Katholische Kirche kündigt Aufarbeitung des Missbrauchskandals an

Der Missbrauchsbeauftragte Ackermann will "die Mitbrüder beim Wort nehmen".

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Kardinal Reinhard Marx (l), Erzbischof von München und Freising und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und Stephan Ackermann bei der Vorstellung der Missbrauchsstudie..

Sieben konkrete Punkte sollen die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle ermöglichen. Der Missbrauchsbeauftragte Ackermann will "die Mitbrüder beim Wort nehmen". Die Opfer-Vereinigung "Eckiger Tisch" reagierte unterdessen "fassungslos".

Die katholische Kirche will den Missbrauchsskandal umfassend aufarbeiten. "Es darf keine Tabuthemen geben", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zum Abschluss der viertägigen Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe am Donnerstag in Fulda. Am Dienstag hatte die Bischofskonferenz eine Studie zum tausendfachen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen von 1946 bis 2014 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Kardinal Marx sagte, die Studie belege ein institutionelles Versagen der Kirche. Aber "ohne Betroffene und Fachleute werden wir nicht vorankommen", betonte der Münchner Erzbischof. Die katholische Kirche brauche eine unabhängige Aufklärung, das habe die Studie gezeigt.

Kardinal Marx bekräftigt institutionelles Versagen der Kirche

Die katholischen Bischöfe unterstützen den weiteren Weg zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Zum Abschluss der Herbstvollversammlung kündigten sie an, sie wollten "mehr als bisher" die Begegnung mit den Betroffenen suchen und eine zentrale Anlaufstelle für Fragen des sexuellen Missbrauchs schaffen. Auch das Verfahren zur Anerkennung von Missbrauch und die Höhe der Entschädigungen sollen laut einer Erklärung der Bischöfe "fortentwickelt" werden.

Ferner votierten die Bischöfe für ein bundesweites Monitoring über Intervention und Prävention in den Diözesen. Einen Gesprächsprozess streben sie zum Zölibat und der katholischen Sexualmoral an. Auch die Themen Zölibat und Sexualmoral "sollten wir nicht mehr unter uns beraten", sagte Kardinal Marx. Das gehe nur in einer "offenen Gesprächsrunde" mit Fachleuten und "dem Volk Gottes". Zudem seien Kontrolle und Machtfragen ein "neues Thema, das wir aufgreifen müssen". Dies sei jedoch ein längerfristiger Weg.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Stephan Ackermann versprach, die Bischofskonferenz werden künftig kontinuierlich über den Fortschritt bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals berichten. Er werde "nicht locker lassen", damit die in der Erklärung genannten Punkte angegangen würden. Ein vereinbartes Monitoring als beständige Qualitätsprüfung von Intervention und Prävention sei für die Diözesen verbindlich. "Da werde ich die Mitbrüder beim Wort nehmen", sagte er. Schlössen sich einzelne Bistümer nicht an, "dann ist das auch sichtbar".

Marx unterstrich, er habe "wirklich den Eindruck", die Bischöfe seien mit "großer Ernsthaftigkeit und persönlicher Betroffenheit" das Ergebnis der Studie durchgegangen, die von wissenschaftlichen Instituten in Mannheim, Heidelberg und Gießen erstellt wurde. Die Empfehlungen und Schlussfolgerungen der Studie seien Grundlage für die weitere Aufarbeitung.

Die Opfer-Vereinigung "Eckiger Tisch" zeigte sich von den Beschlüssen enttäuscht. "Wir haben zwar nicht erwartet, dass die katholischen Bischöfe in den Fragen der Aufarbeitung und Entschädigung jetzt zu schnellen Ergebnissen kommen", sagte ihr Sprecher Matthias Katsch. "Aber diese dürftigen Ankündigungen lassen uns fassungslos zurück."

Über vier Jahre hatten die Wissenschaftler Tausende Personal- und Handakten aus den Archiven der Diözesen untersuchen lassen. Danach erfassten sie zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3.677 Opfer sexuellen Missbrauchs. 1.670 Kleriker sind der Taten beschuldigt. Die Dunkelziffer schätzten sie jedoch wesentlich höher.

Zudem attestierten die Autoren der katholischen Kirche "spezifische Strukturmerkmale", die den Missbrauch begünstigten. Ein "komplexes Zusammenspiel" von sexueller Unreife und verleugneter homosexueller Neigung in einer teils offen homophoben Umgebung könne zudem Erklärung dafür sein, dass überwiegend Jungen missbraucht wurden.