordnung in der Stadtkirche St. Marien. In dieser Kirche liegt Luthers Ehefrau Katharina begraben, die 1552 vor der Pest in Wittenberg geflohen war und sich von einem Sturz während der Reise nicht mehr erholte.

Die klare Rollenverteilung sei auch geschehen aus Erinnerung daran, wie zuvor Reformationsjubiläen von Staaten vereinnahmt worden seien, sagte Huber. Die 2017 praktizierte "enge Kooperation mit klarer Unterscheidung der Rollen" habe dem Verhältnis von Staat und Kirche insgesamt gut getan.

Die evangelische Kirche hatte 2017 das 500. Reformationsjubiläum gefeiert. Am 31. Oktober 2017 jährte sich der überlieferte Thesenanschlag von Reformator Martin Luther zum 500. Mal. Luthers Kritik an der damaligen römischen Kirche war Anlass für tiefgreifende Veränderungen in Kirche und Gesellschaft und Auslöser der Spaltung in evangelische und katholische Kirche.

Zur Erinnerung an das Jubiläum hat die Evangelische Verlagsanstalt den Band "Reformationsjubiläum 2017 - Rückblicke" herausgegeben, der am Mittwochabend bei einer Festveranstaltung in Leipzig vorgestellt wurde. Er erinnert mit vielen Bildern an die zahlreichen Veranstaltungen.

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