"Menschen aus anderen Kulturen als Teil unserer Kirche verstehen"

Pfarrer und Seelsorger haben mehr und mehr mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu tun.

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Pfarrer und Seelsorger haben mehr und mehr mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu tun.

Pfarrer und Seelsorger haben mehr und mehr mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu tun. Viele fühlen sich damit alleingelassen. Die Hamburger Pastorin Christina Kayales bietet Fortbildungen in kultursensibler Lebensbegleitung an.

Frau Kayales, Sie geben Fortbildungen in "kultursensibler Lebensbegleitung". Was verstehen Sie darunter?

Christina Kayales: Ich verstehe darunter eine Form der Seelsorge, die einfühlsam die kulturellen Prägungen in die Begleitung einbezieht. Das Risiko von Missverständnissen sinkt, je mehr man die kulturellen Prägungen des Seelsorgers und des Gegenübers mitbedenkt. Es geht um Körperhaltung, Gestik, Mimik, Umgangsformen, Werte und die Reflexion darüber, wie man darauf reagiert.

Wie kann man sich das in der Praxis vorstellen?

Christina Kayales: In jedem von uns stecken kulturelle Prägungen. Wir erlernen sie in der Familie und unseren sozialen Gruppen. Bei meinen Fortbildungen versuche ich, die Teilnehmer dafür zu sensibilisieren. Ich stehe zum Beispiel während des Unterrichts mitten im Satz auf, stelle mich vor einen der Teilnehmer und strecke die Hand aus. Was macht der? Er steht ebenfalls auf und gibt mir die Hand. Sehen Sie, selbst in der irrsinnigsten Situation reagieren wir, wie wir es gelernt haben. Wir entscheiden uns nicht dazu, sondern wissen unwillkürlich: die ausgestreckte Hand ist bei uns ein Ritual der Begrüßung. Wenn ich die eigenen kulturellen Prägungen kenne, nehme ich die der anderen besser wahr. Der nächste Schritt ist, sich deutlich zu machen, welche Gefühle durch ein unvertrautes Verhalten ausgelöst werden.

Das klingt kompliziert.

Christina Kayales: Man muss üben, die eigenen Reaktionen neu anzuschauen. Im psychoanalytischen Jargon heißt es: die Analyse der Gegenübertragung lernen. Wenn ich merke, dass ich auf einmal verunsichert bin, muss ich mir angucken, wieso. Verhält sich mein Gegenüber in einer Weise, die überhaupt nicht zu meinen Werten passt – und bin ich deswegen irritiert? Spüre ich eine Unsicherheit des anderen? Je nachdem, was ich vermute, frage ich im ersten Fall nach, im zweiten sage ich eher etwas Beruhigendes. Ich muss unterscheiden lernen, was Werte und Kleidung, die Art, wie jemand geschminkt ist oder wie er riecht, bei mir auslösen – oder beim anderen.

Kennen Sie eine typische Situation, die zu Missverständnissen führt?

Christina Kayales: Bei uns im Krankenhaus in Hamburg-Harburg werden viele Roma und Sinti behandelt, die oft zahlreiche Familienangehörige mitbringen. Fürs Pflegepersonal ist es immer eine Herausforderung, zu vermitteln, dass nicht alle zusammen ins Krankenzimmer können. Diese Situation führt regelmäßig zu Konflikten, da es bei patriarchalisch geprägten Familien tabu ist, dem Familienoberhaupt vor anderen zu widersprechen. Wenn ich dazu gerufen werde, gucke ich mich nach dem Oberhaupt dieser Familie um und bitte den um Hilfe. Ich frage: Können Sie regeln, dass immer nur zwei ins Zimmer gehen? Ich löse das Problem, weil ich die vertrauten Regeln der anderen einbeziehe. Oder die philippinischen Seeleute, die bei uns behandelt werden, klagen bei mir, dass sie nichts zu essen bekämen. Wieso? Weil für sie eine Mahlzeit ohne Reis keine richtige Mahlzeit ist. Also bitte ich die Küche, zum Frühstück, Mittag und Abendbrot Reis zu servieren.

Ist es nicht anstrengend, allen kulturellen Besonderheiten gerecht werden zu wollen?

Christina Kayales: Das ist auf den ersten Blick richtig. Wenn nur moralische Forderungen an die Helfer erhoben werden nach dem Motto: "Sei geduldig, tolerant, offen", erzeugt das oft Frust. Man muss auch zeigen, wie es methodisch und praktisch geht. Denn es geht um Menschen, die sich in einer Krise befinden, die nicht belastbar sind. Zudem kommt die kultursensible Perspektive allen zugute. Einer älteren, deutschen Patientin vom Land ebenso wie einem Geschäftsmann aus Japan. Beiden ist unser Harburger Krankenhaus fremd, der alten Dame sind die technische Ausstattung oder die vielen Nationen der Patienten wahrscheinlich fremder als dem weitgereisten Businessmann. Eine kultursensible Sichtweise versucht wahrzunehmen, was die kulturelle Prägung des jeweiligen Patienten ist, welche Wertesysteme er hat. Ich benutze gern den Begriff Vertrautheiten. Was sind die Vertrautheiten für eine Person, was sind die Dos and Don'ts?

Welche Schwierigkeiten begegnen Ihnen im Alltag?

Christina Kayales: Wir haben oft mit Menschen zu tun, die kein Deutsch verstehen. Dann sind Übersetzer nötig oder man muss sehr einfache Sätze machen. Beides kostet Zeit, was eine Mangelwaren nicht nur in Krankenhäusern ist. Viele wissen zudem nicht, was eine Pastorin macht und dass es hilfreich sein kann, über Probleme zu reden. Je unvertrauter unser christliches System ist, desto mehr muss ich mit leichten Worten erklären, warum ich da bin. Es gibt auch den umgekehrten Fall: Manche Seelsorgerin ist es nicht gewöhnt, wenn eine afrikanische Patientin sie überschwänglich begrüßt und mit ihr erstmal lange beten möchte.

In welchen Situationen kommen Helfer an ihre Grenzen?

Christina Kayales: Jeder Mensch kommt an Grenzen. Eine Seelsorgerin, die selbst an Krebs erkrankt ist, erlebt ihre Grenzen vielleicht auf der onkologischen Station, wenn die eigene Krankheitsgeschichte sich mit der des Patienten vermischt. Ein nordfriesischer Pastor womöglich bei einem Trauerfall, bei dem griechische Klageweiber am Bett sitzen, wenn er bislang nur ein Sterben erlebt hat, bei dem es still vor sich geht. In meiner Arbeit waren es nie kulturelle Fremdheiten, die mich an meine Grenzen gebracht haben, sondern menschliche Kaltschnäuzigkeit.

Steigt der Bedarf nach kultursensibler Weiterbildung?

Christina Kayales: In der Pflege ist der Bereich Kultursensibilität mittlerweile Teil der Ausbildung. In der Medizin wird die Nachfrage größer. Ich wünsche mir, dass es auch in der Theologie mehr ankommt. Es gibt ein paar Landeskirchen, die sich interkulturell öffnen, ebenso Pastoren, besonders die, die ein Umfeld mit vielen Kulturen haben. Als Theologin halte ich es für notwendig, dass wir Menschen aus anderen Kulturen als Teil von Gottes Schöpfung und Teil unserer Kirche verstehen und uns in Notlagen um sie kümmern. Sie einzubeziehen ist kein Extra kirchlicher Arbeit, sondern bildet die Basis unserer Kirche. Zu Pfingsten feiern wir, dass sich Menschen unterschiedlicher Kulturen verstanden haben. Eine Kirche, in der es nur eine Sprache und eine Tradition gibt, widerspricht ihren Anfängen.

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