Respekt im Streit um die Wahrheit

Das Fundament für wirkliche Gemeinsamkeit unter Menschen und Völkern
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Foto: Getty Images/iStockphoto/DigtialStorm

Der Reformationstag ist auch in Sachsen-Anhalt ein staatlicher Feiertag. Ministerpräsident Reiner Haseloff zeigt, warum das zu Recht so ist und wie die Reformation eine Traditionslinie für ganz Europa ist.

Feiertage stellen zunächst die eindringliche Frage: Woran erinnern wir uns? Diese Frage ist von Bedeutung, weil gemeinsame Erinnerung Zusammengehörigkeit schafft. Es geht also im Kern immer um die entscheidenden Grundlagen eines Gemeinwesens und darum, wie sie gefunden werden. Oft sprechen wir an dieser Stelle von den Werten. Wir reden also über Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Es handelt sich aber auch immer um die Wahrheit.

"Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther über die folgenden Sätze disputiert werden." So beginnt der Thesenaushang, den der Augustiner vor nun über 500 Jahren an die Tür der Schlosskirche anschlug. Das beeindruckt bis heute.
Nur die Wahrheit ist ein tragfähiges Fundament für wirkliche Gemeinsamkeit unter Menschen und Völkern – das gilt eben nicht nur in Glaubenssachen. Der Reformationstag soll von der Notwendigkeit dieser permanenten Wahrheitssuche unter den Menschen ein Bewusstsein wachhalten. Nur die Wahrheit kann den Ankerpunkt für jede Form der Kommunikation bilden, Wissenschaft und auch guter Journalismus sind der Wahrheit verpflichtet.

Darum war es Martin Luther so wichtig, mit seiner Bibelübersetzung für möglichst viele Menschen ein Tor zu den Grundlagen des christlichen Glaubens zu öffnen. Fast nebenbei leistete er dabei einen entscheidenden Beitrag zur Ausformung des Deutschen als Nationalsprache. Die Sprache ist Instrument und Trägerin jeder Kultur. Luthers Schriftsprache wurde Wegbereiterin für eine Höhe der Literatur und der Philosophie, die den Deutschen den Ehrennamen eines "Volkes der Dichter und Denker" einbrachte. Auch daran können wir uns am Reformationstag erinnern, denn die Reformation brachte auch eine entscheidende Hinwendung zur Bildung.

Es geht um unsere Identität als Menschen und als Gemeinschaft

Es ist aber gleichgültig, aus welcher Richtung man sich dem Thema Reformation nähert. Immer wird deutlich, dass sie eine der herausragenden Bewegungen unserer Glaubens- und Geistesgeschichte ist, die im 16. Jahrhundert rasend schnell unseren ganzen Kontinent ergriffen und verändert hat. Sie ist also keinesfalls ein deutsches, sondern ganz und gar auch ein europäisches Phänomen. Sie gehört zweifellos zu den Traditionslinien, auf die sich alle berufen können, die nach dem suchen, was die Völker Europas verbindet.

Auch wenn man hier einwenden muss, dass es ebenfalls der Glaubensstreit gewesen ist, der in den Dreißigjährigen Krieg einmündete, bleibt doch selbst dann richtig: Sein Ende mit dem Westfälischen Frieden hat einen großen Schritt in Richtung Religionsfreiheit erbracht.

Heute ist uns die Religionsfreiheit ein Garant dafür, dass der Streit um die Wahrheit immer im Respekt voreinander geführt werden muss. Auch daran kann uns dieser im vergangenen Jahr erstmals bundesweit gefeierte Gedenktag, der sich augenblicklich über die neuen Bundesländer hinaus ausbreitet, nachdrücklich erinnern.

Es geht um unsere Identität als Menschen, als Gemeinschaft und auch als Volk, das "als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt dienen" will, wie es in der Präambel unseres Grundgesetzes heißt. Nicht zuletzt dieser Gedanke lässt deutlich werden, warum der Reformationstag völlig zu Recht ein staatlicher Feiertag auch in Sachsen-Anhalt ist.