TV-Tipp: "Tatort: Kaputt"

Altmodischer Fernseher steht auf Tisch.

Foto: Getty Images/iStockphoto/vicnt

TV-Tipp: "Tatort: Kaputt"
10.6., ARD, 20.15 Uhr
Zum Glück zeigt Regisseurin Christine Hartmann die Bilder erst gegen Ende; um 20.15 Uhr wären die Aufnahmen von der brutalen Ermordung eines Polizisten ein Fall für den Jugendschutz gewesen. Es gibt allerdings auch dramaturgische Gründe für die späte Aufklärung des abscheulichen Verbrechens, das sich aus scheinbar heiterem Himmel ereignet hat...

Ein Nachbar hat sich über nächtliche Ruhestörung in einem gediegenen Kölner Wohnviertel beschwert; offenbar treiben drei Jugendliche ihr Unwesen in einem leerstehenden Haus. Derartige Routineeinsätze werden in der Regel von einer Streife übernommen, die ohnehin in der Nähe ist. Aus unerfindlichen ist die Sache jedoch eskaliert: Eine Polizistin ist niedergeschlagen worden, ihr Kollege zu Tode geprügelt. Kurz drauf wird ein junger Mann, offenbar einer der Täter, bei seiner Rückkehr an den Tatort erschossen; möglicherweise ein Racheakt. Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär) machen sich entsprechend unbeliebt, als sie unter den Kollegen des toten Polizisten nach einem Beamten suchen, der möglicherweise Selbstjustiz betrieben hat. Kurz drauf stirbt ein weiterer der drei Jugendlichen, und nun beginnt ein Wettlauf zwischen Kommissaren und dem selbsternannten Rächer.

Die Geschichte fällt aus gleich mehreren Gründen aus dem üblichen Rahmen des Sonntagskrimis. Es ist ohnehin immer etwas Besonderes, wenn Kommissare in den eigenen Reihen ermitteln. Die Polizei mag zwar, wie Schenk zwischendurch feststellt, eine große Familie sein, aber Ballauf erwidert, diese Familie sei genauso kaputt wie alle anderen. Clever ist auch die Idee, schon den ersten Mord als Racheakt zu inszenieren, denn die Kommissare finden raus, dass sich Täter und Opfer kannten: Zwei Jahre zuvor hatten die Eltern des jungen Mannes im Rahmen eines Polizeieinsatzes einen schweren Unfall; der Vater ist gestorben, die Mutter sitzt seither im Rollstuhl. Den Sohn hat das damals völlig aus der Bahn geworfen.

Die personelle Konstellation ist also schon mal faszinierend, zumal Ballauf und Schenk immer wieder mit dem Vorgesetzten (Götz Schubert) des Opfers aneinandergeraten. Und dann ist da noch die junge Kollegin: Melanie Sommer (Anna Brüggemann) steht zwar unter schwerem Schock, will aber so schnell wie möglich wieder arbeiten. Beiläufig lässt Hartmann, die auch am Drehbuch (Rainer Butt) beteiligt war, die besondere Situation von Streifenpolizistinnen einfließen: Die Männer geben gern den harten Burschen, weshalb die Beamtinnen erst recht unter dem Druck stehen, sich beweisen zu müssen. Das Opfer war zudem homosexuell. Auch diesen Aspekt macht sich der Film zunutze. Interessanter als die Ermittlungen gegen den Lebensgefährten (Max Simonischek), ebenfalls Polizist, sind allerdings die gleichfalls nur nebenbei eingestreuten homophoben Ressentiments; das sei bei schwulen Polizisten, wie es mal heißt, nicht anders als bei schwulen Fußballspielern.

Unter Durchschnitt der Sonntagskrimis

"Kaputt" hätte also ein richtig guter "Tatort" werden können. Dass der Film trotzdem unter dem Durchschnitt der Sonntagskrimis liegt, hat ebenfalls mehrere Gründe, und die haben alle mit der Regisseurin zu tun. Christine Hartmann ("Hanni & Nanni") hat schon oft beweisen, wie gut sie ihr Metier beherrscht, unter anderem auch mit einem "Tatort" aus Köln ("Familien", 2018). Einer ihrer besten Filme ist die Verfilmung von Gaby Kösters autobiografischem Schlaganfallbuch "Ein Schnupfen hätte auch gereicht" (RTL 2017). Ihre letzte Arbeit, "Club der einsamen Herzen", war allerdings eine Enttäuschung; die Komödie hätte viel bissiger ausfallen müssen. Größtes Manko von "Kaputt" ist ausgerechnet die Führung der Darsteller; dabei hatte sich beispielsweise Hartmanns ADHS-Drama "Keine Zeit für Träume" (2014) gerade durch ihre ausgezeichnete Arbeit mit den Schauspielern ausgezeichnet. In dem "Tatort" agieren jedoch zu viele Mitwirkende viel zu lebensfern, weshalb die Personen auch aufgrund der oft stereotypen Dialoge (gute Restaurants heißen im TV-Krimi immer "Gourmettempel") nicht wie echte Menschen, sondern wie typische Fernsehfilmfiguren wirken. Das gilt vor allem für die Auftritte von Hauke Diekamp als jugendlicher Mörder, erst recht im Vergleich zu Svenja Jung, die die Dritte im Bunde spielt. Die junge Schauspielerin ist bereits in dem ZDF-Krimi "Ostfriesenkiller" (2017) positiv aufgefallen und hat diese Leistung in dem ZDF-Weihnachtsmärchen "Der süße Brei" (2018) mehr als bestätigt. Trotzdem wirken viele Szenen spürbar inszeniert; gerade über den verschiedenen Streitgesprächen zwischen den Polizisten schwebt die Drehbuchbeschreibung "Die Nerven liegen blank".

Immerhin ist die Bildgestaltung (Peter Nix) sehr sorgfältig, ohne allerdings in irgendeiner Form aufzufallen, und die sanfte Musik von Fabian Römer passt sehr gut zur Stimmung des Films. Endgültig zum Ballast des "Tatort" aus Köln wird allerdings der Kollege in der Dienststelle. Jütte (Roland Riebeling) geht seinen beiden Chefs mit seinem Schneckentempo ohnehin schon lange auf die Nerven. Diesmal dichtet ihm das Autorenduo eine Kandidatur für die Personalratswahl an, was prompt zur Folge hat, das er seine eigentliche Arbeit vernachlässigt. Es wird höchste Zeit, dass Ballauf und Schenk wieder durch eine starke Frau ergänzt werden. Jüttes Äußerungen über eine höhere Gerechtigkeit, die dem Polizistenmörder widerfahren sei, lassen Ballauf feststellen, dass es keine guten und schlechten Morde gibt. Umso tragischer und berührender ist das Ende, als der Kommissar selbst eine Entscheidung über Leben und Tod treffen muss.

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