Ethikratsvorsitzender hält Widerspruchslösung für "Organabgabepflicht"

Kühlboxen für Spenderorgane stehen im OP für die Spenderorgane auf einem OP-Wagen bereit.

Foto: epd-bild / Annette Zoepf

In einem Operationssaal des Zentralklinikums Augsburg wird eine Spenderorganentnahme an einem hirntoten Menschen durchgeführt. Der Sozialethiker Peter Dabrock hat das Plädoyer für eine Widerspruchslösung bei der Organspende scharf kritisiert.

Der Sozialethiker Peter Dabrock hat das Plädoyer von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) für eine Widerspruchslösung bei der Organspende scharf kritisiert.

Solch eine Regelung würde einen "fundamentalen Paradigmenwechsel" darstellen, sagte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. Die bisherige Organspenderegelung habe den Charakter von Freiwilligkeit und wohltätiger Solidarität mit Schwerkranken. Mit der Regelung, bei der jeder Spender sein soll, solange er nicht widerspricht, müsste man von "Organabgabepflicht" statt von "Organspende" sprechen, sagte Dabrock. 

Spahn hatte der "Bild"-Zeitung (Montag) gesagt, dass nur mit der Widerspruchslösung die Organspende zum Normalfall werden könne. Jeder Deutsche würde damit automatisch ein Spender sein, sofern er oder seine Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen. In Deutschland gilt bislang die sogenannte Entscheidungslösung, so dass eine Entnahme nur möglich ist, wenn eine Zustimmung vorliegt.

Menschlicher Körper würde zu einem Objekt staatlicher Sozialpflichtigkeit

Die Widerspruchslösung, die in anderen europäischen Ländern gilt, wurde in der Vergangenheit immer wieder in die Diskussion gebracht als Möglichkeit, die Organspendezahlen zu erhöhen. Dabrock hält den Befürwortern entgegen: "Eine solche Regelung würde den menschlichen Körper zu einem Objekt staatlicher Sozialpflichtigkeit machen." In diesem allerhöchst persönlichen Bereich eine Aussagepflicht zu verlangen, widerspreche dem Geist, mit dem Gesetzgeber und Gerichte bisher die Verfassung ausgelegt hätten. "Es wird als ein großer Fortschritt gefeiert, dass die Datenschutzgrundverordnung die ausdrückliche Zustimmung bei jeder Datenweitergabe fordert. Und nun wird debattiert, dass bei der Verwendung des eigenen Körpers über den Tod hinaus der Widerspruch leitend sein soll", sagte der Erlanger Theologieprofessor.

Dabrock begrüßte die in der vergangenen Woche vorgestellten Gesetzespläne Spahns zur besseren Vergütung der Organspende. Man müsse erst abwarten, ob diese Maßnahmen greifen, sagte der Vorsitzende des Ethikrates, der nach eigenen Worten selbst einen Organspendeausweis hat.

Auch Katholiken lehnen Widerspruchslösung ab

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, warnte vor der Widerspruchslösung. Sie würde das Vertrauen in das Transplantationssystem weiter schwächen.

Die katholische Kirche äußerte sich ebenfalls ablehnend. Wie die Deutsche Bischofskonferenz am Montag in Bonn mitteilte, hat sie erhebliche ethische Bedenken gegen die Widerspruchslösung. Außerdem zeige sich in anderen Ländern, dass allein die Umstellung auf die Widerspruchslösung nicht zu mehr Organtransplantationen führe. Auch beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) stieß Spahns Vorschlag auf Kritik.

EKD: Keine christliche Verpflichtung zur Organspende

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) erklärte, die Kirchen wollten auch weiterhin die Bereitschaft zur Organspende wecken und stärken. Eine christliche Verpflichtung zur Organspende gebe es jedoch nicht. Auch die Ablehnung einer Spende sei zu respektieren.

SPD-Vize-Fraktionschef Karl Lauterbach begrüßte dagegen Spahns Initiative. "Ich bin ein klarer Befürworter der Widerspruchslösung", sagte Lauterbach der in Düsseldorf erscheinenden "Rheinischen Post" (Dienstag). Es sei eine Schande, dass zurzeit so viele Menschen unnötig litten, weil keine Organe für sie vorhanden seien. Die niedrige Zahl von Organspendern in Deutschland nannte der SPD-Politiker eine "medizinische Tragödie".

Vorbild Spanien

Zustimmung kam auch von Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD). Er warb im Gespräch mit dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland (Dienstag) für einen Systemwechsel. Oppermann sieht Spanien, in dem die Widerspruchslösung gilt, als Vorbild: "Es werden dort wesentlich mehr dringend benötigte Organe gespendet und transplantiert als in Deutschland."

Spahn sagte, er wolle keinen Gesetzentwurf zur Widerspruchslösung in den Bundestag einbringen. "Diese Diskussion sollten wir im Bundestag führen. Dort gehört das Thema hin", sagte Spahn der "Bild". Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Montag in Berlin, es sei wichtig, diese Frage im Parlament zu diskutieren. Dann werde sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dazu positionieren.

In den europäischen Ländern ist die Widerspruchslösung weit verbreitet. In einem Teil dieser Staaten können sich allerdings Hinterbliebene gegen eine Organentnahme aussprechen.