TV-Tipp: "Polizeiruf 110: In Flammen" (ARD)

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TV-Tipp: "Polizeiruf 110: In Flammen" (ARD)
10.6., ARD, 20.15 Uhr
Wenn Stoffe von großer gesellschaftspolitischer Relevanz in der Luft liegen, kann es bei den Sonntagskrimis im "Ersten" schon mal zu gewissen Parallelen kommen. Weil die Auseinandersetzung mit dem grassierenden Rechtspopulismus den Fernsehfilmredaktionen der ARD ein besonderes Anliegen zu sein scheint, befasst sich nun schon zum dritten Mal innerhalb eines Monats ein "Tatort" oder "Polizeiruf" mit dem Thema Rechtsradikalismus.

Nach dem Tod einer Spitzenkandidatin für den Posten der Rostocker Oberbürgermeisterin führt die Spur zu einem braunen Biohof; in diesen Gefilden tummelten sich in den letzten Wochen schon die "Tatort"-Episoden aus dem Schwarzwald ("Sonnenwende") und München ("Freies Land"). Das Drehbuch stammt von Florian Oeller, der für den NDR bereits einen sehenswerten Falke-"Tatort" über Islamismus ("Zorn Gottes") sowie für den "Polizeiruf" aus Rostock den Polizeifilm "Im Schatten" (beide 2016) geschrieben hat.

Die Geschichte von "In Flammen" erinnert allerdings ein wenig an "Dunkle Zeit" (2017), einen "Tatort" von Niki Stein, ebenfalls mit Wotan Wilke Möhring als Torsten Falke, der sich nach der Ermordung eines rechtspopulistischen Strippenziehers mit der von Anja Kling verkörperten charismatischen Frontfrau der Partei anlegte. Die Rolle der Menschenfängerin spielt diesmal Katrin Bühring: Der Film beginnt mit einem Auftritt der PFS-Kandidatin (Partei für Freiheit und Sicherheit) Sylvia Schulte; die Figur ist als Mischung aus Frauke Petry und Alice Weidel angelegt. Kurz drauf stirbt die Politikerin, die in ihrer Jugend Mitglied einer rechtsradikalen "wilden Clique" war, später aber offenbar einen gemäßigten Kurs eingeschlagen hat, einen grauenvollen Tod: Sie wird bei lebendigem Leib verbrannt. Da die Begleitumstände des Mordes einen ausgeprägten Vernichtungsdrang und entsprechend großen Hass vermuten lassen, schließt LKA-Kommissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) politische Motive aus; trotzdem bewegen sich die Ermittler, wie ihr Chef (Uwe Preuss) mahnend anmerkt, auf einem "politischen Minenfeld". Für eine Beziehungstat käme vor allem Schultes Ex-Mann (Patrick von Blume) in Frage, den König und Bukow (Charly Hübner) irgendwo auf dem Land aufstöbern, wo er mit Gesinnungsgenossen eine Art "braunes Bullerbü" betreibt. Allerdings findet sich gemäß der in politischen Zirkeln kursierenden Redensart "Wer Parteifreunde hat, braucht keine Feinde" mit dem Landesvorsitzenden der PFS alsbald ein weiterer Verdächtiger: Holocaust-Verharmloser Roland Herlau (Michael Wittenborn) vergießt zwar ein paar politische Krokodilstränen, aber er musste die Konkurrenz der aufstrebenden Kollegin fürchten. Außerdem stellt sich raus, dass er ein doppeltes Spiel treibt: Öffentlich zieht er über Flüchtlinge her, in Wirklichkeit profitiert er dank dubioser Geschäfte von ihrer Unterbringung; womöglich hat ihn Schulte erpresst. Zum bevorzugten Verdächtigen des Ermittlerduos entwickelt sich jedoch der persönliche Referent des Opfers, ein geflohener Syrer (Atheer Adel), der eine Affäre mit seiner Chefin hatte.

Die Geschichte ist interessant, aber sehenswert ist der "Polizeiruf" vor allem wegen der Umsetzung durch Lars-Gunnar Lotz, der zuletzt drei fesselnde Folgen für die ZDF-Reihe "Stralsund" (2015/16) gedreht hat. Dank Musik und Bildgestaltung steht von Anfang an außer Frage, dass Unheil droht. Sebastian Fillenberg hat einen Klangteppich komponiert, der auch Monster gebären könnte, und die Bildgestaltung (Kamera: Jan Prahl) sorgt für eine angemessene Düsternis; selbst tagsüber spielt der Film bevorzugt im Zwielicht. Fast noch spannender als die Mördersuche ist das Mit- und Gegeneinander der beiden Hauptfiguren. Oeller führt auf einer zweiten Ebene jene horizontale Erzählung fort, die in der an Neujahr 2017 ausgestrahlten "Polizeiruf"-Episode "Angst heiligt die Mittel" begonnen hat, als König beinahe Opfer einer Vergewaltigung geworden wäre. Weil sie den Täter damals fast erschlagen hat, erfolgte eine Anzeige wegen Körperverletzung im Amt, und da Bukow sie gedeckt hat, müssen beide mit einem Disziplinarverfahren rechnen. Dass König dem Kollegen nicht etwa dankbar ist, sondern eher allergisch auf Bukow reagiert, ist zwar nicht ganz schlüssig, aber die LKA-Beamtin ist ja ohnehin eine widersprüchliche Figur. Jedenfalls hat die gegenseitige Gereiztheit zur Folge, dass die Gespräche der beiden gerade auch über den politischen Hintergrund des Falls nie ohne diesen Subtext ablaufen; erneut endet ein "Polizeiruf" aus Rostock, als wäre eine weitere Zusammenarbeit des Duos völlig unmöglich.

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