Soziologin: Wir verzeihen Freunden mehr als dem Partner

Zwei Menschen mit versöhnendem Blickkontakt am Tisch

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"Wir verzeihen unseren Freunden ganz schön viel, mehr als dem Partner", sagt Beziehungsforscherin Julia Hahmann.

Freundschaften scheitern an Lügen, Illoyalität und Affären. Sie sind wichtig, wenn man jung ist, und werden seltener, wenn man alt wird. Aber wenn sie abrupt abbrechen, ist das wie Liebeskummer, sagt Beziehungsforscherin Julia Hahmann.

Freundschaften sind nach Ansicht der Soziologin und Beziehungsforscherin Julia Hahmann sehr stabile und widerstandsfähige Beziehungsformen. "Wir verzeihen unseren Freunden ganz schön viel, mehr als dem Partner", sagte die Professorin für Transkulturalität und Gender der Universität Vechta dem Evangelischen Pressedienst (epd) anlässlich des Internationalen Tags der Freundschaft am 30. Juli. Hahmann forscht unter anderem über soziale Beziehungen, Freundschaft im Alter und Familiensoziologie.

Freundschaften gingen vor allem dann in die Brüche, wenn jemand lüge oder sich illoyal verhalte und etwa mit dem Partner des Freundes oder der Freundin eine Affäre beginne, sagte die Soziologin. Zu einem kompletten Kontaktabbruch komme es aber höchst selten: "Die meisten Freundschaften lassen wir eher so auslaufen." Ende eine Freundschaft jedoch radikal, sei dies vergleichbar mit Liebeskummer. "Gerade weil Freundschaften oft schon lange bestehen, ist das total dramatisch."

Wichtig sei, zwischen angenehmen und "dysfunktionalen" Beziehungen zu unterschieden, betonte Hahmann. So könnten Freunde, die einen ausnutzen oder zu viel von der Freundschaft verlangen, sehr belastend sein: "Manchmal ist es leichter, isoliert zu sein, als eine dysfunktionale Freundschaft zu haben."

Im Laufe des Lebens wechselten Freundschaften mehrmals ihre Bedeutung, erläuterte die Wissenschaftlerin. Während Kleinkinder Freunde als Gegenpart zum eigenen Ich erlebten und so Empathie erlernten, präge der Freundeskreis bei Jugendlichen Werte und Identität. In der Ausbildung oder im Studium hätten Freunde dann oft einen deutlich höheren Stellenwert als der Partner oder die Herkunftsfamilie: "Von zu Hause ausziehen, sich ausprobieren - das ist eine wilde Zeit, wo viel passiert und Freundschaften extrem wichtig sind."

Das ändere sich schlagartig, sobald Menschen anfingen ihr Nest zu bauen: "Vor allem mit der Geburt des zweiten Kindes werden Freunde weniger relevant", sagte Hahmann. Zwar träfen sich auch Menschen mit Kindern mit Freunden. "Aber die Zeit ist viel knapper." Erst mit dem Auszug der Kinder oder dem Eintritt in die Rente pflegten viele wieder enge Freundschaften, etwa um gemeinsam in den Urlaub zu fahren. "Es gibt aber auch Menschen, die dann keine Freundschaften mehr übrig haben."