Diakonie-Präsident zur AfD: Nicht am Modus der Empörung schrauben

Die Diakonie, Initiativen und Verbände rufen zur Beteiligung am zweiten "Tag der offenen Gesellschaft" auf. Diakoniepräsident Ulrich Lilie erklärt im Interview, wo für ihn die Gesprächsbereitschaft endet

Foto: epd-bild/Jürgen Blume

Ulrich Lilie ist evangelischer Pfarrer und seit 2014 Präsident der Diakonie Deutschland.

Beim "Tag der offenen Gesellschaft" will auch die Diakonie als Mitinitiator für Toleranz werben. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt Präsident Ulrich Lilie, wo für ihn die Gesprächsbereitschaft endet, an welchem Punkt eine AfD-Mitgliedschaft in seinem Verband zum Problem wird und warum er manche Empörung über die AfD nicht mitmachen will.

Herr Lilie, am 16. Juni rufen Initiativen und Verbände zur Beteiligung am zweiten "Tag der offenen Gesellschaft" auf, darunter auch die Diakonie. Was werden Sie an diesem Samstag machen?

Lilie: Ich werde an einer Tafel in der Mitte Berlins sitzen und mit hoffentlich vielen Menschen darüber diskutieren, welches Land wir sein wollen in einer ungleicher, älter, diverser, digitaler werdenden Gesellschaft. Die Tischrede an unserer großen Tafel wird Altbundespräsident Joachim Gauck halten. Ich hoffe, dass es bundesweit Hunderte solcher Tafeln gibt.

Worum soll es in den Tischgesprächen gehen?

Lilie: Wir müssen Leute dafür gewinnen, sich für die Demokratie zu engagieren. Man braucht nur mit der S-Bahn durch Berlin fahren um zu sehen, wie unterschiedlich heute Lebenswirklichkeiten sind. Auf dem Land sieht es wieder anders aus. In all diesen Räumen muss sich das Prinzip der offenen Gesellschaft bewähren. Es geht um Einwanderung, Demografie, Digitalisierung. Die Initiative sagt, auch unter diesen Bedingungen wollen wir ein demokratisches und offenes Gemeinwesen bleiben.

Die Diakonie plädiert mit ihrer Kampagne #Zuhören für ein stärkeres Wahrnehmen von anderen. Geplant ist auch ein Plakat, das auf AfD-Wähler anspielt. Hoffen Sie, auch mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen?

Lilie: Alle Menschen, die gehört werden wollen und bereit sind, andere anzuhören, sind herzlich willkommen. Leute, die andere zutexten, anschreien oder Positionen vertreten, die anderen das Recht absprechen, Teil der Gesellschaft zu sein, laden sich selbst aus. Natürlich müssen wir mit Menschen, die die AfD wählen, ins Gespräch kommen. Das ist vielleicht die Chance, die der Einzug der AfD in den Bundestag birgt. Damit wird diskutierbar, was diese Menschen bewegt. Denn sie finden sich auch in unseren Reihen: Sie sind Kirchenmitglieder oder in Gemeinderäten.

Und in der Diakonie? Kann ein AfD-Mitglied etwa Erzieherin in einer Kita eines diakonischen Trägers sein?

Lilie: Die AfD ist eine demokratisch gewählte Partei und eine Diakonie-Mitarbeiterin kann in einer Partei sein, die dem Präsidenten nicht gefällt. Die Frage ist, ob und wie sich die Mitgliedschaft in der konkreten Arbeit auswirkt. Würde man feststellen, dass die Mitarbeiterin mit großen Ressentiments oder ehrverletzend mit Kindern und Eltern umgeht, wird das Thema disziplinarischer Gespräche sein. Wir stehen für eine vorbehaltlose Annahme aller Menschen unabhängig von Portmonnaie, sexueller Orientierung oder Hautfarbe. Wer dagegen verstößt, bekommt mit uns als Arbeitgeber ein Problem.

Alles nur mit der Lösung "Grenze zu" zu beantworten, ist purer Populismus

Als die AfD in den Bundestag einzog, haben Sie für Gelassenheit plädiert und angekündigt, zunächst deren konkrete Positionen anzuhören. Wie bewerten Sie die bisherige Arbeit vor allem im Bereich der Sozialpolitik?

Lilie: Ich kann noch keine konkreten Positionen erkennen, es bleibt sehr diffus. In öffentlichen Statements heißt es, die AfD wolle sich um die Probleme derer kümmern, die oft nicht wahrgenommen werden. Hinter diesem Versprechen bleiben sie aber weit zurück. Wo sind die Konzepte zur Sicherung der Pflege, zur Stabilität sozialer Sicherungssysteme oder zum Wohnungsbau? Alles nur mit der Lösung "Grenze zu" zu beantworten, ist purer Populismus. Wir leben in einer globalisierten Welt und Deutschland hat von der Öffnung profitiert.

Nach einer parlamentarischen Anfrage der AfD, in der ein Zusammenhang zwischen Zuwanderern, Inzucht und Behinderung hergestellt wurde, haben 18 große Wohlfahrtsverbände eine Anzeige in einer überregionalen Zeitung geschaltet, um ihren Protest öffentlich zu machen. Die Diakonie war nicht dabei. Warum?

Lilie: In der Auseinandersetzung mit Populisten muss man eines lernen: Was sie sehr gut können, ist, einem ein stinkendes Auto nach dem nächsten vors Haus zu fahren. Darauf darf man nicht mit großen Abschleppaktionen reagieren, weil sie genau darauf warten. Ich wollte der AfD nicht die Bühne mit solch einer Anzeige bieten. Ich fand die Antworten der Bundesregierung auf diese unsägliche Anfrage ein Exempel kluger Politik. Sie antwortete mit Zahlen und Fakten und sagte damit: Das ist die Liga, in der wir spielen. Wenn man am Modus der Empörung selbst mitschraubt, betreibt man das Marketinggeschäft der Populisten, ob man will oder nicht.

Es gab kürzlich eine Studie des Pew Research Center in den USA, nach der Christen in Westeuropa häufiger als Konfessionslose Vorbehalte gegen Einwanderer, Juden und Muslime haben. In Deutschland vertreten die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände Toleranz. Warum kommt das bei der Basis nicht an?

Lilie: Die Studie ergibt, dass es einen Anteil unter Christen gibt - etwa 24 Prozent -, die solche Einstellungen haben. Das ist aber in der Form nichts Neues. Wir wissen um diese Menschen in unseren Reihen und setzen uns damit auseinander. Die gleiche Verteilung gibt es auch unter Muslimen. Religion hat immer schon ein ambivalentes Gesicht und hat sich angeboten für Fundamentalisten, die nach einfachen Antworten suchen. Jede Religion lässt sich missbrauchen.

Heißt das im Umkehrschluss, unsere Gesellschaft wäre ohne Religion toleranter - und offener?

Lilie: Nein, das wäre ein Milchmädchenrechnung. Religion hat in erster Linie eine enorm zivilisierende Kraft. Das jüdisch-christliche Erbe zieht einen Wärmestrom an Hilfsangeboten durch die Geschichte. 540.000 Mitarbeiter und 700.000 Ehrenamtliche allein bei der evangelischen Diakonie sind ein Potenzial für die Gesellschaft, das man gar nicht überschätzen kann. Die Herausforderung ist, dem Anspruch der Religion gerecht zu werden statt sie zu missbrauchen.