Die Frau am Flügel

Sefora Nelson singt tiefgründige Lieder in Gemeinden und Gefängnissen
Bei der christlichen Sängerin Sefora Nelson sind Glaube und Musik unzertrennlich.

Foto: Manuel Höfer

Bei der christlichen Sängerin Sefora Nelson sind Glaube und Musik unzertrennlich.

Sie ist ein Sprachtalent, Songwriterin und Theologin: Die bekannte christliche Sängerin will aber vor allem eines: Mit ihren selbst geschriebenen Liedern ihr Publikum ermutigen und Hoffnung geben.

Schwarze, lange Haare, weißer Hut und weißer Rock mit Schleppe: Sefora Nelson beginnt ihr Konzert in einer vollbesetzten Kirche mit ihrem wohl bekanntesten Lied: "Lege deine Sorgen nieder", das auf YouTube bereits mehr als eine Million Mal aufgerufen wurde. Es ermutigt das Publikum alle Sorgen, Ängste und Zweifel in Gottes Hände zu legen.

Die Sängerin und Songwriterin aus Backnang (Rems-Murr-Kreis) lässt sich in keine Schablone pressen: Mal singt sie ein Lied auf italienisch, dann steht sie wieder mit einer Ukulele am Rand der Bühne und klampft damit ein Kinderlied. Oder sie interpretiert "Amazing Grace" mit einer völlig neuen Melodie und einer Stimme, die sich auch schnell mal in ungeahnte Höhen schwingt.

Das Publikum lacht, wenn Nelson, die eine der bekanntesten christlichen Sängerinnen Deutschlands ist, auf breitem Schwäbisch aus ihrem Alltag erzählt, von ihrem Sohn, der sich in der Schule als Kuh verkleiden sollte. Oder ihren Eltern, die sich beim Schuhkauf nie einig werden konnten, weil die italienische Mutter schöne und der deutsche Vater praktische Schuhe für seine Kinder wollte.

Als zweites von sieben Kindern wächst sie in Pfalzgrafenweiler (Landkreis Freudenstadt) in einer musikalischen Familie auf. In der Schule entdeckt ihre Lehrerin ihr Talent und vermittelt Kontakte, die ihr Gesangsunterricht an der Stuttgarter Oper und dem Staatstheater Karlsruhe ermöglichen.

Nach dem Abitur studiert sie Gesang und Theologie in Chicago am Moody Bible College und später in Straßburg. Für sie eine ideale Kombination: "Bei mir sind Glaube und Musik unzertrennlich. Deshalb will ich auch in meinen Konzerten etwas von meinem Herzen, Leben und Glauben weitergeben."

Sefora Nelson privat

Die Zeit in Chicago ist prägend für sie. Nicht nur, weil sie dort ihren späteren Mann Keith kennenlernt, sondern weil sie in der amerikanischen Metropole mit den ganzen Abgründen menschlichen Lebens konfrontiert wird. Immer wieder besucht sie mit einem Team Obdachlose unter Brücken und bringt ihnen Essen; in einem Frauengefängnis musiziert sie mit den Insassinnen, die teils wunderbare Stimmen besitzen.

Szenenwechsel: Sefora Nelson privat. Eine Espressokanne steht auf dem Herd, die Sängerin bereitet einen echten italienischen "Kaffee Lungo" zu.  Auf ihrem Esszimmertisch steht eine Vase mit 13 Gladiolen. "Gestern haben wir unseren 13. Hochzeitstag gefeiert", verrät die 39-Jährige.

Die gemeinsamen Jahre mit ihrem Mann, der Psychologe und Theologe ist, und aus Trinidad stammt sowie ihre beiden Kinder bezeichnet sie als Glück. Es ist kein Zufall, dass ihr Album mit dem Titel "Glück" in orange gehalten ist - "die Farbe der Karibik und der kindlichen Freude".

Doch wenige Zeit nach der Aufnahme ihres "Glück-Albums" erlebt Nelson eine schwierige Zeit, erzählt sie: Im Sommer 2016 musste sie nach rund sechs Jahren als hauptberufliche Sängerin und etwa 500 Auftritten wegen gesundheitlichen Problemen mit ihren Stimmbändern alle geplanten Konzerte absagen. "Ich weinte und trauerte, die Hälfte meines Lebens war auf einmal weggefallen".

In dieser Zeit des Schweigens entdeckt sie den Psalm 23 aus der Bibel ganz neu für sich, spürt, wie es sich anfühlt, im "finstern Tal" zu sein. "Wir können viel reden über Gott und die Welt, aber wenn es uns schlechtgeht, lernen wir beten".

Nach einem Sabbatjahr, in dem sie eine neue Rede- und Singtechnik erlernen musste, nimmt sie als ersten vorsichtigen Gehversuch ihre aktuelle CD "näher, noch näher" auf - ein Album mit alten, geistlichen Hymnen, die für sie zu "den Wurzeln des Glaubens führen". Heute ist ihre Stimme besser als zuvor - für Sefora Nelson ein Gottesgeschenk.

In einem Tagebuch hält die Musikerin regelmäßig ihre Gedanken und Ideen fest, die dann wieder in Bücher und Lieder einfließen. "Das ist wie Goldstaub, den ich sammle". Durch die Spenden ihres Publikums, die ihr die Technik und Transport finanzieren, ist es ihr auch immer wieder möglich, Benefizkonzerte an besonderen Orten wie in Hospizen oder Suchtkliniken zu geben - oder an Orten im Osten und Nordosten Deutschlands, wo es teilweise winzige Kirchengemeinden gibt, die sich ein Konzert selbst nicht leisten könnten.

Im Dezember sind unter anderem zwei Konzerte an völlig unterschiedlichen Orten geplant: Im Stuttgarter Rotlichtviertel und im Europäischen Parlament in Brüssel. Dort wird die schwäbische Kosmopolitin beim Europäischen Gebetsfrühstück ihre Sprachbegabung intensiv nutzen und auf Englisch, Französisch und Deutsch Lieder singen. "Da wird mir anschließend sicher der Schädel rauchen", lacht sie.  

Manchmal wird sie von ihren Zuhörern gefragt, warum sie nicht auch mal "happy clappy"-Musik macht - Songs, die das Potenzial haben, in die Charts zu kommen. Doch das sieht sie nicht als ihre Aufgabe an. Sie will mit ihren selbst geschriebenen Liedern Menschen ermutigen. "Es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn ich in Kirchen, aber auch an Orten wie Gefängnissen und Hospizen singe und den Menschen Hoffnung geben kann für das Leben hier - und auch nach dem Tod."